Keine Herdenimmunität in Manaus?

Wie sich die COVID-19-Pandemie ohne Schutzmaßnahmen entwickeln kann

Düsseldorf - 16.12.2020, 12:15 Uhr

Brasilien ist eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder mit bis 11. Dezember 2020 insgesamt 6.781.799 bestätigten Fällen und 179.765 Todesfällen. Die Region Amazonas mit ihrer Regionalhauptstadt Manaus ist innerhalb Brasiliens der am stärksten von COVID-19 betroffene Bereich. (Foto: imago images / Fotoarena)

Brasilien ist eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder mit bis 11. Dezember 2020 insgesamt 6.781.799 bestätigten Fällen und 179.765 Todesfällen. Die Region Amazonas mit ihrer Regionalhauptstadt Manaus ist innerhalb Brasiliens der am stärksten von COVID-19 betroffene Bereich. (Foto: imago images / Fotoarena)


Manaus ist ein Beispiel für eine ungebremste COVID-19-Epidemie. Dort sind Dreiviertel der Bevölkerung infiziert. Ein internationales Forscherteam um Professor Ester Sabino, Leiterin des tropenmedizinischen Instituts der Universität von São Paulo in Brasilien, hat seit Beginn der Epidemie die SARS-CoV-2-Antikörpertiter in Proben aus Blutspenden in den brasilianischen Millionenstädten Manaus und São Paulo erhoben. Aus den Daten ziehen die Forscher Schlüsse, wie sich die Pandemie ohne Schutzmaßnahmen entwickelt und wie unsicher das Thema „Herdenimmunität“ ist.

„Manaus repräsentiert eine Musterpopulation, die uns eine Datenbasis gibt für das, was geschieht, wenn man SARS-CoV-2 erlaubt, sich nahezu ungehindert auszubreiten“, schreiben die internationalen Forscher um Professor Ester Sabino, Leiterin des tropenmedizinischen Instituts der Universität von São Paulo in Brasilien, in ihrer jetzt im Fachmagazin Science veröffentlichten Studie „Three-quarters attack rate of SARS-CoV-2 in the Brazilian Amazon during a largely unmitigated epidemic“.

Über Dreiviertel der Bevölkerung der Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole am Amazonas sind ihren Daten zufolge bis Oktober mit dem Coronavirus in Kontakt geraten, errechneten die Forscher. Basis ihrer Hochrechnung sind dabei die IgG-Antikörpertiter, die sie seit dem ersten Auftreten von COVID-19 in Manaus mit dem ersten bestätigten Fall am 13. März 2020 regelmäßig aus Blutproben von Blutspendern in Manaus – und zum Vergleich in der brasilianischen Hauptstadt São Paulo – erhoben haben.

Die Region Amazonas mit ihrer Regionalhauptstadt Manaus ist innerhalb Brasiliens der am stärksten von COVID-19 betroffene Bereich. Brasilien insgesamt ist eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder mit bis 11. Dezember 2020 insgesamt 6.781.799 bestätigten Fällen und 179.765 Todesfällen. Von Mitte März bis Anfang Mai breitete sich das Virus in der Region nahezu ungehemmt aus und verursachte eine um den Faktor 4,5 erhöhte Sterblichkeit. Die Basisreproduktionszahl R0 wird von den Forschern für den Bundesstaat Amazonas in der ersten Welle auf 2,5 bis 3,0 geschätzt. Maßnahmen wie Schulschließungen und ein Lockdown wurden auch dort zwar bereits im März etabliert, dennoch breitete sich das Virus in der Stadt weiter aus – deutlich im Vergleich zum Verlauf der Epidemie in der Hauptstadt São Paulo.

Lebensumstände in Manaus begünstigen die Virus-Ausbreitung

Die Wissenschaftler bestimmten in ihrer Studie die gegen das Nucleocapsid-Protein (N) gerichteten IgG-Antikörper mit einem kommerziellen standardisierten Chemolumineszenz-Assay. Unter Berücksichtigung der Verteilung von Alter und Geschlecht bei den Blutspendern, der Effizienz des Tests, sowie korrigiert um den Prozentsatz Erkrankter ohne detektierbare Antikörper und den Faktor geringerer Antikörperantwort bei nur milden oder keinen Symptomen errechneten die Forscher die „Attack Rate“ von SARS-CoV-2 – also die Gesamtinfektionszahl in der Stadt am Amazonas. „Das Ziel dieser Studie war es, die SARS-CoV-2-Attack-Rate in Manaus zu bestimmen und damit zu untersuchen, ob die Epidemie sich eindämmen ließ (Nettoreproduktionszahl Rt<1), weil entweder der Schwellenwert der Herdenimmunität erreicht war oder andere Faktoren wie Verhaltensänderung oder nicht-pharmazeutische Maßnahmen greifen“, schreiben die Autoren.

Bei ihrer Untersuchung kamen die Forscher zu mehreren Schlussfolgerungen: Zum einen vermuten sie insbesondere sozioökonomische Faktoren dafür, warum sich in Manaus trotz eingeleiteter Maßnahmen das Coronavirus weiter verbreitete: „Beengte Wohnverhältnisse, limitierter Zugang zu Trinkwasser und die Nutzung meist überfüllter Flussboote als Haupttransportmittel“ sehen die Forscher als Ursachen. Auch die sehr junge mobile Population der Amazonas-Metropole, eine geringe vorab bestehende Immunität gegen das Virus sowie eine frühe Zirkulation mehrerer Virus-Linien aus verschiedenen Orten habe zu dem großen Ausmaß des Ausbruchs beigetragen. Genau müsste man diese Faktoren aber noch untersuchen, schreiben die Forscher. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle fanden die Forscher so in Manaus eine Infektionsrate von 52,5 Prozent positiver aller untersuchten Proben im Juni während in São Paulo der Maximalwert bei 13,6 Prozent aller Proben lag.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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