Gastkommentar

Das Impfchaos aus der Sicht der Arzneimittelsicherheit

17.03.2021, 13:45 Uhr

Ist die AstraZeneca-Impfpause gegenwärtig wirklich gerechtfertigt? Hierzu gehen die Meinungen auseinander. (Foto: IMAGO / TT)

Ist die AstraZeneca-Impfpause gegenwärtig wirklich gerechtfertigt? Hierzu gehen die Meinungen auseinander. (Foto: IMAGO / TT)


Schon Paracelsus wusste: Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Oder wie man heute sagen würde: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Wenn dem so ist, warum richten dann unsere Politiker immer wieder so ein Chaos an, wie es jüngst beim Corona-Impfstoff von AstraZeneca zu beobachten ist? Es fehlen die Fähigkeiten, Dinge im Zusammenhang zu beurteilen und dann die Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden, meint Dr. Franz Stadler in einem Zwischenruf.

Sicher, jede Gehirnthrombose ist ein schwerwiegendes, vielleicht sogar tödliches Ereignis. Es kann verschiedene Ursachen haben. Möglicherweise ist die Ursache die Nebenwirkung eines Medikaments, beispielsweise der „Pille“, eventuell auch einer Impfung, zum Beispiel durch den Corona-Impfstoff von AstraZeneca. Und ebenfalls sicher ist, dass diese möglichen Nebenwirkungen untersucht werden müssen.

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Aber dann beginnt zwingend ein Abwägungsprozess, der die Vor- und Nachteile eines weiteren Einsatzes des betroffenen Arzneimittels gegenüberstellt und in der Folge zu einer nachvollziehbaren Entscheidung führen muss.

In unserem Fall bedeutet das: Wir stecken mitten in einer Pandemie, die viele Todesopfer fordert und Schwererkrankte mit Langzeitfolgen zurücklässt. Die Zahl der verfügbaren Impfstoffe ist begrenzt und die Liefermengen zurzeit deutlich zu niedrig. Jetzt wegen der Prüfung (!) einer sehr seltenen Nebenwirkung einen der verfügbaren Impfstoffe vom Markt zu nehmen, ist schlicht Unsinn. Nicht nur wird das Vertrauen in diesen Impfstoff auch bei einer möglichen späteren Wiedereinführung nachhaltig zerstört sein, es kostet sehr wahrscheinlich mehr Menschenleben, nicht mit dem Impfstoff zu impfen, als ihn weiter anzuwenden.

Deshalb ist die Entscheidung klar: Weiterimpfen und die Impfkandidaten über die mögliche Nebenwirkung und ihr persönliches Gesamtrisiko aufklären. Kein wirksames Arzneimittel ist eben ohne Nebenwirkungsrisiko. Würden unsere Entscheider sich nicht hinter ängstlichen Behördenempfehlungen verstecken, die zudem offensichtlich die Gesamtsituation aus dem Auge verloren haben, wäre das aus meiner Sicht momentan zwingend die korrekte Entscheidung im Sinne der Arzneimittelsicherheit und im Sinne der Menschen.

Diese Entscheidung könnte und müsste aus Gründen der Arzneimittelsicherheit durchaus anders ausfallen, hätten wir genügend Impfstoff zur Verfügung. Da wir aber Alternativen, zum Beispiel Sputnik V, trotz deren mittlerweile millionenfachen und weltweiten Einsatzes noch immer nicht zugelassen haben (wir prüfen und prüfen und prüfen – was eigentlich? Die Aktenlage? Die politische Kompatibilität?), steht uns diese Möglichkeit nicht offen. Auch dafür sollte jemand die Verantwortung übernehmen.

Apotheker Dr. Franz Stadler hat seine Apotheke mittlerweile verkauft. Er ist aber weiterhin regelmäßiger Gastkommentator auf DAZ.online, hat zudem im vergangenen Jahr das Buch „Medikamenten Monopoly“ herausgebracht und vor Kurzem die „Stiftung für Arzneimittelsicherheit“ gegründet.


Dr. Franz Stadler
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Zustimmung

von Norbert Brand am 18.03.2021 um 9:07 Uhr

Richtig Herr Kollege Stadler, Sie haben es auf den Punkt gebracht: Abwägen, entscheiden und dann v.a. auch die Verantwortung übernehmen. Ab dem "Abwägen" ist nmE die Behörde aus dem Spiel, den Rest müssen die Politiker entscheiden und v.a. auch verantworten. Kein Vertreter der mittlerweile auf Vollkasko-Mentalität getrimmten Behörden würde heutzutage empfehlen, weiterzuimpfen, denn er würde bei jedem weiteren Toten "gegrillt" werden.

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