Das Corona-Tagebuch

Glaeske: Apotheker sollen Kompetenz zeigen

09.04.2020, 17:45 Uhr

Dieses Mal telefonierte DAZ-Herausgeber Peter Ditzel mit Professor Gerd Glaeske, Pharmazeut und Gesundheitswissenschaftler an der Uni Bremen. (Foto: Raphael Hünerfauth, Photothek /Diz)

Dieses Mal telefonierte DAZ-Herausgeber Peter Ditzel mit Professor Gerd Glaeske, Pharmazeut und Gesundheitswissenschaftler an der Uni Bremen. (Foto: Raphael Hünerfauth, Photothek /Diz)


Im Corona-Tagebuch im Podcast-Format fragt DAZ-Herausgeber Peter Ditzel Apothekerinnen und Apotheker, Kammern und Verbände und Fachleute nach aktuellen Problemen und Themen, die unsere Apotheken in der Corona-Krise belasten. Dieses Mal telefonierte er mit Professor Gerd Glaeske, Pharmazeut und Gesundheitswissenschaftler an der Uni Bremen.

Glaeske, der von 2003 bis 2010 auch Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen war, verfasste zusammen mit fünf weiteren Experten des Gesundheitswesens ein aktuelles „Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19“ unter der Überschrift: „Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiter entwickeln, Bürgerrechte wahren“. Das Thesenpapier stellt sich der Aufgabe, die epidemiologische Problemlage wissenschaftlich zu klären und aus der gegebenen Situation Empfehlungen für wirksame Präventionsmaßnahmen abzuleiten.

Im Interview hinterfragt Glaeske beispielsweise, ob die Grenzen, die bei den Schließungen von Läden und Geschäften gezogen wurden, begründbar sind. Nach Auffassung von Glaeske ist es völlig richtig, dass Apotheken zur Arzneimittelversorgung der Bevölkerung geöffnet sind. Aber er kann nicht verstehen, warum Buchhandlungen geschlossen sind: „Möglicherweise sind Buchhandlungen gute 'Arzneimittel' für den Kopf und den Geist.“  

Gab es wirklich keine Alternative zu den drastischen Einschränkungen?

Glaeske sieht in dem Interview die Aussage der Politik sehr kritisch, man habe zu den drastischen Einschränkungen keine Alternative gehabt. So habe die Politik Maßnahmen getroffen, ohne ausreichende Datenbasis zu haben. „Es war ein Trial-and-Error-Versuch. Es wurden Entscheidungen getroffen aufgrund von Aussagen der Virologen, hat aber die Ansichten der anderen Berufsgruppen wie Epidemiologen, Intensivmediziner, Pflegeberufe, Psychologen, Gesundheitsökonomen und Kommunikationsfachleute außen vor gelassen“, so Glaeske. Es hätte ein breiterer Konsens gefunden werden müssen mit denjenigen in der Gesellschaft, die für unterschiedliche thematische Schwerpunkte zuständig sind. Glaeske: „Eine sehr eingeschränkte Expertokratie hat letztendlich im Rahmen der Demokratie für ganz bestimmte Entscheidungen die Vorlage geliefert – das kann ich mit demokratischem Verständnis nur schlecht in Verbindung bringen.“

Glaeske weist auch explizit auf Versäumnisse der Politik hin. Nach den letzten Epidemien der Vogel- und Schweinegrippe hatte man sich darauf verständigt, vorbeugende Maßnahmen durchzuführen, zum Beispiel Masken und Schutzkleidung einzulagern. Aber da sei dann doch relativ wenig organisiert worden. Glaeske zitiert hier Professor Kekulè, einer der zurzeit gefragten Virologen, der dazu meinte: „Wir haben die Vorbereitungen vergeigt.“

Gutes Zeugnis für die Apotheken

Zu den Apotheken merkte Glaeske an, dass Apothekerinnen und Apotheker auch dafür verantwortlich sind, dass keine unseriösen Produkte verkauft werden. Es gebe derzeit einige Trittbrettfahrer, die versuchen, ihre fragwürdigen Produkte in den Markt zu drücken und sie damit zu bewerben, sie könnten Viren bekämpfen – hier komme den Apotheken eine besondere Aufgabe zu, darüber aufzuklären: „Ich glaube, dass Apothekerinnen und Apotheker sehr gute Gesundheitsberater sein können und auch sind.“  

Insgesamt stellt Glaeske den Apotheken ein sehr gutes Zeugnis aus, „sie machen einen guten Job in der Krise“, in der Ausstattung mit Schutzvorkehrungen in den Apotheken, aber auch in der Kommunikation mit den Kunden: „Die Kommunikation wird auch genutzt, ihre Kompetenz zu zeigen, und das finde ich einen sehr guten Weg, ich glaube, dass das eine sehr wichtige Unterstützung für die Bevölkerung in Deutschland darstellt.“


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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5 Kommentare

Nicht gelesen

von Dominik Müller am 11.04.2020 um 9:33 Uhr

Man möge mich dafür verteufeln, aber ich habe den Artikel bewußt nicht gelesen, genauso lese ich auch keine Bildzeitung. Was im übrigen zu den üblichen Plattformen gehört, welche diesem Möchtegern-Experten und seinem Beraterfirmenkonsortium nur allzugerne seine praxisfernen Schreibtischtheorien abdruckt. Dass die DAZ soweit gesunken ist überrascht mich doch sehr.

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AW: Nicht gelesen ... aber in der Begrūndung völlig Vorurteilsfrei ...

von Christian Timme am 11.04.2020 um 16:16 Uhr

... also Podcast nicht gelesen ... habe verstanden ...

Nicht nur lesen ... sondern auch hören ... sonst gibt es was auf die Ohren ...

von Christian Timme am 10.04.2020 um 10:55 Uhr

Selektiv lesen kann jeder ... zuhören können nur wenige ...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

... das Apotheker verantwortlich sind

von Rita Längert am 09.04.2020 um 19:08 Uhr

keine unseriösen Produkte zu verkaufen. Genau Herr Glaeske, wir sind für alles verantwortlich! Dieser Schrott wird vor allem im Internet von Ihren hochgeschätzten Arzneimittelversendern vertickt, die sind nämlich keine Apotheken!!!!!
Sie glauben das Apotheker sehr gute Gesundheitsberater sein können? Meine Kunden haben Ihnen da etwas voraus, die glauben nicht sie wissen es! Das ist halt der Unterschied von Theorie zu Praxis.

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Glaeske

von CH_GROM am 09.04.2020 um 18:28 Uhr

Sehr geehrter Herr Glaeske,
wir Apotheker an der "Front", wie übrigens auch unsere PTA und Pharm.Ing. zeigen seit langem Kompetenz, die spannende Frage laut vielmehr - wann fangen Sie endlich damit an???

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