Influenza-Arzneimittel nur für den Notfall

Avigan aus Japan: So steht es um die Forschung zu COVID-19

Remagen - 06.04.2020, 12:15 Uhr

Dieses Bild des japanischen Influenza-Arzneimittels Avigan (Favipiravir) wurde bereits im Oktober 2014 von Fujifilm Corp. zur Verfügung gestellt. Wird es im Kampf gegen COVID-19 helfen können? (t/Foto: picture alliance / Ho / Fujifilm Corp. / dpa)

Dieses Bild des japanischen Influenza-Arzneimittels Avigan (Favipiravir) wurde bereits im Oktober 2014 von Fujifilm Corp. zur Verfügung gestellt. Wird es im Kampf gegen COVID-19 helfen können? (t/Foto: picture alliance / Ho / Fujifilm Corp. / dpa)


Der antivirale RNA-Polymerase-Inhibitor Favipiravir (Avigan) gilt als „heißer Anwärter“ unter den raren Therapieoptionen gegen SARS-CoV-2 und zählt zu den Arzneimitteln, für die das Bundesministerium für Gesundheit kürzlich die zentrale Beschaffung für COVID-19-Patienten in Deutschland eingeleitet hat. Was wissen wir über den Wirkstoff und wo wird er gerade untersucht?

Favipiravir, das von Toyama Chemical Co. Ltd, einer Tochterfirma der Fujifilm Holdings, entdeckt wurde, ist ein selektiver und wirksamer Hemmer der RNA-abhängigen RNA-Polymerase (RdRp) von RNA-Viren. Es wird durch eine intrazelluläre Phosphoribosylierung in seine aktive Form Favipiravir-RTP (Favipiravir-Ribofuranosyl-5-Triphosphat) umgewandelt. Dieses wird von RdRp als Substrat erkannt und hemmt so die virale Replikation. Favipiravir wirkt gegen ein breites Spektrum von viralen Erregern, darunter zahlreiche Arten und Subtypen von Influenzaviren, einschließlich Stämmen, die gegen verfügbare Influenzamedikamente resistent sind, und kam auch schon gegen das Ebolafieber zum Einsatz

Zulassung in Japan war eine „schwere Geburt“

In Japan ist Favipiravir unter dem Handelsnamen Avigan seit 2014 zur Behandlung der Influenza zugelassen. Die Zulassung war jedoch eine „schwere Geburt“. Nachdem die Zulassung im März 2011 beantragt worden war, leistete sich die Behörde eine dreijährige Prüfphase. Sie war vorsichtig, weil sich in der präklinischen Phase in mehreren Tierspezies fetale Missbildungen gezeigt hatten. Für Schwangere und Stillende kommt Favipiravir deswegen nicht in Frage. Außerdem hat der RNA-Polymerase-Hemmer eine komplexe nichtlineare, zeit- und dosisabhängige Pharmakokinetik, die zudem vom Körpergewicht beeinflusst wird.  

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In klinischen Studien wurde Favipiravir einigermaßen gut vertragen, war aber mit dosisbedingten, asymptomatischen Erhöhungen des Harnsäurespiegels im Serum assoziiert. Es sollte deshalb bei Patienten mit Gicht oder Hyperurikämie mit Vorsicht angewendet werden. Hinzu kommen mehrere potenzielle Wechselwirkungen, zum Beispiel mit Paracetamol

Avigan gibt es auch in Japan nicht regulär in Krankenhäusern

Die zugelassene Indikation beschränkte sich schließlich in Japan auf „neuartige Influenzaviren und wiederkehrende Influenza-Ausbrüche, mit der Maßgabe, dass andere Anti-Influenzavirus-Medikamente unwirksam sind. Mit anderen Worten, es handelt sich um ein Arzneimittel für den Notfall-Einsatz und nicht für die Behandlung der normalen saisonalen Influenza. 

Die Hoffnungen von Fujifilm Toyama Chemical, Favipiravir könne Tamiflu als „neues Grippemittel“ ersetzen, erfüllten sich damit nicht. Das Medikament wurde nie auf dem Markt vertrieben und ist in Krankenhäusern und Apotheken in Japan nicht erhältlich. Es wird nur auf Anforderung durch die japanische Regierung hergestellt und zur Bevorratung von Pandemiemaßnahmen an die Regierung verkauft. 

Anfang letzten Monats hat Fujifilm Toyama Chemical allerdings damit begonnen, die Produktion von Avigan hochzufahren und diese auch über nationale und internationale Partnerschaften zu beschleunigen, um die große Nachfrage nach dem Hoffnungsträger gegen COVID-19 zu befriedigen.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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