Corona-Pandemie

„Eine langfristige Strategie ist weiterhin nicht erkennbar“

Dresden - 13.01.2021, 09:15 Uhr

Eine Gruppe von Autoren, darunter Gerd Glaeske meinen in ihrem 7. Thesenpapier zur Corona-Pandemie, die Politik habe versäumt gut geschnittene Präventionsprogramme auf Herbst und Winter vorzubereiten. (Foto: Danny / stock.adobe.com)

Eine Gruppe von Autoren, darunter Gerd Glaeske meinen in ihrem 7. Thesenpapier zur Corona-Pandemie, die Politik habe versäumt gut geschnittene Präventionsprogramme auf Herbst und Winter vorzubereiten. (Foto: Danny / stock.adobe.com)


Seit zehn Monaten veröffentlicht eine Gruppe von Autoren Thesenpapiere zur Corona-Pandemie. Jetzt erschien die 7. Version. Darin heißt es: „Zu Beginn dieses Jahres 2021 ist die Bilanz bedrückend, die zweite Verlängerung des Lockdowns ist so wie vorhergesagt notwendig geworden.“

Am Corona-Kurs der Bundesregierung hagelt es Kritik. Sie kommt erneut von einer Gruppe von Autoren, darunter der Apotheker Prof. Gerd Glaeske, einst Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit, Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Franz Knieps, Jurist und Vorstand des BKK-Dachverbands. In ihrem jüngsten Thesenpapier monieren sie, eine langfristige Strategie im Kampf gegen Corona sei weiterhin nicht erkennbar, „der (ausbleibende) Erfolg der bisherigen Maßnahmen wird an nicht verlässlich zu erhebenden Melderaten gemessen, ohne die Diversität der gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen mit einzubeziehen“. Die kommunizierten Ziele wie eine Inzidenz unter 50 pro 100.000 Einwohner befänden sich „in unerreichbarer Ferne“.

Die Corona-Pandemie habe sich hierzulande zu einer handfesten Krise ausgewachsen, „die Konsequenzen gravierender politischer Fehlentscheidungen werden offenbar“. Obwohl von Anfang an klar erkennbar gewesen sei, dass es sich um eine „Epidemie der Alten“ handele, „und man alle Zeit gehabt hätte, sich mit gut zugeschnittenen Präventionsprogrammen auf Herbst und Winter vorzubereiten, und die Intensivkapazitäten zu sichern, ist nichts geschehen – außer einer sich perpetuierenden Aneinanderreihung von Lockdowns.“ Die Sterblichkeit der über 70-Jährigen liege Ende 2020 bei über 88 Prozent der COVID-19-bedingten Gesamtsterblichkeit, die Verantwortlichkeit hierfür sei nicht in der Biologie eines Erregers begründet, sondern in der Verantwortung der politisch Handelnden. 

Spezielle Schutzmaßnahmen für vulnerable Gruppen nötig

Die Autoren argumentieren erneut, dass die Zahlenbasis verbessert werden muss, Kohortenstudien notwendig sind und die allgemeinen Präventionsmaßnahmen wie Kontakteinschränkung und Nachverfolgung durch spezielle Schutzmaßnahmen für die vulnerablen Gruppen ergänzt werden sollten. Anderenfalls seien sie Folgen nicht zu beherrschen. Die Autoren räumen aber auch ein, dass ihre Appelle nur teilweise erfolgreich waren. Zwar seien die Grundaussagen von zahlreichen Institutionen und auch von den Bundes- und Landesregierungen in Teilen übernommen worden – „aber es existieren zahlreiche Indizien dafür, dass das eigentliche Ziel des politischen Handelns nicht abschließend geklärt ist oder man sogar im Grunde immer noch von einer Eradikation (Auslöschung) der Epidemie ausgeht, einer Ansicht, der man fachlich-wissenschaftlich nicht folgen kann.“

Impfbereitschaft der Deutschen nicht stabil

In ihrem aktuellen Thesenpapier nehmen die Autoren unter anderem das Impfen in den Blick – nicht mit dem Anspruch, eine umfassende Lösung vorlegen zu können, aber mit der Absicht, mögliche Probleme zu benennen. Aber: „Gerade zu Beginn der Impfkampagne ist es kein gutes Zeichen, dass die Spitzen der deutschen Ärzteschaft wie Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, und Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die ausgegebenen Zielvorstellungen infrage stellen und dringend eine Kurskorrektur einfordern, aber offensichtlich nicht gehört werden – in einer Zeit, in der eigentlich jede fachkundige Stimme notwendig ist.“

Laut den Autoren ist die Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, nicht stabil, sie könne kurzfristig emotional und medial beeinflusst werden. Deshalb bedürfe es einer „umfassenden sachlichen und offeneren Informationskampagne“. Die Ansicht, eine Impfkampagne sei letztlich nur ein „kleiner Piks“ in den Oberarm, sei jedoch weit von der Realität entfernt. Zudem reiche es nicht aus, einen Impfstoff zur Verfügung zu haben. Vielmehr müssten die „konfliktreichen, grundrechtsbezogenen und ethischen Konflikte“ einer solchen Kampagne zum Gegenstand der Überlegungen gemacht werden. Auch Ärzte sollten ihren Beitrag leisten – indem sie ihre Meldebereitschaft über Nebenwirkungen der Impfung erhöhen. „Die deutsche Ärzteschaft war bisher, soweit es Nebenwirkungen von Arzneimittel betrifft, nach bisherigen Erfahrungen nicht sehr meldewillig. Diese Meldebereitschaft muss deutlich durch Überzeugungsarbeit und gegebenenfalls Vergütung verbessert werden“, heißt es im Papier. 

Die vollständigen Thesen im Wortlaut können hier nachgelesen werden.


Anja Köhler, Freie Journalistin
redaktion@daz.online


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