Werbung lässt aufhorchen

Was ist dran an Glycowohl?

Stuttgart - 06.11.2019, 10:45 Uhr

Glycowohl wird derzeit in der Fach- und Laienpresse beworben. (c / Screenshot: www.glycowohl.de)

Glycowohl wird derzeit in der Fach- und Laienpresse beworben. (c / Screenshot: www.glycowohl.de)


Glycowohl, eine als Homöopathikum zugelassene Urtinktur aus den Früchten des Jambulbaums, soll – so wird es zumindest beworben – unter anderem den Blutzuckerspiegel senken, die Betazellen der Bauchspeicheldrüse schützen und eine ideale Ergänzung für die Therapie eines Typ-2-Diabetes sein. Patienten sollen einen aus drei Fragen bestehenden Prä-Diabetes-Test machen und gegebenenfalls in der Apotheke nach Glycowohl fragen – damit sie keinen Diabetes bekommen. Doch gibt die Datenlage das her?

Glycowohl®, vertrieben von der Firma Heilpflanzenwohl GmbH, ist als homöopathisches Arzneimittel zugelassen. Das Präparat enthält laut Deklaration eine Urtinktur in Form eines alkoholischen Extraktes von Syzygium cumini, den Früchten des Jambulbaums, hergestellt nach den Vorschriften des Homöopathischen Arzneibuchs. Für diesen in Südostasien beheimateten Baum wird seit mehr als 100 Jahren eine antidiabetische Wirkung diskutiert. Laut Zulassung leiten sich die Anwendungsgebiete von den homöopathischen Arzneimittelbildern ab. Dazu zählt die Verwendung als Zusatzmittel bei Zuckerkrankheit. 

Glycowohl® ist ein Altarzneimittel, das bereits vor 1976 auf dem Markt war, (damals unter der Harras Pharma Curarina Arzneimittel GmbH). Bis 2018 wurde kein homöopathisches Arzneimittel durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, Nachfolgeinstitut des Arzneimittelinstituts des Bundesgesundheitsamtes) zugelassen, bei dem sich der Antragsteller auf eine zum Beleg der Wirksamkeit geeignete Studie berufen hätte. Das betrifft auch Glycowohl®. In der Werbung wird Glycowohl® aber als modernes, vom BfArM zugelassenes Phytotherapeutikum präsentiert. Allerdings ist es kein Phytotherapeutikum nach dem Arzneimittelgesetz, sondern ein homöopathisches Arzneimittel.

Hier geht's zu den Studien und zum Artikel in voller Länge:

Werbung zu Glycowohl® für Diabetiker und „Prä“-Diabetiker lässt aufhorchen

„Damit auch Sie keinen Diabetes bekommen!“

In der Glycowohl®-Werbung wird behauptet, dass zur Diabetes-Vorbeugung Extrakte aus dem Jambulbaum natürliche Hilfe leisten können: Die Wirkstoffe der Pflanze sollen eine einzigartige Doppelwirkung haben, indem sie bei Typ-2-Diabetes sanft und sicher den Blutzuckerspiegel senken und so langfristig den HbA1c-Wert verbessern sowie die empfindlichen Zellen der Bauchspeicheldrüse schützen. Als Beleg für diese Aussagen werden Tier- und In-vitro-Studien von Vikrant, Syama und Mandal angeführt. Keine der immer wieder als Beleg für die Wirksamkeit angeführten Tier- und In-vitro- Studien liefert allerdings mehr als Hinweise, dass einige Inhaltsstoffe von Syzygium cumini in hoher Dosierung den Glucose-Stoffwechsel beeinflussen beziehungsweise die toxische Wirkung von Streptozotocin auf das Pankreas – im Tiermodell lässt sich durch Streptozotocin Diabetes mellitus auslösen – hemmen können. Dabei ist anzumerken, dass die in den Studien verwendeten Extrakte weder in der Herstellung und dem Droge-Extrakt-Verhältnis noch der Dosierung der homöopathischen Urtinktur entsprechen.



Dr. med. Christian Steffen, FA für Pharmakologie und Toxikologie
redaktion@daz.online


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