Österreich

Behörde warnt vor Noscapin-Rezepturen aus Apotheken

Stuttgart - 10.02.2020, 16:30 Uhr

Das österreichische Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen empfiehlt, bis auf Weiteres keine in der Apotheke erworbenen und dort zubereiteten Noscapin-Hustensäfte anzuwenden. (m / Foto: imago images / imagebroker)

Das österreichische Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen empfiehlt, bis auf Weiteres keine in der Apotheke erworbenen und dort zubereiteten Noscapin-Hustensäfte anzuwenden. (m / Foto: imago images / imagebroker)


In Österreich sind vergangene Woche bei zwei Kindern Vergiftungserscheinungen im Zusammenhang mit der Einnahme von rezepturmäßig hergestellten Noscapin-Hustensäften aufgetreten. Daher empfiehlt das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, bis auf Weiteres keine in der Apotheke hergestellten Noscapin-Rezepturen anzuwenden – als vorbeugende Sicherheitsmaßnahme, wie es heißt.

Noscapin ist ein Alkaloid des Schlafmohns. Ähnlich wie Codein oder Dihydrocodein wirkt es gegen Husten, jedoch ohne opiattypische Nebenwirkungen hervorzurufen. Es kann daher bereits bei Säuglingen ab sechs Monaten gegen Reizhusten eingesetzt werden. In Deutschland ist es unter dem Handelsnamen Capval in Form von Saft, Tropfen und Dragees erhältlich.

Wie vergangene Woche bekannt wurde, kam es Ende Januar in Österreich allerdings zu zwei tragischen Zwischenfällen im Zusammenhang mit Noscapin. Es wurden in zwei Fällen Vergiftungserscheinungen bei Kleinkindern im Alter von zwei und fünf Jahren gemeldet – beide in Wiener Neustadt in Niederösterreich, nachdem die Kinder einen in der Apotheke rezepturmäßig hergestellten Hustensaft eingenommen hatten. Seitdem rät die zuständige Behörde, das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG), bis auf Weiteres keine in der Apotheke erworbenen und dort zubereiteten Noscapin-Hustensäfte anzuwenden. Laut BASG handelt es sich dabei um eine Vorsichtsmaßnahme. Die Warnung gilt laut BASG-Webseite ebenso für andere noscapinhaltige Zubereitungen, insbesondere auch für Noscapin-Zäpfchen, die in Österreich wohl deutlich häufiger als Rezepturen verordnet werden als der Saft. Die Fachgruppe für Kinder- und Jugendheilkunde stellt eine entsprechende Zäpfchen-Rezeptur als Ersatz für ein nicht mehr verfügbares Fertigarzneimittel zur Verfügung.

Verdacht auf Verunreinigung mit Atropin

Medienberichten zufolge besteht der Verdacht auf eine Verunreinigung mit Atropin. Beim BASG laufen demnach die Recherchen. „Stand der Dinge ist, dass die Originalproben auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt beschlagnahmt worden und unter Verschluss sind“, wurde die Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer, Ulrike Mursch-Edlmayr zitiert. Bei der Staatsanwaltschaft sei Anzeige erstattet worden. Den Kindern gehe es wieder besser. Laut Austria-Presse-Agentur (APA) könne sowohl beim Hersteller der Ausgangssubstanzen als auch beim Transport oder bei der Herstellung in der Apotheke ein Fehler aufgetreten sein. Hergestellt und abgegeben wurden die Noscapin-Säfte auf Magistral-Rezept laut aktuellem Wissensstand von zwei unterschiedlichen Apotheken. Die Anklagebehörde ermittle nun gegen unbekannte Verdächtige wegen fahrlässiger Körperverletzung, heißt es. Bis die Ergebnisse aus den Laboruntersuchungen der Hustensäfte vorliegen könne es eine Weile dauern.

Auch in Deutschland ist Noscapin als Hydrochlorid als Rezeptursubstanz verfügbar. Das NRF enthält jedoch keine entsprechende Rezepturvorschrift.

Atropin-Vergiftung

Das Tropan-Alkaloid Atropin, das natürlich in verschiedenen Pflanzenteilen einiger Nachtschattengewächse wie Alraune, Engelstrompete, Stechapfel, Tollkirsche oder Bilsenkraut vorkommt, wirkt als unselektiver kompetitiver und reversibler Muskarinrezeptor-Antagonist. Es verdrängt den natürlichen Liganden, den Neurotransmitter Acetylcholin, von den Muskarinrezeptoren und vermindert so die Wirkung des Parasympathikus. Eine Atropinvergiftung ruft somit anticholinerge Symptome hervor. Der Symptomkomplex wird als anticholinerges Syndrom bezeichnet mit

  • Fieber,
  • Mundtrockenheit,
  • Tachykardie,
  • Harnverhalt,
  • Obstipation,
  • Mydriasis,
  • Hautrötungen,
  • Delir (mit starker motorischer Unruhe) und
  • Verwirrtheit, z. T. mit Halluzinationen

Bei hohen Dosen kommt es zu Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen und Atemlähmung. Als spezifisches Antidot bei schwerer Intoxikation wird Physostigmin eingesetzt. Therapeutisch wird Atropin vor allem in der Augenheilkunde und der Notfallmedizin eingesetzt.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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