Ergebnis der Umfrage

„Kammerwahl? Bringt doch eh nichts“

Stuttgart - 11.08.2021, 07:00 Uhr

Kopf in den Sand: So mancher Apotheker und manche Apothekerin hat offenbar resigniert, was die Standespolitik angeht. (x / Foto: Andrey Kuzmin /AdobeStock)

Kopf in den Sand: So mancher Apotheker und manche Apothekerin hat offenbar resigniert, was die Standespolitik angeht. (x / Foto: Andrey Kuzmin /AdobeStock)


Die baden-württembergischen Apotheker:innen haben kürzlich eine neue Vertreterversammlung gewählt. Oder eher gesagt: Ein Viertel der Apothekerschaft dort hat das getan – die Wahlbeteiligung lag nur bei knapp 25 Prozent und auch in so manch anderer Kammer kam man in den letzten Jahren kaum über 40 Prozent hinaus. Uns hat daher interessiert, warum so viele Kolleg:innen diese Möglichkeit der Mitbestimmung verstreichen lassen. Das Ergebnis unserer nicht repräsentativen Umfrage wirft kein besonders gutes Licht auf die Standespolitik.

„Haben Sie bei der letzten Kammerwahl gewählt und, wenn nein, warum?“ – das wollten wir von unseren Leser:innen wissen. Anlass für diese Frage war die mit 25 Prozent extrem niedrige Wahlbeteiligung bei der letzten Wahl in Baden-Württemberg. Wahlbeteiligungen der vergangenen Jahre aus anderen Kammern sind zwar höher, kommen aber auch selten über 40 Prozent hinaus.

Unserem Aufruf, sich an der Umfrage zu beteiligen, sind 621 Leser:innen gefolgt. Mehr als drei Viertel davon sind in der öffentlichen Apotheke tätig, knapp über 3 Prozent im Krankenhaus und der Rest in der Industrie, an den Universitäten usw.. Von den Kolleg:innen in den öffentlichen Apotheken ist etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent) angestellt.

DAZ-Leserschaft hat mehrheitlich gewählt

Die DAZ-Leser:innen haben allerdings entgegen dem landläufigen Trend mehrheitlich ihre Stimme abgegeben (das Ergebnis ist nicht repräsentativ): 55 Prozent gaben an, bei der letzten Kammerwahl gewählt zu haben. Das Verhältnis von Angestellten in öffentlichen Apotheken und Inhaber:innen ist bei denen, die zuletzt mit abstimmten, nahezu ausgeglichen: 38 Prozent Angestellte und 35 Prozent Apothekenleiter:innen. (Die übrigen Stimmen entfallen auf Krankenhausapotheker:innen und in anderen Feldern Beschäftigte, wie Industrie, Universität etc.). Unter denen, die nicht gewählt haben, liegen die Werte weiter auseinander: 44 Prozent Angestellte und 37 Prozent Leiter:innen haben angegeben nicht, an der letzten Wahl teilgenommen zu haben.

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Bei der Frage nach dem Grund war fast ein Drittel der Nichtwähler (32 Prozent) der Meinung, dass Wählen ohnehin nichts bringt. Dazu kommt noch ein erheblicher Anteil (26 Prozent), der angibt, gar nicht zu wissen, was er da wählt. Insgesamt 23 Prozent haben schlicht vergessen zu wählen oder haben gar nicht mitbekommen, das Wahlen sind. Die Übrigen haben andere Gründe. Hier findet sich auch eine Reihe von Antworten, die auf eine gewisse Ernüchterung bzw. Unzufriedenheit mit der Standesvertretung hindeuten, zum Beispiel, dass man sich von der Standesvertretung nicht repräsentiert fühle oder die Standespolitik nichts für den Berufsstand tue. Einige gaben auch an, keine Unterlagen bekommen zu haben, oder dass sie sich eine digitale Wahl gewünscht hätten – tatsächlich wird meist per Brief gewählt. Lediglich manche Kammerbezirke, zum Beispiel Westfalen-Lippe, bieten auch an, online zu wählen. 

Betrachtet man nur die Gruppe der Inhaber:innen, stellt man fest, dass hier der Anteil derer, die meinen, dass eine Beteiligung an der Kammerwahl nichts bringe, größer ist als bei den Angestellten (40 versus 30 Prozent). Bei Letzteren spielte gar nicht zu wissen, was sie wählen, eine ähnlich große Rolle (31 Prozent). 

Strukturelle Probleme leicht behebbar

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass zumindest bei den Teilnehmer:innen dieser Umfrage tatsächlich eine gewisse Ernüchterung und Unzufriedenheit mit ihrer Standesvertretung eine relevante Rolle spielen, nicht zu wählen. Inwiefern das sich in den kommenden Jahren ändert und sich das dann tatsächlich auch auf die Wahlbeteiligung auswirkt, bleibt abzuwarten. 

Strukturelle Probleme, die dazu führen, dass nicht gewählt wird, sollten sich hingegen schneller beheben lassen. So dürfte es keine Kammer vor größere Probleme stellen, die Möglichkeit anzubieten, online abzustimmen (falls erforderlich nach entsprechenden Satzungsänderungen). Zudem sollte man sich vielleicht seitens der Kammern etwas einfallen lassen, um der Apothekerschaft das System, die Kandidierenden und wofür sie stehen etwas näherzubringen.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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3 Kommentare

Beruffständische Demokratie

von Dr. Thomas Hardt am 12.08.2021 um 11:23 Uhr

Danke Herr Dr. Diefenbach für Ihren Kommentar dem wenig hinzuzufügen bleibt:
"Handeln statt Jammern" - das geht aber nur nur, wenn man mitmacht und nie, wenn man auf andere wartet.

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621 Leser irren nicht !

von Ulrich Ströh am 11.08.2021 um 14:49 Uhr

Alte Indianerweisheit:

Steig ab vom Gaul ,
wenn Du merkst ,
er lahmt !

Und bei Kammer-
und Verbandswahlen lahmt vieles
seit vielen Jahren.

Und manche Gewählte haben sich
gemütlich damit eingerichtet,
seit vielen Jahren…und es ändert sich nichts.

Ich kann die Wähler nach 40 Jahren Kammerversammlung verstehen!

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Wählen? Ja oder Nein

von Dr.Diefenbach am 11.08.2021 um 14:13 Uhr

Es ist immer dasselbe:Wer nicht wählt, braucht sich nicht zu beklagen.Wer immer Kritik übt, seine Zeit aber niemals in den Dienst der KollegInnen stellen möchte, der verwirkt m.E.nach viele Ansprüche gehört zu werden!!Es gibt IMMER Gründe an der Berufsspitze etwas auszusetzen, aber eines ist unbestreitbar:Wenn die paar Prozente die WÄHLEN,befremdliche politische Entscheidungen absegnen oder dafür sorgen dass zum Beispiel ABDA Gelder in nie gekanntem Maß eingefordert werden
(begründet mit EU,IT,neuen Aufgaben usw. usw. )DANN wird es auch keine Änderung im System-was ich ja sowieso fragwürdig finde-geben.
Es ist zB in Hessen so dass ca 80 % der Beanspruchungen der LAK von den angestellten Mitgliedern ausgehen, umgekehrt aber der ganz grosse Teil unserer Gelder von den Selbständigen herrührt.Wenn jemand eine Haushaltsvorlage nicht passt, dann kann er es ABLEHNEN.Wenn jemand Anträge stellen will, dann kann er das TUN.Das wird auch behandelt.Unser Spektrum der Delegierten reicht vom Establo bis zum Öko,vom Sozi
bis zum Konservato!!.Und das funktioniert, auch wenn es ab und zu hakt, Ich stelle jedenfalls regional fest ,dass man sich hier nicht an vollmundigen Vertretern des Standes orientiert, die(völlig unpassend und peinlich)Nichtmitglieder in einem Verband(egal jetzt mal die Struktur es sind ja oft die gleichen Leute)als Schmarotzer abtun.GENAU das ist aber die Crux;Solche Kandidaten haben die Zeit, die "Kohle" im Hintergrund, oftmals den Bezug zur BASIS verloren.Wir kritisieren Politbüros,
Bundes-und Landtage etc.,aber in der ABDA gehts doch auch genauso.Deswegen kommt man auch nur weiter.WENN MAN W Ä H L T !!Und wenn es in manchen Landesorganisationen autoritär zugeht.DANN soll die Basis mucken.Dann muss halt auf Dauer auch das System ANDERE Strukturen haben:Getrennte Kammern von Verbänden in der ABDA,getrennte Haushalte(es geht doch meist ums Geld).Wenn Profis neben ein paar vom "Volk" gewählten den Beruf vertreten-dann wäre wohl vieles anders. Das wurde schon so oft formuliert.Ich sehe auch, das die Berufspolitik auf ganz vielen entscheidenden Ebenen versagt hat, auch JETZT:Man könnte Corona, Impfpässe uvm ideal nutzen um die die Apotheke VOR ORT für immer und ewig als unverzichtbar darzustellen.Wir haben ein Millionenbudget in der ABDA PR:Die Werbung FÜR die Apotheke vor Ort machen in der Hauptsache andere.Darüber beschweren sich auch Viele von denen die NICHT abstimmen:Dann wähle man solche VertreterInnen ab!!Jeder der sich frustriert abwendet, vergibt ein Basisstück der Demokratie:Und öffnet wie in der grossen Politik die Tür für teilweise fragwürdige Interessenvertreter ,die dann-circulus-so arbeiten, dass die Basis abgeschreckt wird!! Es bedarf grosser Motivation um die wahlmüden KollegInnen zu aktivieren, dazu gehört halt auch:Eine Angleichung von Wahlmodi in den einzelnen Bundesländern, andere Formen vor Allem in der Entscheidung bei zukünftigen
Apothekertagen,dem stets kritisierten Medium:Viel versprochen, wenig umgesetzt ,verschoben in Ausschüsse...
Manchmal kommt halt auch der Verdacht auf:"MIR" gehts ja eigentlich "ganz gut",die da oben machen eh was sie wollen,"mir fehlt auch die Zeit"(was oft nachvollziehbar ist).Das kann aber unmöglich die breite Masse der Nichtwähler sein.Wird sie wirklich erst aktiv, wenn eine anders gefärbte
Bundesregierung noch mehr und auch finanziell so richtig Schlitten mit uns fährt?? Deshalb AB-und ZUwählen.Wann immer möglich.oder SELBST einsteigen!!Und für einige KollegInnen gilt halt auch:Work-Life Balance ist weit nach rechts verschoben,Das ist MIST,das wird auch nicht funktionieren.Wenn der Beruf Bestand haben will .







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