Arzneimittel-Lieferengpässe

Schmidt: So schlimm war es seit 30 Jahren nicht

Berlin - 18.10.2019, 12:54 Uhr

Die Lage ist unzumutbar. Das findet der ABDA-Präsident Friedemann Schmidt mit Blick auf die Arzneimittel-Lieferengpässe. In der MDR-Sendung „Hauptsache Gesund“ äußerte er sich ausführlich. (m / Foto: Schelbert)

Die Lage ist unzumutbar. Das findet der ABDA-Präsident Friedemann Schmidt mit Blick auf die Arzneimittel-Lieferengpässe. In der MDR-Sendung „Hauptsache Gesund“ äußerte er sich ausführlich. (m / Foto: Schelbert)


Die durch Arzneimittel-Lieferengpässe entstehenden Versorgungsbeeinträchtigungen werden immer heftiger. Nicht nur die Patienten merken sie, sondern auch Ärzte und Apotheker in ihrer täglichen Arbeit. Wie angespannt die Lage ist, stellte nun auch ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in einem ausführlichen Interview in der Sendung „Hauptsache Gesund“ klar. Schmidt bezeichnet die Situation für viele Patienten als „unzumutbar“ und fordert umgehende Umstellungen im Arzneimittelmarkt.

Friedemann Schmidt ist normalerweise nicht dafür bekannt, Situationen zuzuspitzen und sie zu dramatisieren. Insbesondere in den schwierigen politischen Situationen der vergangenen Jahre wirkte er zumindest bei öffentlichen Auftritten ruhig und ausgeglichen – für viele Apotheker vielleicht sogar etwas zu passiv. Schmidts jüngster Auftritt und seine Wortwahl in der TV-Sendung „Hauptsache Gesund“ fällt wahrscheinlich auch deswegen aus der Reihe. Der ABDA-Präsident scheint sich um die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln große Sorgen zu machen.

Schon vor dem eigentlichen Gespräch mit dem Moderator wird Schmidt kurz ins Bild geholt und erklärt zu Arzneimittel-Lieferengpässen: „In den Apotheken ist es so schlimm, wie es seit 30 Jahren nicht mehr gewesen ist. Für die Patienten ist es nicht nur schlimm, sondern es wird zunehmend auch gefährlich.“ Im Beitrag wird dann sowohl die ambulante als auch die stationäre Versorgungssituation erläutert. In einer Leipziger Apotheke versucht ein Patient, ein Blutdruck-Präparat abzuholen, wird aber vertröstet und erklärt: „Das erinnert mich an DDR-Zeiten, als man bestimmte Produkte nur nach Wartezeiten oder mit Beziehungen gekriegt hat.“

Schmidt: Das ist Marktversagen

Was die Engpässe in Kliniken betrifft, kommt der Hämatologe Prof. Uwe Platzbecker zu Wort, der sich über die Versorgungsschwierigkeiten mit dem Zytostatikum Cytarabin beschwert. „Für dieses Medikament gibt es keine Alternative. Es gibt keine zugelassenen Substanzen, die dieses Medikament derzeit ersetzen können. (…) Unsere Klinikapotheke leistet einen unheimlichen Aufwand, um das Medikament zum Beispiel aus dem Ausland zu importieren. Derzeit schaffen wir es, ausreichend davon zur Verfügung zu stellen.“

Mehr zum Thema

Auf die Frage des TV-Moderators, ob Schmidt die Situation beruhigen könne, antwortet der ABDA-Präsident: „Nein, das ist kein vorübergehendes Geschehen. Marktversagen, Systemversagen liegt dahinter.“ Aus seiner Sicht liegt das Problem unter anderem im Wettbewerb, den „die Politik“ angefeuert habe im Arzneimittelmarkt, um die Preise zu senken. „Das hat gut funktioniert. Es ist wie beim Schrauben: Nach fest kommt ab. Und jetzt ist ab.“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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8 Kommentare

So schlimm war es seit ......?

von Heiko Barz am 22.10.2019 um 11:59 Uhr

Die Kurzsichtigkeit der KKassen, an vorderster Front ein Herr Herman der beliebten „Gesundheitskasse“ ( welch eine Farce) aus Baden-W. Ist die Triebfeder des derzeit erlebten AM-Chaos! Die KKassen haben mit ihrer durch den Staat geduldeten RabattAMpolitik diese absehbare UNHEIL heraufbeschworen. Die nur auf billigste Herstellungsverfahren beruhenden indischen und chinesischen Produzenten vieler der allgemein gebräuchlichen AM konnte ja auf Dauer nicht gut gehen, wie es Valsartan mit seiner Problematik bekannt machte.
„Billigsein“ und „Geiz ist Geil“ ist nun nicht gerade eine „feste Burg“ für Millionen von AM-Abhängigen pflichtversicherten Patienten, die mit Recht verlangen können, nicht nur ordentlich sondern auch medizinisch optimal versorgt zu werden. Mit Einführung dieser Art AM-Versorgung durch die unsägliche RabattAMStruktur seit 2004 wird diese Recht mit Füßen getreten mal abgesehen von den alles vernichtenden und rechtlich unmöglichen EU-Urteilen, die uns zwangsweise ohne erheblichen Widerstand aufoktroyiert wurden. Herr Bühler mag es mir verzeihen.
Herr Schmidt, ich bin seit über 50 Jahren Pharmazeut und glauben Sie mir, diesen „unnötigen“, weil berechenbaren Wahnsinn habe ich noch nie erlebt.

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Shinrix

von Kleiner Apotheker am 22.10.2019 um 10:43 Uhr

Zweite Impfung laut Datenbank nach 2-6 Monaten. Gibt es andere Informationen?

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valide Daten

von Andreas Seifert am 20.10.2019 um 14:41 Uhr

Warum existieren eigentlich keine Zahlen vom Großhandel?
Liegen deren Zahlen schon im 5-stelligem Bereich?
Da ich bei vielen Wirkstoffen bei meinen täglichen Onlineanfragen nur die Farbe Rot sehe, vermute ich, haben wir in Deutschland bei Einbeziehung aller PZN mindestens 10000-15000 Arzneimitteldefekte.

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MDR-Beitrag

von ED am 19.10.2019 um 10:53 Uhr

...noch nie habe ich Herrn Schmidt so überzeugend erlebt! Schade, dass er sich nicht immer so für unsere Interessen einsetzt.

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AW: MDR-Beitrag

von PiPaPo am 21.10.2019 um 10:07 Uhr

Sofortiger Rücktritt! Er hat mit Verantwortung. Die unhaltbaren Zustände sind auch sehenden Auges zustande gekommen. Wer so wenig Rückgrat zeigt, verteidigt nicht unsere und nicht die Kunden- Interessen. Also ADIEU!!

valide Daten

von Jan Kusterer am 19.10.2019 um 8:40 Uhr

Wir können jeden Tag in der Defektliste die Situation sehen, aber die öffentlichte Meinung will Fakten. ABDA, bitte sammelt Daten und präsentiert sie mit ausreichendem TamTam. Die Krankenkassen versuchen grad großformatig ihre Schuld von sich zu weisen. Das dürfen wir nicht durchgehen lassen.

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Ach so (II)

von J.M.L. am 18.10.2019 um 18:42 Uhr

"Die Lage ist unzumutbar" ... auch ich dachte beim Lesen erst an die Gesamtlage der öffentlichen Apotheken in Deutschland und unsere Zukunftsaussichten ... dagegen sind die im Vergleich - zugegebenermaßen katastrophalen - Lieferengpässe eher Peanuts ...

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Ach so

von Anita Peter am 18.10.2019 um 13:30 Uhr

"So schlimm war es seit 30 Jahren nicht"

Zuerst dachte ich, er meint die Arbeitsqualität der ABDA.

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