Dr. Google und das Problem der Gesundheitskompetenz

Ist natürliche Ascorbinsäure besser als synthetische?

Stuttgart - 07.09.2021, 09:15 Uhr

Als Belege die Schädlichkeit von synthetischer Ascorbinsäure werden u.a. Warnhinweise aus Packungsbeilagen vorgebracht, wie beispielsweise die Gefahr von Nierensteinen bei übermäßiger Zufuhr. Auf Früchten oder Säften finden sich derlei Angaben natürlich nicht, selbst wenn grundsätzlich die Möglichkeit einer ähnlich hohen Vitamin-C-Aufnahme besteht. (c / Foto: ExQuisine / AdobeStock)

Als Belege die Schädlichkeit von synthetischer Ascorbinsäure werden u.a. Warnhinweise aus Packungsbeilagen vorgebracht, wie beispielsweise die Gefahr von Nierensteinen bei übermäßiger Zufuhr. Auf Früchten oder Säften finden sich derlei Angaben natürlich nicht, selbst wenn grundsätzlich die Möglichkeit einer ähnlich hohen Vitamin-C-Aufnahme besteht. (c / Foto: ExQuisine / AdobeStock)


Natürliches Vitamin C wird häufig als natürlich und gut verträglich wahrgenommen, während synthetischer Ascorbinsäure Unnatürlichkeit sowie Nebenwirkungen nachgesagt werden. Was ist dran? Mehr denn je ist durch eine allgemein empfundene Gesundheitskompetenz – dank Dr. Google – das Fachwissen von Apothekern gefragt, um mit aus dem Internet stammenden Halbwahrheiten aufzuräumen und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken.

Sämtliches Wissen scheint bloß einen Klick entfernt. Nie war es so einfach, an Informationen zu gelangen. Doch Gleiches gilt leider für eine mindestens ebenso gewaltige Flut an Fehlinformationen und überzeugend klingendem Halbwissen. Eine gut geschulte Medienkompetenz ist heute also wichtiger denn je. Komplexe Sachverhalte werden laienverständlich aufbereitet und leicht verfügbar online veröffentlicht. Allerdings werden die zugrunde liegenden Tatsachen hierbei teils verfälscht oder aus dem Zusammenhang gerissen, was gerade bei Gesundheitsfragen fatale Folgen haben kann. Und besonders bei diesen recherchieren Laien mittlerweile sehr regelmäßig selbst im Internet [1].

Ein auf den ersten Blick eher unspektakuläres Beispiel für die Verbreitung von gesundheitsbezogenen Falschinformationen stellt die Ascorbinsäure dar. Auch in Laienkreisen ist sie unter ihrem Trivialnamen – Vitamin C – bekannt. Dieser Name wurde im Jahr 1920 jener Substanz verliehen, die als sogenannter antiskorbutischer Nahrungsfaktor in verschiedenen Lebensmitteln entdeckt wurde [2, 3, 4]. Der Begriff Ascorbinsäure wurde 1933 vom britischen Chemiker Walter Haworth geprägt, nachdem er ihre chemische Struktur aufgeklärt hatte. Grundlage für seine Arbeit war die Isolation des Stoffs aus verschiedenen Pflanzen- und Gewebeextrakten, was erst wenige Jahre zuvor dem Ungar Albert Szent-Györgyi gelang. Eine Weile später folgte dann die erstmalige chemische Synthese [5, 6]. Der Begriff Ascorbinsäure (antiskorbutische Säure) geht auf ihren Einsatz zur Prävention und Behandlung der Mangelerkrankung Skorbut zurück.

Und trotz dieser gut dokumentierten und durch Nobelpreise ausgezeichneten wissenschaftlichen Meilensteine, verbreitet sich bei vielen medizinischen Laien heute die Annahme, dass die Begriffe Ascorbinsäure und Vitamin C keine Synonyme seien. Laut diversen Onlinemedien handle es sich um zwei verschiedene Substanzen mit entsprechend unterschiedlichen Eigenschaften.

In der Tat ist es je nach Auslegung oder Kontext sinnvoll, die Bezeichnungen voneinander zu differenzieren. Im ernährungswissenschaftlichen Zusammenhang beispielsweise bezeichnet Vitamin C die physiologisch aktive Form, die L(+)-Ascorbinsäure. Zusätzlich werden meist auch ihre biologisch aktiven Derivate unter dem Begriff Vitamin C zusammengefasst, wie die Dehydroascorbinsäure. Dies deckt sich grundsätzlich mit der ursprünglichen Namensgebung. Der Name wurde nämlich für den empirisch ermittelten Mikronährstoff vergeben, völlig unabhängig von seiner damals noch nicht bekannten chemischen Struktur [5]. Die drei Stereoisomere der L(+)-Ascorbinsäure sind ernährungsphysiologisch nicht von Bedeutung [7]. Sie sind bei der Bezeichnung Vitamin C also nicht mitgemeint, obwohl es sich bei ihnen um Ascorbinsäuren mit identischer Summenformel handelt.



Jessica Geller, Autorin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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