Superfoods-Beratungswissen Teil 3

Chia-Samen – nur fette Vorteile?

Stuttgart - 18.09.2020, 07:00 Uhr

Das Chia-Marketing nutzt Begriffe wie „Wunderwaffe“, „Gesundheitsallrounder“ oder „Nährstoffwunder“. Dabei ist lediglich erlaubt, mit dem hohen Ballaststoff-Gehalt von Chia-Samen zu werben. (Foto: Sea Wave / stock.adobe.com)

Das Chia-Marketing nutzt Begriffe wie „Wunderwaffe“, „Gesundheitsallrounder“ oder „Nährstoffwunder“. Dabei ist lediglich erlaubt, mit dem hohen Ballaststoff-Gehalt von Chia-Samen zu werben. (Foto: Sea Wave / stock.adobe.com)


Chia-Samen tragen nicht nur das verkaufsträchtige Label „Superfood“. Sie haben innerhalb der EU auch einen rechtlichen Status, denn sie sind - mit bestimmten Auflagen – als „Novel Food“ bzw. „Neuartiges Lebensmittel“ zugelassen. Werbung mit Gesundheitsversprechen ist zwar nicht erlaubt, dennoch wimmelt es an Erfahrungsberichten über die schier unglaubliche Wirksamkeit von Chia. So gelten die kleinen Körner als „perfekte Gesundheits-Allrounder“. In der veganen Ernährung dient Chia als Ersatz für Eiklar und Formgeber von Speisen. 

Am Anfang waren es Sportler, die Chia als magischen Energiespender für sich entdeckten. Im Jahr 1997 gewann ein Nordmexikaner vom indigenen Stamm der Tarahumara einen 100-Meilen-Lauf in den USA – offenbar dank Chia. Ein amerikanischer Autor rührte mit einem Buch die Werbetrommel für die bereits bei den Azteken beliebte, dann aber in Vergessenheit geratene Nahrungspflanze und löste einen nachhaltigen Chia-Boom aus.

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Durch ihr starkes Quellvermögen gelten Chia-Samen als „Geheimwaffe“ beim Abnehmen. Ihr Gehalt an wertvollen, ungesättigten Fettsäuren soll den Blutdruck senken, den Lipidstoffwechsel normalisieren, für ein gesundes Herz-Kreislaufsystem sorgen und Diabetes vorbeugen. Versprochen werden auch gesunde Haut und schöne Haare sowie eine erhöhte Leistungsfähigkeit im Sport durch starke Muskeln und Knochen.

Die Fakten 

Chia-Samen stammen vom Mexikanischen Salbei, Salvia hispanica L., einer krautigen, einjährigen Sommerpflanze aus der Lippenblütler-Familie. 

Das Pseudogetreide wird traditionell in vielen Ländern Lateinamerikas angebaut. Bei den mittelamerikanischen Ureinwohnern waren die ca. 2 mm kleinen, geschmacklich neutralen Samenkörner der Chia-Pflanze jahrhundertelang ein beliebter Sattmacher, der sich roh und getrocknet verzehren ließ. Die Spanier brachten Chia im 15. Jahrhundert nach Europa, wo es sich gegenüber anderen Nahrungspflanzen jedoch nicht behaupten konnte. Als dann vor gut zwei Jahrzehnten in den USA der große Chia-Boom einsetzte, bekam die Pflanze in Europa ihre zweite Chance: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, betrachtete sie mit amtstypischen Argusaugen und erteilte ihr ab 2009 stufenweise verschiedene Zulassungen, die den Verkauf in der EU erlaubten und das Importgeschäft vorantrieben.

Seit 2009 dürfen zum Beispiel Backwaren und Müslimischungen hierzulande Chia-Samen als „Neuartige Lebensmittelzutat“ enthalten – inzwischen in einem Anteil von bis zu 10 Prozent. Seit 2013 dürfen auch ganze Chia-Samen als verpacktes Lebensmittel in den Handel gebracht werden. Vorgeschrieben ist der Hinweis, dass eine tägliche Aufnahme von 15 Gramm Chia-Samen nicht überschritten werden darf. Begründet wird die Limitierung mit fehlenden Langzeituntersuchungen in Europa. In den USA sind die Behörden großzügiger: sie halten einen Chia-Verzehr von 48 Gramm pro Tag für ungefährlich.

Auch Chia-Öl ist als „Neuartige Lebensmittelzutat“ in der EU zugelassen: als Bestandteil von Ölen und Fetten in einer Menge bis zu 10 Prozent, in Nahrungsergänzungsmitteln mit einer Tageshöchstdosierung von 2 g.

Heute werden Chia-Samen nicht nur in Mittel- und Südamerika angebaut und nach Europa exportiert, sondern sie kommen auch aus Südostasien und zunehmend aus Afrika, wo zwei Ernten pro Jahr möglich sind.



Reinhild Berger, Apothekerin
redaktion@daz.online


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