Wie wirkt Nowitschok?

Nawalny wurde mit Nowitschok vergiftet

Stuttgart - 03.09.2020, 07:00 Uhr

Die Bundesregierung bestätigte am Mittwochnachmittag, dass der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny mit Nowitschok vergiftet wurde. (Archivbild: Foto: picture alliance / Russian Look | Victor Lisitsyn)

Die Bundesregierung bestätigte am Mittwochnachmittag, dass der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny mit Nowitschok vergiftet wurde. (Archivbild: Foto: picture alliance / Russian Look | Victor Lisitsyn)


Es ist „zweifelsfrei“ nachgewiesen: Alexej Nawalny, russischer Oppositioneller, wurde mit Nowitschok vergiftet. Das Nervengas hemmt die Cholinesterase irreversibel, die Überlebenschancen sind meist gering. Neuronale Spätschaden können bleiben. Wie wirkt Nowitschok?

Bereits durch frühere Attentate erlangte Nowitschok traurige Berühmtheit: Nachdem im Jahr 2018 der frühere russische Doppel-Agent Sergej Skripal und seine Tochter im britischen Salisbury damit vergiftet worden waren, hat es nun laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auch beim Kreml-Kritiker Alexej Nawalny einen „zweifelsfreien Nachweis“ von Nowitschok gegeben. Die dpa bezieht sich dabei auf Aussagen der Bundesregierung.

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Nervenkampfstoff Nowitschok

Entwickelt wurde die Serie von Nervengiften in den 1970er und 80er Jahren von sowjetischen Forschern, im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Nowitschok gilt als einer der tödlichsten Kampfstoffe, nur wenige Details sind bekannt: Vermutlich besteht es aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Das Relikt aus dem Kalten Krieg soll fünf- bis zehnmal stärker wirken als der chemische Kampfstoff VX. Mit diesem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Nowitschok, das oft in Form eines extrem feinen Pulvers Verwendung findet, gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Nervengifte der Nowitschok-Gruppe hemmen die Cholinesterase irreversibel, sie zählen zu den Organophosphaten, die toxikologisch relevant sind – so auch das Kampfgas Sarin oder Insektizide wie Parathion (E605).

Wie wirkt Nowitschok?

Die physiologischen Effekte durch Organophosphate, wie Nowitschok, lassen sich auf eine Anreicherung von ACh im zentralen und peripheren Nervensystem zurückführen. An muscarinergen Rezeptoren führt Acetylcholin zu muscarinergen Wirkungen, wie Tränenfluss, Speichelfluss, erhöhte Bronchialsekretion, gesteigerte Magen-Darm-Sekretion und Peristaltik mit Spasmen, Miosis (Pupille verengt) und Sehstörungen, Bradykardie, Blutdrucksenkung und vermehrte Schweißsekretion. Reichert sich ACh an nicotinischen Rezeptoren der parasympathischen und sympathischen Ganglien und der motorischen Endplatte an, kommt es zu Muskelsteife, Tremor, Muskelzuckungen, tonisch-klonischen Krämpfen, Sprachstörungen und Parästhesien, Bewusstseinsstörungen bis hin zur Atemlähmung. Zunächst kommt es durch die Acetylcholin-Flutung zu einer Dauererregung mit Kontraktion der Muskulatur, dieser schließt sich eine Lähmung an. Letztlich sterben die Opfer durch die Blockade der Atmung und des Herzmuskels.

Zusätzlich können neurotoxische Wirkungen, primär das Axon betreffende Schädigung und auch Destruktion der Myelinscheiden, auftreten. Sie können mit einer Latenzzeit von bis zu vier Wochen auftreten und äußern sich in Parästhesien der unteren Extremitäten, Schwäche, Ataxie, spastische Paralyse, die sodann auch die oberen Extremitäten betrifft. Häufig bilden sich die Symptome nur sehr langsam und unvollständig zurück.

Atropin als Gegengift

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Als Antidot kann bei frühzeitigem Erkennen der Vergiftung, vor Alterung des Enzyms, Oxime wie Obidoxim zum Einsatz kommen. Atropin wird ebenfalls als Antidot eingesetzt, als Parasympatholytikum blockiert es Acetylcholinrezeptoren und kann der ACh-Anflutung durch Nowitschok entgegenwirken. 

Merkel verlangt Antworten aus Moskau

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, sie erwarte nun eine Erklärung aus Moskau: „Es stellen sich jetzt sehr schwerwiegende Fragen, die nur die russische Regierung beantworten kann und beantworten muss“, sagte sie am gestrigen Mittwoch. Für die Kanzlerin steht fest: „Alexej Nawalny ist Opfer eines Verbrechens. Er sollte zum Schweigen gebracht werden“. Dies verurteile sie auch im Namen der ganzen Bundesregierung auf das Allerschärfste. Gemeinsam mit den Partnern in der Nato und in der EU werde man nun beraten und „im Lichte der russischen Einlassungen über eine angemessene, gemeinsame Reaktion entscheiden“, sagte die Kanzlerin. „Das Verbrechen gegen Alexej Nawalny richtet sich gegen die Grundwerte und Grundrechte, für die wir eintreten.“


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5 Kommentare

Nawalny und Nowitschok

von Steffen Demuth am 27.09.2020 um 22:09 Uhr

Nur mal dür mich zum Verständnis.
Wer kannte Nawalny vorher?
Die Russen haben einen Nerbenkampfstoff entwickelt und vergiftet damit ihren heftigsten Kritiker. Zufällig werden Wasserflaschen mit diesem Gift sichergestellt. Jeder Kriminelle hat schon mal was von Forensik gehört. Und der russische Geheimdienst serviert alles auf dem Silbertablett und schaut zu, wie sämtliche Labore eindeutige wissenschaftliche Ergebnisse gegen die Russen herausfinden?
Das ist mir ein bisschen zu einfach, zu billig.
Cui bono.... wem nützt das. Den Russen doch wohl weniger.
Erst wenn man ein Feindbild gebastelt hat, erhält alles Weitere Struktur.

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Novichok

von Frank Becher am 16.09.2020 um 9:54 Uhr

17 Labore sind zum Nachweis qualifiziert worden. Selbstverständlich haben alle Labore Vergleichsproben des Stoffs. Das ist völlig legal. Dieser Stoff ist in Händen viele Länder, der Iran hat Analysemethoden veröffentlicht, und die USA haben die Entwicklungslabore 1999 in Usbekistan die kontaminiert und dabei selbstverständlich know how und Stoff mitgenommen

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Alexej Nawalny Nervenkampfstoff Nowitschok

von Antonius Theiler am 08.09.2020 um 10:21 Uhr

Die von Alexej Nawalny genommenen Proben in Russland und dann in Deutschland haben eines gemeinsam der genetische Code (DNA) von Herrn Nawalny. Russland soll die Proben ganz sicher aufheben, Beweismaterial. Ist in den Proben die in Russland gewonnen wurden (Blut Gewebe) kein Nervenkampfstoff Nowitschok, dann wurde Nawalny in Deutschland vergiftet.
Noch Fragen? Lieber Rainer W

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Alexej Nawalny Nervenkampfstoff Nowitschok

von Antonius Theiler am 04.09.2020 um 12:03 Uhr

Messen Sie eine Alte Kiste, Länge, Breite, Höhe Sie brauchen dazu ein Metermaß.
Ein Deutsches Bundeswehrlabor stellt fest die Proben von Alexej Nawalny enthalten den Nervenkampfstoff Nowitschok. Also hat die Deutsche Bundeswehr Nowitschok Vergleichs Proben. Sollte das Labor so etwas haben?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Alexej Nawalny Nervenkampfstoff

von Rainer W. am 08.09.2020 um 10:13 Uhr

Der Vergleich hinkt. Gewaltig. Um eine andere Kiste zu messen brauchen sie das Maß, nicht die ursprüngliche Kiste.

Oder anders ausgedrückt, sie machen ein "Foto" von dem unbekannten Molekül, z. B. GC-MS, Kernspin, IR, durch nasschemische Nachweise o.ä., das Gebiet nennt sich qualitative analytische Chemie. Dieses "Foto" vergleichen sie dann mit den Fotos anderer Moleküle und können daraus die Strukturen ableiten. Man kann sogar ohne konkrete "Fotos" Rückschlüsse auf die Funktionellen Gruppen, Bruchstücke und mit etwas Tüftelei auf das Gesamtmolekül ziehen.

Und Nowitschok ist nun wahrlich kein sehr komplexes Molekül, dieser Nachweis sollte selbst für die meisten Pharmazie- und Chemiestudenten mit etwas Hilfsliteratur zu machen sein.

Der Nachweis ist also ganz sicher kein Beweis dafür, dass die deutsche Bundeswehr Nowitschok vorrätig hat. Meine Ausführungen sind aber auch kein Gegenbeweis dazu.

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