Sind antiseptische Mundspülungen sinnvoll?

Gegen Corona: Besser Sprühen als Gurgeln

Peißenberg - 12.10.2020, 09:15 Uhr

Das weitgehende Benetzen der gesamten Mund-Rachen-Schleimhaut mit antiseptischer Lösung ist durch Einsprühen möglich – am besten mit Sprühfläschchen, die mit einem Mund-Rachen-Applikator ausgerüstet sind. Der Patient sollte beim Einsprühen ein lautes A sprechen. (Foto: photo 5000 / stock.adobe.com)

Das weitgehende Benetzen der gesamten Mund-Rachen-Schleimhaut mit antiseptischer Lösung ist durch Einsprühen möglich – am besten mit Sprühfläschchen, die mit einem Mund-Rachen-Applikator ausgerüstet sind. Der Patient sollte beim Einsprühen ein lautes A sprechen. (Foto: photo 5000 / stock.adobe.com)


In Laien- und Fachkreisen wird derzeit das Mundspülen und Gurgeln mit antiseptischen Lösungen als prophylaktische und ergänzende therapeutische Maßnahme gegen 
COVID-19-Infektionen diskutiert. Durch diese Behandlung soll die Konzentration an SARS-CoV-2 im Mund- und Rachenraum in klinisch relevantem Umfang verringert werden.

Verschiedene Autoren berichten über eine effektive Senkung der initialen Viruslast durch unterschiedliche Mundspüllösungen. So wurde der Titer an SARS-CoV-2 etwa durch Povidon-Jod- oder Wasserstoffperoxid-Lösung in Bruchteilen einer Minute therapierelevant reduziert. Bei den beschriebenen Recherchen handelt es sich jedoch ausschließlich um In-vitro-Untersuchungen, bei denen man die Desinfektionslösungen auf Virussuspensionen einwirken ließ [1, 2]. Selbstverständlich schließen die Autoren eine Hemmung der Virenproduktion in den Zellen durch diese Lösungen aus, sie diskutieren aber eine mögliche positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs und/oder eine Senkung des Ansteckungspotenzials infolge der verringerten Viruslast auf der Mund-Rachen-Mukosa. Die Verfasser dieser und weiterer Studien mit vergleichbaren Viren fordern deshalb entsprechende In-vivo-Studien mit Mundspül- und Gurgellösungen [2 – 7]. Eine aktuelle klinische Studie, bei der SARS-CoV-2-positive Patienten mit einer Wasserstoffperoxid-Lösung 1% gurgelten, führte jedoch zu keiner signifikanten Senkung der intraoralen Viruslast [8].

Tiefe Bereiche des Rachens werden selbst nach intensivem Gurgeln nicht erreicht, wie der Versuch mit einer blau gefärbten Lösung zeigt. Es wird die Schleimhaut nur bis zum vorderen Gaumenbogen benetzt. (Fotos: W. Kircher)

Bei den Diskussionen der multifaktoriellen Prozesse auf dem infizierten Schleimhautepithel scheint jedoch ein Aspekt nicht berücksichtigt zu werden: Durch Mundspülen und Gurgeln lassen sich das Zahnfleisch mit den Zähnen, die Zunge, die Wangeninnenseiten, der Gaumen und weitere Schleimhäute der Mundhöhle benetzen. Also die Schleimhautbezirke nur bis zum vorderen Gaumenbogen. Die tiefer gelegene Mukosa, also die Areale des Rachens (Oropharynx) oder gar des unteren Rachens (Hypopharynx) sind damit nicht erreichbar. Der spätestens bei Kontakt mit dem vorderen Gaumenbogen auftretende Würgereflex verhindert die vollständige Be­netzung dieser Schleimhautbezirke. Lediglich mit dem verschluckten Speichel gelangen geringe Reste gegurgelter Lösungen eventuell in diese Regionen [9, 10].



Apotheker Dr. Wolfgang Kircher
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Welches Mittel denn nun?

von Oliver am 17.10.2020 um 20:29 Uhr

Es fehlt tatsächlich ein Hinweis darauf, welches Mittel empfohlen wird. Betaisodona z. B. gibt es nicht als Spray, wenn ich das richtig sehe. Reicht Tantum Verde?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kein Wirkstoff genannt

von Jan am 13.10.2020 um 13:40 Uhr

Dass Gurgeln nicht so tief geht und auch bei Erkältungssymptomen unzureichend wirkt, sage ich schon vor Corona. Jetzt wäre es jedoch hilfreich, Wirkstoffe zum Sprühen zu erfahren, die nachweislich durch mehrere Studien wirksam gegen SARS-Cov-19 sind.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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