Kommentar

Das Edikt von Salerno ist aktueller denn je

Stuttgart - 15.10.2020, 17:50 Uhr

Bereits vor 800 Jahren sah man die Gefahr, dass Ärzte sich an ihren Verschreibungen bereichern, wenn man Arzneimittelverordner und -distributor nicht strikt voneinander trennt. Heute ist dies relevanter denn je – denn es geht nicht mehr um Einzelpersonen, sondern um börsennotierte Großkonzerne. (c / Foto: Adobe Stock / yurchello108)

Bereits vor 800 Jahren sah man die Gefahr, dass Ärzte sich an ihren Verschreibungen bereichern, wenn man Arzneimittelverordner und -distributor nicht strikt voneinander trennt. Heute ist dies relevanter denn je – denn es geht nicht mehr um Einzelpersonen, sondern um börsennotierte Großkonzerne. (c / Foto: Adobe Stock / yurchello108)


Zur Rose-Chef Walter Oberhänsli zweifelt daran, dass das Edikt von Salerno, das seit Jahrhunderten die Trennung von Arzt und Apotheker zementiert, noch zeitgemäß ist. Das hat er am heutigen Donnerstag beim BVDVA-Kongress kundgetan. Dabei ist in einem zunehmend kommerzialisierten Gesundheitssystem diese Aufgabenteilung wichtiger denn je – nämlich zum Schutz der Patienten. Ein Kommentar von DAZ.online-Chefredakteurin Julia Borsch.

Die Übernahme des Telemedizin-Anbieters Teleclinic durch die DocMorris-Mutter Zur Rose rüttelt an einer der Grundfesten des Gesundheitssystems – der strikten Trennung der Professionen von Arzt und Apotheker, festgeschrieben vor über 
800 Jahren mit dem „Edikt von Salerno“. Dadurch sind hierzulande Arzneimittelverordnung und -abgabe strikt getrennt. Ziel ist es, die Verbraucher vor unnötigen Medikamentenverschreibungen zu schützen und zu verhindern, dass Ärzte sich an ihren Verordnungen bereichern.

Aus der Sicht von Zur Rose-Chef Walter Oberhänsli ist das aber offenbar nicht mehr zeitgemäß: Beim Kongress des Bundesverbands der Versandapotheken in Deutschland (BVDVA) erklärte er, dass es an der Zeit sei, eine Regel, die seit nunmehr 800 Jahren gilt, auf ihre Bedeutung in der heutigen Zeit abzuklopfen. Oberhänslis Interesse ist dabei offensichtlich: Kommen Verschreibung und Arzneimittel aus einer Hand, kann man schließlich die Umsätze noch viel besser steigern und dieses Ziel verfolgt ein börsennotierter Konzern wie Zur Rose nun mal hauptsächlich. „Die Grenzen, die man für Jahrhunderte für richtig gehalten hat, werden verschwimmen“, prophezeite er beim BVDVA.

Mit dieser Aussage bestätigt Oberhänsli jedoch, wenn auch vermutlich unfreiwillig, dass das Edikt von Salerno aktueller ist denn je – nämlich um in einem zunehmend kommerzialisierten Gesundheitssystem die Patienten zu schützen. So haben die finanziellen Interessen heutzutage eine ganz andere Dimension als damals vor mehr als 800 Jahren. Wo es früher um einen möglichen Vorteil einzelner Personen ging, stehen heute Gewinnabsichten von Konzernen wie Zur Rose und ihren Aktionären, die im Gegensatz zum klassischen und persönlich haftenden Arzt und Apotheker keinerlei Bezug zum Patienten haben. Hauptsache die Kasse klingelt. An vielen Stellen im Gesundheitswesen ist das bereits zu spüren.

Und somit hat Oberhänsli absolut recht, wenn er sagt, dass es an der Zeit sei, eine Regel, die seit nunmehr 800 Jahren gilt, auf ihre Bedeutung in der heutigen Zeit abzuklopfen. Wem das Wohl der Patienten am Herzen liegt, der wird aber zu dem Ergebnis kommen, dass diese Regel nicht  nur absolut zeitgemäß ist, sondern bedeutsamer denn je.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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4 Kommentare

Salerno

von Wolfgang Steffan am 19.10.2020 um 8:35 Uhr

Es würde mich nicht wundern, wenn "unsere" ABDA auch diesen
ehernen Eckpfeiler des europ. Gesundheits-Systems, natürlich erst nach dem Vergießen der obligaten Krokodilstränen, aufgibt.
Nur weiter so !

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Trennung von Behandlung und Dispensierrecht ist besser für den Patienten

von Walter Wolf am 18.10.2020 um 13:24 Uhr

Jeder ist sich selbst der nächte! Klar! Herr Oberhänsli offenbar auch sich selbst. Daher der Angriff auf die Trennung von Arzt und Apotheker. Seit Jahrhunderten Basis für korrekte Überlegungen im Sinne des Patienten. Aktienunternehmen sind das paradebeispiel für scrupellose Gier nach mehr Geld koste es was es wolle. Der Aktionär will nur mehr. Herr Oberhänsli ist den Aktionären verpflichtet. Die Fusion von zur Rose mit ärztlicher onlinetätigkeit hätte nie erfolgen dürfen. Hier gerät die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in Schräglage.
Da die Zur-Rose-Group AG das großte und finanzstärkste Europäische onlinekonstrukt im Gesundheitsmarkt ist, wird hier nicht gekleckert. Mir macht große Sorge dass diese Denkweise im Gesundheitswesen Einzug hält, da der leider in Deutschland nicht öffentliche Lobbyismus auch Politiker immer wieder vor die Frage stellt, ob er sich der Nächste ist.
"Ethik oder Monetik"

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Es Borschelt wieder, .... - schön!

von Bernd Jas am 17.10.2020 um 14:10 Uhr

Ja und dann sind wir bald an dem Punkt, wo Herr Oberhänsli sagt: "Und ab Morgen geht die Sonne im Westen auf." und der Spezi Spahn darauf antwortet: "Genau, und dass schon seit über vier Millionen Euronen."

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Zeitgemäß und geboten, aber...

von Dirk Krüger am 16.10.2020 um 9:03 Uhr

Ja, die Trennung der Berufe Arzt und Apotheker ist notwendiger denn je. Der im Kommentar formulierten Begründung in Bezug auf die Notwendigkeit der Verhinderung der Verquickung wirtschaftlicher Interessen ist nichts hinzuzufügen.
Wenn mich auch "fortschrittliche" Kollegen dafür schelten und mich als mutlos bezeichnen mögen: das Impfen durch Apotheker passt da aber nicht recht ins Bild. Das Argument, Impfungen würden in der Regel ja eh die MFA durchführen, zieht meines Erachtens nicht. Impfungen in der Apotheke wecken reflexartig die Begehrlichkeiten der Ärzte nach dem Dispensierrecht - ob berechtigt oder nicht, spielt in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung wahrscheinlich - wie so oft - keine Rolle. Es bedarf in diesem Zusammenhang einer genauen Beobachtung der Situation und guter Argumente. Diese gibt es zweifellos. Ob sie gehört werden, ist allerdings eine andere Frage.

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