Nitrosamin-Verunreinigungen

Was wurde eigentlich aus Ranitidin?

Stuttgart - 06.10.2020, 07:00 Uhr

Könnte das Antazidum Ranitidin ausgerechnet im Magen die Nitrosamin-Verunreinigung NDMA bilden? Rund ein Jahr nach Beginn eines durch die EMA eingeleiteten Untersuchungsverfahrens ist noch immer nicht klar, wie genau und hauptsächlich NDMA in Ranitidin gelangt. (Foto: Olga / stock.adobe.com)

Könnte das Antazidum Ranitidin ausgerechnet im Magen die Nitrosamin-Verunreinigung NDMA bilden? Rund ein Jahr nach Beginn eines durch die EMA eingeleiteten Untersuchungsverfahrens ist noch immer nicht klar, wie genau und hauptsächlich NDMA in Ranitidin gelangt. (Foto: Olga / stock.adobe.com)


Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat am 18. September seine Empfehlung bekräftigt, die Zulassung aller ranitidinhaltigen Arzneimittel in der EU auszusetzen – wegen des Vorhandenseins geringer Mengen von N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Ein Zulassungsinhaber, der ranitidinhaltige Arzneimittel vermarktet, hatte nämlich bei der EMA eine erneute Prüfung der bereits im April ausgesprochenen Empfehlung beantragt. Aufgeklärt scheint der Fall Ranitidin im Rahmen der Nitrosaminkrise aber noch nicht.

Das Schicksal von Ranitidin schien im April dieses Jahres eigentlich schon beschieden. Die europäische Arzneimittelagentur EMA empfahl damals die vorsorgliche Aussetzung der Zulassung von Ranitidin. „Vorsorglich“, weil die EMA auch Bedingungen empfahl, unter denen die Aussetzung der Zulassung der Ranitidin-Präparate rückgängig gemacht werden könnte: Auflagen für Unternehmen, wie mehr Daten zur Verfügung zu stellen, könnten in Zukunft also für ein Comeback von Ranitidin sorgen. Und doch, obwohl Ranitidin schon zuvor – aufgrund der Nitrosaminverunreinigung NDMA – mehr oder weniger schlagartig vom Markt verschwunden war, vermisste es in Deutschland offenbar niemand sonderlich. Interessant ist aber, dass zumindest ein Ranitidin-Hersteller sich dann doch nicht so leichten Herzens von Ranitidin verabschieden konnte und die EMA um eine erneute Begutachtung des Falls bat. 

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Am 18. September hat die EMA nun ihr ursprüngliches Urteil noch einmal bekräftigt: Ranitidin soll vorläufig über keine Zulassung mehr verfügen. Auch wenn die Gefahr durch die Nitrosamin-Verunreinigungen in Ranitidin der Behörde zufolge für den Menschen nicht groß ist, die Zulassung bleibt ausgesetzt, vor allem weil noch immer nicht klar zu sein scheint, woher letztlich die Nitrosamin-Verunreinigungen stammen. 

Leicht verändern will die EMA lediglich die Bedingungen für die Aufhebung der vorsorglichen Suspendierung, und zwar für jene Ranitidin-Präparate, die durch Injektion oder Infusion als einzelne, niedrige Dosis verabreicht werden. Es werde nämlich erwartet, dass die (mögliche) Bildung von NDMA im Körper nach einer einmaligen Verabreichung einer niedrigen Dosis Ranitidin durch Injektion oder Infusion sehr gering ist. Weil es sich bislang nur um eine Empfehlung des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) handelt, ist die Entscheidung noch nicht rechtskräftig. 

Wie lange ist Ranitidin schon verunreinigt?

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind ranitidinhaltige Arzneimittel seit etwa 30 Jahren auf nationaler Ebene zugelassen – als Tabletten, Sirup und injizierbare Formulierungen. Ob NDMA in Ranitidin aber eventuell schon seit 30 Jahren enthalten sein könnte, dazu äußern sich die Arzneimittelbehörden nicht – auch der FDA liegen dazu offenbar keine wissenschaftlichen Daten vor, wie DAZ.online im Mai berichtete. 

Im Juni 2020 sind zwei große Abschlussberichte der EMA erschienen, einmal zu den konkreten Lehren aus der Sartan-Krise, und einmal zur generellen Nitrosamin-Problematik in Arzneimitteln. Wer dort gezielt nach den Ergebnissen zur Ranitidin-Problematik sucht, muss erkennen, dass seit der Experteneinschätzung zum Fall Ranitidin – von Helmut Buschmann, Fritz Sörgel und Ulrike Holzgrabe – in der DAZ 39/2019 vor circa einem Jahr nicht viele neue Erkenntnisse veröffentlicht wurden. 

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Damals im Fokus der Nitrosamin-Krise standen vor allem bei der Synthese verwendete verunreinigte Lösemittel – was bedeuten könnte, dass ganz grundsätzlich noch viel mehr Arzneimittel verunreinigt sind, und zwar nicht nur mit Nitrosaminen. Aber auch die Ranitidin-Synthese selbst biete viele Möglichkeiten, zur Bildung von Nitrosaminen, hieß es. Auch eine Bildung durch unsachgemäße Lagerung oder ungünstige Umstände während des Transports konnten die drei Experten als Ursache nicht ausschließen – Ranitidin scheint ein sehr instabiler Wirkstoff zu sein. 

Zudem erläuterten die drei Experten in der DAZ 39/2019 neben einer möglichen In-vivo-Bildung von Nitrosaminen durch Ranitidin, eine Abwasserproblematik, die im Rahmen der Sartan-Krise kaum öffentlich diskutiert wurde. 



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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