BCG–Boost für das Immunsystem

Warum ein Tuberkulose-Impfstoff auch vor anderen Infektionen schützt

Stuttgart - 13.08.2020, 15:30 Uhr

Im Zusammenhang mit COVID-19 wird die protektive Wirkung des BCG-Impfstoffes derzeit in verschiedenen klinischen Studien untersucht. In einer israelischen Studie kam man aber zu dem Ergebnis, dass die BCG-Impfung nicht vor einem schweren COVID-19-Verlauf bewahrt. (Foto: o1559kip / stock.adobe.com) 

Im Zusammenhang mit COVID-19 wird die protektive Wirkung des BCG-Impfstoffes derzeit in verschiedenen klinischen Studien untersucht. In einer israelischen Studie kam man aber zu dem Ergebnis, dass die BCG-Impfung nicht vor einem schweren COVID-19-Verlauf bewahrt. (Foto: o1559kip / stock.adobe.com) 


Dass der BCG-Impfstoff gegen mehr als nur gegen die Tuberkulose-­Erreger schützt, ist schon lange bekannt, nicht jedoch der zugrunde liegende Mechanismus. Nun konnte gezeigt werden, dass die Impfung auf verschiedenen Ebenen die Reprogrammierung von häma­topoetischen Stammzellen und peripheren Monozyten bewirkt, und so die angeborene Immunantwort stärkt.

Das BCG(Bacille Calmette-Guérin)-Vakzin ist eine attenuierte Form des Bakteriums Mycobacterium bovis und wurde Anfang des letzten Jahrhunderts als Lebendimpfstoff gegen die Tuberkulose eingeführt. In Deutschland wird der Impfstoff seit 1998 von der ständigen Impfkommission nicht mehr empfohlen und ist derzeit auch nicht auf dem Markt erhältlich. Aus­gerottet ist die Krankheit jedoch nicht: Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 5.429 Tuberkulose-Fälle gemeldet, weltweit waren es sogar geschätzt zehn Millionen Infektionen. In Ländern mit hoher Inzidenz wird die Vakzinierung von der Weltgesundheitsorganisation WHO daher noch dringend empfohlen.

Erweiterter Schutz durch Lebendimpfstoffe

Die unspezifische Aktivierung des Immunsystems, die ein Lebendimpfstoff wie BCG, aber auch eine Polio- oder Masern-Impfung hervorrufen kann und die über viele Jahre bestehen bleiben kann, wurde schon in epidemiologischen und nicht-humanen In-vivo-Studien bestätigt. So konnte gezeigt werden, dass die Mortalitätsrate von Neugeborenen in Gebieten mit hohem Risiko für Infektionskrankheiten durch eine BCG-Impfung um bis zu 38 Prozent gesenkt werden konnte. Im „Cell Host & Microbe Journal“ wurde jetzt eine Studie publiziert, in der dieser Effekt weiter untersucht worden war. 15 gesunde Probanden wurden für die Studie mit BCG vakziniert. Fünf zusätzliche Probanden bekamen ein Placebo. Am Tag der Immunisierung und 90 Tage später wurde den Probanden Blut und Knochenmark entnommen. Die mononuklearen Zellen des peripheren Blutes wurden mit dem Erreger Candida albicans stimuliert, um die Immunantwort zu testen. Dabei fanden die Wissenschaftler eine signifikant höhere Zytokin-Ausschüttung bei den geimpften Probanden.

Schnellere Reifung

Zudem zeigten Transkriptionsanalysen, dass das genetische Material der hämatopoetischen Stammzellen leichter zugänglich für Transkriptionsfaktoren war und dadurch die Zellreifung zu spezifischen Immunzellen vereinfacht wurde. Die aus dem Knochenmark stammenden hämatopoetischen Stammzellen stellen den Ursprung jeder Immunzelle dar. Die Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass durch die BCG-Impfung die trainierten hämatopoetischen Stammzellen rascher zu Immunzellen ausreifen und so schneller auf neue Infektionen reagieren können.

Im Zusammenhang mit COVID-19 wird die protektive Wirkung des Impfstoffes derzeit in verschiedenen klinischen Studien untersucht. In einer israelischen Studie (s. DAZ 2020, Nr. 21, S. 38) kam man hier zu dem Ergebnis, dass eine vorangegangene BCG-Impfung nicht vor einem schweren COVID-19-Verlauf schützt. Zum jetzigen Zeitpunkt wird eine präventive Vakzinierung gegen COVID-19 von der WHO nicht empfohlen.


Laura Kneller, MSc Toxikologie
redaktion@daz.online


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