Kommentar

Problemorientiertes Arbeiten par excellence bei der ABDA

Stuttgart - 05.03.2020, 07:00 Uhr

Liegt die Aufgabe der Standesvertretung darin, den Apothekern möglichst viele Hürden in den Weg zu stellen? Diesen Eindruck könnte man manchmal bekommen, ( r / Foto: cxvalentina/stock.adobe.com)

Liegt die Aufgabe der Standesvertretung darin, den Apothekern möglichst viele Hürden in den Weg zu stellen? Diesen Eindruck könnte man manchmal bekommen, ( r / Foto: cxvalentina/stock.adobe.com)


Die Apotheken im Land leisten derzeit Großartiges. Neben dem üblichen Tagesgeschäft beruhigen sie die Menschen, klären auf – und mischen Desinfektionsmittel, weil keine fertigen Präparate mehr zu haben sind. Doch statt Lösungen (und die gibt es) aufzuzeigen, wie letzteres rechtssicher funktionieren kann, hat die Standesvertretung erst einmal nichts besseres zu tun, als zu erklären, dass das nicht erlaubt sei. Genauso geht problemorientiertes Arbeiten, findet DAZ.online Chefredakteurin Julia Borsch.

Diesen abgedroschenen Spruch kennt vermutlich jeder: Wie lautet die Standardantwort eines Juristen auf jede Frage? „Es kommt darauf an“. Wie viel Wahres da aber dran ist, zeigt die aktuelle Frage, ob Hautdesinfektionsmittel als Biozide oder als Arzneimittel einzustufen sind. Für Apotheken ist das deswegen von großer Relevanz, weil sie Arzneimittel unter bestimmten Voraussetzungen herstellen dürfen, zum Beispiel als Rezeptur oder auf Grundlage einer Standardzulassung, Biozide im Regelfall aber nicht. 

Und so muss auch auf diese Frage die Antwort lauten: „Es kommt drauf an“. Wie eigentlich fast immer in juristischen Fragen gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Nur leider hat sich die ABDA in diesem Fall für diejenige entschieden, die den Apotheken das Leben schwer macht, nämlich dass es sich bei Händedesinfektionsmitteln um Biozide handelt und Apotheken sie folglich nicht herstellen dürfen. Eine Ausnahmegenehmigung sei zwar in Sicht, hieß es. Der Zeitrahmen war aber ungewiss (jetzt gibt es sie), ebenso wie die Verfügbarkeit der Rohstoffe zu diesem Zeitpunkt. Wäre es nicht eigentlich die Aufgabe der Standesvertretung, Apotheken Wege aufzuzeigen, wie sie den Bedarf an Desinfektionsmitteln sofort einigermaßen rechtssicher decken können, statt nur zu sagen „dürft ihr nicht“? Problemorientiertes Arbeiten par excellence. 

Dass es auch anders, nämlich lösungsorientiert, geht, zeigten beispielsweise das Regierungspräsidium in Tübingen oder das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen. Die haben sich nämlich für die andere Sichtweise entschieden: Händedesinfektionsmittel zur SARS-CoV2-Prophylaxe sind Arzneimittel und dürfen folglich hergestellt werden. Etwaige Ausnahmegenehmigungen sind dann natürlich trotzdem schön, aber für die Versorgung nicht zwingend notwendig.

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Coronakrise offenbart Bedeutung der flächendeckenden Versorgung durch Apotheken vor Ort 

Man kann in diesem speziellen Fall von Glück reden, dass viele Kollegen einfach machen. Sie stellen seit Tagen Desinfektionsmittel her, um die verunsicherten Patienten zu versorgen und ohne sich dabei groß um Biozidverordnung oder die Meinung der ABDA zu scheren. Es bleibt zu hoffen, dass die Standesvertretung dieses lösungsorientierte Verhalten der Kollegen wenigstens erkennt und anerkennt, wenn sie schon selbst offenbar nicht dazu in der Lage ist. Sie sollte, nein muss die aktuelle Situation nutzen, die Bedeutung der flächendeckenden Versorgung durch Apotheken vor Ort herauszustellen. Laut und in aller Öffentlichkeit! Der Ball liegt derzeit sozusagen vor dem leeren Tor. Nur bislang vermisst man seitens der Standesvertretung leider jeglichen Versuch, diese Jahrhundertchance zu verwerten. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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9 Kommentare

B.P:

von Dr.Diefenbach am 05.03.2020 um 15:50 Uhr

Berliner Peinlichkeiten:Wie degradiert fühlt(e) man sich in der Praxis bereits seinerzeit,als das Mischen von Alkohol(en) und Herstellen von Verdünnungen aus-interessensbezogenen???-Gründen in grossen Teilen verboten wurde.Fragte man sich damals,ob ein Hochschulstudium zum Bedienen zweier Hände nicht ausreichte,SO ist es nach der Torheit von letzter Woche,als das "Überprüfen von Vorräten an Desinfektionsmitteln" in den Apotheken seitens der Betriebsleitung.... angeregt wurde NUN also wieder eine neue Blamage(!!!),dass die Aussetzung einer ohnehin lächerlichen Sachlage(nämlich die Nichtverdünnungsverordnung...)derart kompliziert angegangen wird.WARUM setzt sich die Gruppe um FS nicht einfach mal über ein Gesetz hinweg,verdammt noch mal??Uns fliegen durch Corona die Positivargumente FÜR die Apo nur so zu,WAS wird daraus gemacht???Also agiert die Praxis einfach nach gesundem Menschenverstand.Und MACHT einfach!! Gut so!!

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Amtsschimmel

von Dr Schweikert-Wehner am 05.03.2020 um 13:23 Uhr

Solange einige Behörden nur darauf lauern, den Kollegen vor Ort aus jedem Mist einen Strick zu drehen, kann ich die Engagierten nur für ihren Mut bewundern. Hoffentlich geht der Schuss nicht nach hinten los.

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Zeit die Kammerbeiträge um den ABDA-Anteil zu kürzen?

von Christian Timme am 05.03.2020 um 12:27 Uhr

Bedarf es erst einer Mitgliederversammlung mit dem Ergebnis: "Es kommt darauf an ... "

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Abda

von Conny am 05.03.2020 um 11:07 Uhr

Wie oft bin schon von der Daz zensiert worden, wenn ich die Caosabdatruppe kritisiert habe als das was Sie sind: Eine unfähige Standesvertretung. Schön das die Daz es ab und zu auch so sieht.

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Apotheker erhebt euch

von Michaela Mann am 05.03.2020 um 9:07 Uhr

Ich kann mich nur den vorherigen Kommentaren anschließen und möchte dabei noch auf eines hinweisen: In der Sitzung der ABDA steht in §3:

(7) Die Mitgliederversammlung tritt mindestens zweimal im Jahr zusammen. Sie muss einberufen werden, wenn 1/3 der Mitgliedsorganisationen oder Mitgliedsorganisationen, die 1/3 der Stimmen der Mitglie- derversammlung repräsentieren, dies verlangen.

Ich kann nur jeden Apotheker auffordern sich schriftlich sowohl an die ABDA als auch an ihre Landesvertretung zu wenden und diese Mitgliederversammlung einzufordern um feststellen zu können, ob die ABDA ihrer Aufgabe - die standesrechtliche Vertretung - auch wirklich im Sinne der Mehrheit ihrer Mitglieder ausübt. Daran lässt mich zumindest vieles zweifeln!
Ein „weiter so“ darf es nicht geben und jetzt ist jeder Apotheker gefragt, der die Apotheke vor Ort schützen will, seine Stimme zu erheben und klar zu sagen: „Es reicht!“
Der Kuschelkurs mit Jens Spahn muss eine Ende haben, da er uns zu nichts führen wird! Was hat er uns denn bisher gegeben? Gleichpreisigkeit - schauen wir uns den PKV-Bereich an, müssen wir das wohl verneinen... Hinzu kommt, dass das BMG das Makelverbot beim E-Rezept nur auf Kammern und Ärzte beschränkt. Stellen wir uns einmal vor, das kommt so.. Dann kann jede Krankenkasse sich mit ihrer eigenen App anbinden und dem Patienten sagen: „Wenn du dein E-Rezept an uns weiterleitest, kümmern wir uns darum, dass die Medikamente zu dir nach Hause kommen und du bekommst z.B. 5% deines monatlichen Beitrags zurück erstattet.“ Die Kasse sucht sich dann den günstigsten Anbieter raus (Über Preise kann die Kasse ja im privaten Sektor verhandeln) und leitet dort das Rezept hin. Und es glaubt doch keiner hier, dass das die kleine vorm Ort Apotheke sein wird. Die Privat-Rezepte können wir früher oder später aus unserer Haben-Liste streichen...
Überall hängen die grün-weißen Plakate, die dem Verbraucher suggerieren, dass das e-Rezept nur mit den Versendern zu machen ist. Wo sind unsere Plakate, wo zeigt die ABDA klar: E-Rezept können wir auch - und sogar schneller und sicherer! Auch das wurde irgendwie verpennt, die Gelder dafür wurden woanders wohl dringender benötigt...
Was haben wir denn noch? Ach ja, die hoch gelobten pharmazeutischen Dienstleistungen! Sie sind ein wichtiges Zeichen, dass Apotheke vor Ort mehr kann, z.B. impfen. Das ist etwas was kein Versender kann, deswegen dürfen wir uns dagegen auch nicht sperren, sondern müssen es als Chance ansehen, aber reichen tut es in keinem Falle. Alle weiteren strikt geheim gehaltenen Dienstleistungen bereiten mir doch eher Bauchschmerzen, als ein Kribbeln der Vorfreude. Warum? ich befürchte, dass viel auf dem Medikamentationsmanagement herumgeritten wird, aber auch das ist etwas, was zu großen Teilen in Zukunft automatisiert dargestellt werden kann. Das wird nicht die große Wende bringen. Und wenn doch, dann stellt sich eine andere Frage: Wer soll die Dienstleistungen denn machen, in Zeiten des Fachkräftemangels? Es ist kaum möglich Personal für den laufenden Betrieb zu finden und zu halten. Wenn junge gut ausgebildete PTAs nach 5 Jahren das Handtuch hinschmeißen und sagen: „Ich kann mein Geld leichter verdienen“ und unsere Apotheker in die Industrie und Hochschulen abwandern? Sich mit einer Apotheke selbstständig machen oder eine bestehende zu übernehmen ist in den heutigen Zeiten ein Hochrisiko-Geschäft, da die Planungssicherheit mit einem Gesnundheitsminister, dessen Leben nach eigenen Worten „in seinem Handy stattfindet“ nicht gegeben ist.
Nur eines hat er uns klar während der Anhörung im Petitionsausschuss gesagt:“Eine Rx-Versandverbot wird es mit ihm nicht geben.“ Auch wenn das in der Berichterstattung irgendwie untergegangen ist.
Ich denke, es wird Zeit, dass auch wir eine klare Antwort geben:“Uns reicht es, so wird es mit uns nicht weiter gehen!“ Jetzt ist die Zeit gekommen, da die Lieferengpässe und Corona uns soweit ins politische und öffentliche Interesse gerückt haben, dass wir gesehen und gehört werden können - wenn wir wollen! Wo sind die Zahlen und die Gutachten, wie viele Rezepte von den Versendern täglich zurückgeschickt werden, weil sie nicht liefern können. Wer badet diesen Mist aus? Die Versender machen es sich wie immer leicht.
Jetzt ist jeder Apoteheker gefragt, egal ob in der öffentlichen Apotheke, in der Industrie oder an den Hochschulen. Gebt euch einen Ruck, tut euch zusammen und sprecht mit einer Stimme! Fordert die außerordentliche Mitgliederversammlung, fordert Eure Landesvertretung. Die ABDA muss aus ihrem ewig andauernden Dornröschenschlaf geweckt werden und ihren Kopf aus Jens Spahns Hintern ziehen! Ein zurück zum Rx-Verbot muss jetzt kommen, auch ohne Jens Spahn. Dann tut er eben nichts mehr für uns, hat er bisher ja auch nicht! Lasst es uns über den Gesundheitsauschuss versuchen, soll er selber ein Gesetzesentwurf einbringen. Gebt ein klares Zeichen, „wir wollen das Rx-VV, wir wollen die Gleichpreisigkeit, wir wollen die Apotheke vor Ort und dann geht zu den Politikern, die sich für uns stark machen wollen und sagt ihnen, wir sind bereit! Denn am Ende ist Jens Spahn auch nur ein Mann und kann nicht alles alleine entscheiden...
Zeigen wir ihm, dass wir auch ohne ihn wollen und können, denn mit ihm geht es allem Anschein ja auch nicht...

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Mal wieder "Schade" ....

von Bernhard Glombitza am 05.03.2020 um 8:46 Uhr

Liebe Frau Borsch,
ich kann Ihre Sichtweise nur voll unterstützen, ich erwarte von einer Standesvertretung, dass sie lösungsorientiert an solche kleinen Herausforderungen geht und sich nicht hinter einem Berg von unklaren Verordnungen verschanzt...mal wieder eine Chance vertan Wert zu zeigen. Kein Wunder, dass bei großen Problemen wie z.B. dem Apothekensterben wir uns so schlecht vertreten fühlen.

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Desinfektionsmittel

von Ingrid Schierle am 05.03.2020 um 8:11 Uhr

Unglaublich was da gerade abgeht.
Hinzu kommt, dass diese unsägliche Biozid-Verordnung ( deren Zweck mir sich bis dato nicht erschlossen hat) die Vorräte an Isopropanol in den Apotheken gegen Null hat gehen lassen. Hatten wir früher immer einen 25l Vorrat für die Herstellung auf PC etc, so sind es jetzt 2,5l. Dieser Vorrat ist jetzt natürlich weg und auch wir haben das Desinfektionsmittel bereits letzte Woche hergestellt, obwohl wir es eigentlich nicht durften. Unter den alten Bedingungen wäre dies ohne weiteres möglich gewesen und wir hätten die 10-fache Menge herstellen können, bevor ein Engpass bei Isopropanol überhaupt aufgetreten wäre.
Man hat schon den Eindruck, dass denken oftmals Glückssache ist. Ein Hoch auf die Bürokratie!

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Endlich!

von B. Glomibitza am 05.03.2020 um 8:02 Uhr

Liebe Frau Borsch,
Sie sprechen mir aus der Seele. Seit Tagen denke ich so und fasse mich aber auch an die eigene Nase, nur leise zu schimpfen und nicht laut in der Öffentlichkeit.
Dass wir nun lt. Herrn Spahn Desinfektionsmittel vorzugsweise für Arztpraxen und medizinische Einrichtungen herstellen sollen, finde ich einerseits richtig - andererseits sollte man auch offen fragen: wo beziehen diese denn normalerweise Ihre Desinfektionsmittel? Doch wohl eher an der Apotheke vorbei. Aus wirtschafltlichen Gründen.
Fakt ist aber, dass diese Situation allen - der Bevölkerung und der Politik - zeigen kann (und MUSS), was die Apotheke vor Ort leistet und leisten kann.
Ich wünsche mir auch viel mehr Unterstützung und Öffentlichkeitsarbeit seitens der Standesvertreter. Dann könnte ich vielleicht auch lächelnd darüber hinweg sehen, dass ein Vertreter eines Landesverbandes in seiner Apotheke bergeweise Octenisept anbietet - ein Wund- und Schleimhautantiseptikum auf wässriger Basis, welches den Kampf gegen Corona wohl eher verlieren wird.

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erbärmlich

von norbert brand am 05.03.2020 um 7:58 Uhr

es ist Aufgabe einer Standesvertretung, wenigstens zu versuchen, die tägliche Arbeit Ihrer Mitglieder zu fördern und zu ERLEICHTERN. Wenn das, wie hier, offensichtlich nicht geschieht, dann fällt einem nur ein Wort ein: ERBÄRMLICH

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