Gastkommentar von Norbert Brand, Geschäftsführer Maros

„Angriff auf einen ganzen Berufsstand“

Berlin - 04.08.2020, 10:30 Uhr

Innocur und Maros streiten um Opiumtinktur als Rezeptursubstanz. (m / Foto: Maros)

Innocur und Maros streiten um Opiumtinktur als Rezeptursubstanz. (m / Foto: Maros)


Seit der vergangenen Woche erhalten offenbar viele Apotheken ein Schreiben der Firma Innocur. Darin warnt der Vertreiber des Opiumtinktur-haltigen Fertigarzneimittels Dropizol davor, Tinctura Opii von Maros als Rohstoff zu beziehen und unverändert an Endkunden abzugeben. Norbert Brand, Apotheker und Geschäftsführer der Maros Arznei GmbH, wehrt sich jetzt in einem Kommentar in der DAZ gegen das Vorgehen von Innocur.

Läuft der Launch von Dropizol, dem ersten Opiumtinktur-haltigen Fertigarzneimittel, schlechter als erwartet? Das vermutet der Apotheker Norbert Brand, Geschäftsführer von Maros, in einem aktuellen Gastkommentar in der DAZ-Printausgabe. „Denn schon wieder versendet der deutsche Dropizol-Händler Innocur an alle Apotheken einen Brief, damit die endlich kapieren, dass man bei Rezepturen zu unterscheiden hat zwischen ‚wahren‘ und ‚vermeintlichen‘ Rezepturarzneimitteln“, schreibt Brand.

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In den Briefen warnt Innocur die Apotheker davor, den Rezeptur-Ausgangsstoff Tinctura Opii normata von Maros zu beziehen und unverändert an den Endkunden abzugeben. Der Dropizol-Vertreiber bezieht sich darin auf eine einstweilige Verfügung, die das Landgericht Hamburg gegen zwei Apotheken erlassen hat. Während eine der beiden ihren Widerspruch zurückgezogen hat, wehrt sich die zweite weiterhin juristisch dagegen. „Beide Briefe zeichnet aus, dass via ‚Mauerschau‘ aus Gerichtssälen berichtet und aus Gerichtsakten zitiert wird. Das liest sich stellenweise beeindruckend, ist aber für den Leser nicht nachprüfbar und vor allem nur für die eine vorgeblich abgeurteilte Apotheke rechtsverbindlich“, betont der Maros-Geschäftsführer.

Die Apotheker sollten den Innocur-Vorstoß nicht auf die leichte Schulter nehmen, meint Brand. Aus seiner Sicht geht es um viel mehr: „Links und rechts von der Tinctura Opii werden damit aber auch große Teile des Hilfstaxen-Portfolios in Frage gestellt. Alle Rezepturen, Stoffe und Zubereitungen, die ohne weitere Bearbeitung umgefüllt, abgepackt, gekennzeichnet und mit 100 Prozent Aufschlag taxiert werden, wären ‚nicht zugelassene Fertigarzneimittel, ‚vermeintliche Rezepturen‘ und somit nicht erstattungsfähig.“

Weitreichende Folgen

Das hätte weitreichende Folgen, erläutert Brand. „Mit dieser Denke entzieht man den Apotheken auf einen Schlag eine ganze Palette an Rezepturen: alle Einzeltees, Zinkleim, Zinkoxid-Schüttelmixtur, Essigsaure Tonerde, um nur einige zu nennen.“ Sie alle würden von industriellen Herstellern bezogen, umgefüllt, abgepackt, gekennzeichnet und mit 100 Prozent Aufschlag taxiert. „Im Umkehrschluss müsste die Apotheke das Schachtelhalmkraut für den gleichnamigen Tee selbst anbauen, um eine ‚wahre‘ Rezeptur anstatt einer ‚vermeintlichen‘ Rezeptur anzubieten.“

Für Brand ist nicht nachvollziehbar, wie „ein Unternehmen ernsthaft glauben kann, die Apotheken für die Realisation seiner Ziele zu gewinnen, indem es mit seinen Briefen nicht nur einschüchtert, droht und Angst vor Retaxationen auslöst. Denn gleichzeitig wird doch auch ein Großteil jahrzehntelanger Rezepturtätigkeit als ‚vermeintlich‘ in Frage gestellt. So was nenne ich Angriff auf einen ganzen Berufsstand.“

Den vollständigen Kommentar lesen Sie am kommenden Donnerstag in der DAZ-Printausgabe.


Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Was bzw. wer schadet hier "Den Regel-Apothekern" wirklich?

von Wolfgang Müller am 04.08.2020 um 19:53 Uhr

Was hier gerade für Opium-Tinktur diskutiert wird, gilt ja noch viel mehr für Cannabis. Auch wenn es da noch keine Schnittdrogen-Fertigarzneimittel bzw. Produkte mit dem entsprechendem Status gibt. Letzteres gibt es wohl nur irgendwie so halb in einzelnen Bundesländern, dem gesunden Menschenverstand der dortigen Aufsichtsbehörden folgend, z. B. in Schleswig-Holstein wohl.

Der guten Ordnung halber muss zu diesem Apotheker-typisch juristisch vollkommen irren Thema bemerkt werden dürfen, dass das Problem nicht existieren würde, wenn die Apotheken eine Rezeptur-Taxe hätten (bzw. offiziell überhaupt mal WOLLEN würden), die keine ausgesprochenen, eklatanten Dumping-Preise für "Individual-Herstellungen" festlegt. Warum sollte dann jemand klagen wollen bzw. können?

Ja, und das wäre auch für uns selber gut, ganz nebenbei .... nur dass es dann eben nicht mehr 8 Mio. Rezepturen pro Jahr geben würde, sondern eben nur noch die wirklich individuell zwingend benötigten. Wie in fast allen anderen Ländern auch .... was ja auch nicht schlecht wäre, außer für diejenigen, die für Labor- und Rezeptur-Drumherum alles andere als Dumping-Preise aufrufen.

Sorry, aber so ist es. Hier ist mal wieder nicht der "Gegner" der, der uns wirklich schadet. Das erledigen wir gewohnheitsmäßig schon selber.

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Industrie gegen Apotheken

von ratatosk am 04.08.2020 um 18:37 Uhr

Wenn sich die Frage stellt, ob Industrie oder Apotheken Recht bekommen sollen, ziehen die Apotheken immer den Kürzeren, da sie auch nie mit politischer Unterstützung rechnen können.

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völlig vergessen...

von Michael Weigand am 04.08.2020 um 11:37 Uhr

.....werden auch in diesem Schreiben die Patienten. Natürlich hat die Firma Brand völlig richtig argumentiert. Aber um die olitik und die Justiz zu überzeugen, muss das Patientenwohl auch mal in den Mittelpunkt gezogen werden. Die Firma Innocur hat Opiumtinktur als FAM deklariert und zugelassen und bietet dieses Produkt zum einem deutlich höheren Preis an. Jeder Arzt, der sich mit den Preisunterschieden auskennt, wird nun zwei Überlegungen haben:
1. Ich verordne dies weiter als Rezeptur...mir doch egal was die Apotheke für Probleme hat...damit wird eine Abgabe unmöglich oder man sieht sich Rechtsstreitigkeiten ausegestzt...
oder aber
2. (und das ist viel wahrscheinlicher) aus Angst vor Regressen wird das Medikament einfach gar nicht mehr verordnet...zumal die Apotheke dann sowieso noch gleich mit in den Verdacht gerät, an dem Preisunterschied zu profitieren (obwohl das Gegenteil der Fall ist)

Ergo der Patient bleibt auf der Strecke...jedes Gericht, das pro Innocur entscheidet, schädigt den leidenden Patienten....typisch Deutschland

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