90-90-90 Ziel knapp verfehlt

Welt-AIDS-Tag: Zahl der Neuinfektionen leicht gestiegen

Köln - 01.12.2020, 07:00 Uhr

Für Aktionen zum Welt-AIDS-Tag findet man kostenlos Aktionsmaterial im Internet. (c / Foto: Vasyl / stock.adobe.com)

Für Aktionen zum Welt-AIDS-Tag findet man kostenlos Aktionsmaterial im Internet. (c / Foto: Vasyl / stock.adobe.com)


Pünktlich zum Welt-AIDS-Tag hat das RKI die aktuellen Zahlen zur HIV-Epidemie in Deutschland veröffentlicht. Im Gegensatz zum rückläufigen Trend der Vorjahre ist die Zahl der geschätzten Neuinfektionen auf 2.600 Infektionen pro Jahr gestiegen. 

Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 26. November von der „Pandemie, die nie beendet wurde“ – die Rede ist von HIV. Wie es um die HIV/AIDS-Situation speziell in Deutschland bestellt ist, hat das Robert Koch-Institut (RKI) anlässlich des Welt-AIDS-Tages im Epidemiologischen Bulletin zusammengestellt. Im Jahr 2019 haben sich demnach geschätzt 2.600 Personen in Deutschland mit HIV infiziert, 2018 waren es 2.500 Neuinfektionen – ein leichter Anstieg also. Von den 2.600 HIV-Neuinfizierten entfallen etwa 1.600 auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sowie 650 auf heterosexuelle Kontakte (Hetero) wovon schätzungsweise 400 Frauen und 250 Männer betroffen sind. Weitere 360 Neuinfektionen entfallen auf Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen (IVD). Somit ist die Zahl der Menschen mit einer HIV-Infektion bis Ende 2019 in Deutschland auf 90.700 gestiegen.

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90 - 90 - 90 ist das Ziel

Die hauptsächlichen Anstiege wurden durch männliche IVD und heterosexuelle Kontakte verursacht – ein Trend, der seit den vorhergehenden Jahren anhält. Im Vergleich hierzu ist seit 2013 die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter MSM von 2.200 auf 1.600 gesunken, allerdings ist sie gegenüber dem Vorjahr unverändert geblieben.

Betrachtet man die Altersverteilung, so bleibt die Anzahl der unter 40-jährigen Betroffenen in den letzten 25 Jahren nahezu gleich. Bei den über 40-Jährigen hat sich die Anzahl im Verlauf der Epidemie verfünffacht. Dies spricht zum einen für die Erfolge der antiretroviralen Therapie, welche heutzutage eine fast normale Lebenserwartung ermöglicht, andrerseits ist dies auch durch Neuinfektionen in höheren Altersgruppen verursacht.

Mehr zielgruppenspezifische Testangebote nötig

Leider bleibt die Erfüllung des von UNAIDS (Programm der Vereinten Nationen für HIV/AIDS) gesetzten „90-90-90 Ziels“ zur Bekämpfung der Epidemie knapp verfehlt. Demzufolge sollen bis zum Jahr 2020 90 Prozent der Menschen mit HIV diagnostiziert sein, wovon dann 90 Prozent eine antiretrovirale Behandlung erhalten. Davon sollen dann 90 Prozent eine nicht-nachweisbare Viruslast aufweisen. Die zwei letzteren Ziele konnten mit jeweils 96 Prozent erreicht werden. Der erste Zielwert für die Anzahl der diagnostizierten Infektionen wurde mit 88 Prozent aber leicht unterschritten.

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Als Strategie zur zukünftigen Bekämpfung von HIV empfiehlt das RKI weiterhin Kondome als Schutz vor HIV und weiteren sexuell übertragbaren Infektionen. Zusätzlich existiert die Möglichkeit der Anwendung einer Präexpositionsprophylaxe (PreP). Hierbei wird durch die Einnahme der antiretroviralen Wirkstoffe Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin, durch HIV-Negative, eine Infektion verhindert. Mittlerweile sind Kombipräparate mit den beiden Wirkstoffen generisch verfügbar und seit Herbst 2017 in Deutschland zugelassen. Zum 01.09.2019 wurde die PreP im Rahmen des TSVG in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen.

Weiterhin ist es wichtig die Anzahl der nicht-diagnostizierten Infektionen zu verringern und einen frühestmöglichen Therapiebeginn zu ermöglichen. Hierdurch kommt es zu einer niedrigeren Sterblichkeit und zeitgleich zu weniger Behandlungskosten, was bereits 2015 durch die START-Studie gezeigt werden konnte. Zeitgleich kommt es durch den Ansatz „Treatment as Prevention“ (TasP) zu weniger Ansteckungen, da bei erfolgreicher antiretroviraler Therapie kein Infektionsrisiko mehr vom Patienten ausgeht. Dies konnte bereits durch die PARTNER-Studie von 2019 erfolgreich belegt werden. 

Daher wäre auch die Behandlung für Menschen ohne Papiere und EU-Bürger ohne Krankenversicherung hinsichtlich Public-Health wichtig. Zusätzlich müssen weitere Bemühungen zur Steigerung der Testbereitschaft angestrebt werden, zum Beispiel durch mehr zielgruppenspezifische Testangebote. Dadurch würde vor allem die Zahl der späten Diagnosen verringert, und das „90-90-90 Ziel“ könnte erreicht werden, wodurch eine Eindämmung der Epidemie wahrscheinlicher werden würde.


Jakub Kubiak, M.Sc., Apotheker
redaktion@daz.online


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