Arzneimittel- und Wirkstoffimporte in die EU

Wird die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten überschätzt?

Remagen - 24.06.2021, 16:45 Uhr

China spielt als maßgeblicher Wirkstoff-Lieferant eine immer größere Rolle. (Bild: Виталий Сова / AdobeStock)

China spielt als maßgeblicher Wirkstoff-Lieferant eine immer größere Rolle. (Bild: Виталий Сова / AdobeStock)


Spätestens seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie ist die Abhängigkeit der Europäischen Union von asiatischen Arzneimittel- und Wirkstofflieferanten ein großes Thema. Aber ist diese wirklich so groß, wie es oft behauptet wird? Eine neue Studie des European Centre for International Political Economy (ECIPE) zeigt eher das Gegenteil. Die Versorgung stammt danach im Wesentlichen aus der EU selbst. China spielt jedoch als maßgeblicher Wirkstoff-Lieferant eine immer größere Rolle.

Schon vor der Coronakrise gab es in Europa bei Arzneimitteln immer mehr Lieferengpässe und seit dem vergangenen Jahr werden die Forderungen immer lauter, die Produktion wieder stärker nach Europa zurückzuholen. Aber beruht dieser „gefühlte“ Mangel wirklich auf harten Zahlen und wäre eine stärkere Abkoppelung von internationalen Lieferketten tatsächlich der richtige Ausweg aus dem Dilemma?

Eine neue Studie des European Centre for International Political Economy (ECIPE) hat die Im-und Exportbilanz der EU für pharmazeutische Erzeugnisse im Detail aufgearbeitet. Die Analyse, die vom europäischen Dachverband der forschenden Arzneimittelhersteller EFPIA in Auftrag gegeben wurde, stellt nicht nur die „düsteren“ Aussichten auf die Versorgung infrage. Sie belegt auch, dass die globalen Lieferketten während der Pandemie tatsächlich eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt haben.

Rund drei Viertel der EU-Pharmaimporte kommen aus Europa  

Nach Angaben in der ECIPE-Studie wird mehr als die Hälfte (51 Prozent) der in der EU konsumierten pharmazeutischen Erzeugnisse im Inland hergestellt. Als Haupterzeugerländer (nach Wert) werden Irland, Deutschland und Frankreich angegeben. Bei den Wirkstoffen (APIs) rangieren ebenfalls Irland und Deutschland und dahinter Italien auf den ersten drei Plätzen.

China wichtigster Drittland-Importeur

Die EU-27 importierten im Jahr 2019 pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 286 Milliarden Euro. 81 Prozent (71,6 Prozent nach Menge) der Einfuhren von Fertigarzneimitteln und APIs stammen aus Europa, das heißt aus der EU-27 plus Schweiz und Großbritannien. Nach Wert kommen 8,9 Prozent aus den USA, 2,5 Prozent aus Singapur, 2,4 Prozent aus China und 1,4 Prozent aus Indien.

Speziell bei den Wirkstoffen kommen wertmäßig allerdings nur 53,4 Prozent der Einfuhren aus der EU-27 selbst (72,7 Prozent aus Europa insgesamt), gefolgt von 8,4 Prozent aus den USA, 7,2 Prozent aus China und 3,4 Prozent aus Indien. Auch mengenmäßig sind die Importanteile aus Drittländern bei APIs deutlich höher. Der wichtigste außereuropäische Importpartner ist China mit 22,6 Prozent. Im Jahr 2010 hatte der Anteil noch bei 11,8 Prozent gelegen. Die Autoren betonen jedoch, dass der Wert immer noch weit entfernt sei von den 75 oder 80 Prozent, den die European Fine Chemicals Group (EFCG) oder andere Quellen behauptet hätten.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Keine Aussagekraft

von Jan Oesterwalbesloh am 28.06.2021 um 9:15 Uhr

Ich schließe mich Herrn Becker an, da dieses Papier keine relevante Aussagekraft hat. Zum einen ist das ECIPE ein Lobby-Organisation, die sich auf den internationalen -und damit barrierefreien internationalen Handel- beschränkt, zum anderen werden nur zwei wenig aussagekräftige Kennzahlen in dieses Papier aufgenommen. Weder die Marktrelevanz einzelner APIs oder FPPs werden betrachtet, noch die Herstellungsstätten dieser, da nur Importvolumen und -wert betrachtet werden. Auch der Herfindahl-Hirschman-Index mit ausschließlichem Blick auf die Anzahl der Länder, von denen importiert wird, beleidigt jeden intellektuell, der sich mit dem Thema auskennt.

Kurz gesagt, hat diese Lobbyorganisation hier Zahlen schöngerechnet und eine Aussage aufgrund einer Datenbasis getroffen, auf der diese gar hätte getroffen werden können, um damit mit blumiger Formulierung den status quo zu verteidigen. Abgesehen davon können auch bei ausreichender Versorgung des europäischen Marktes natürlich aufgrund verschiedener Preisgestaltungen durch Reimporte oder Parallelhandel nationale Versorgungsausfälle auftreten.

Von der DAZ hätte ich mir eine differenziertere Berichterstattung gewünscht und nicht das mehr oder minder unkritische Abschreiben eines Positionspapiers einer Lobbyorganisation.

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Wert und Volumen - toll

von David Becker am 28.06.2021 um 8:48 Uhr

Nettes Positionspapier, nur sind weder Wert noch Volumen wirklich aussagekräftige Kennzahlen sind um hier eine Abhängigkeit zu untersuchen... Wenn das L-Thyrox nicht mehr lieferbar ist hilft es wenig, dass das nur 1/1000 von dem teuren neuen Biologikum kostet oder nur 1/10000 so viel groß ist.
Da muss für eine echte Bewertung mehr Arbeit reingesteckt werden - ich fühle mich so informiert wie vorher.

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