Influenzasaison 2017/18: höchste Todesrate seit 30 Jahren

Wie bestimmt das RKI Todesfälle bei Grippe?

Stuttgart - 04.10.2019, 07:00 Uhr

Rund 25.000 Menschen starben 2017/18 nach Schätzungen des RKI an Grippe. Es war seit 30 Jahren die tödlichste Influenzasaison. Wie berechnet das RKI diese Zahl?  (s / Foto: Mongkolchon / stock.adobe.com)

Rund 25.000 Menschen starben 2017/18 nach Schätzungen des RKI an Grippe. Es war seit 30 Jahren die tödlichste Influenzasaison. Wie berechnet das RKI diese Zahl?  (s / Foto: Mongkolchon / stock.adobe.com)


Wie viele Menschen starben im letzten Jahr an Grippe? Im Vergleich zum Vorjahr verlief der vergangene Grippewinter recht mild: Denn 2017/18 war mit 25.100 Todesfällen durch Influenza die schlimmste Grippesaison seit 30 Jahren. Doch wie kommt das RKI auf diese Todeszahlen? Was ist die Krux bei den nach Infektionsschutzgesetz von den Gesundheitsämtern übermittelten Todesfällen mit Influenzainfektion?

Nach der Grippesaison ist vor der Grippesaison – zeitgleich mit dem Startschuss der neuen Influenzasaison 2019/20, wie immer in der 40. Kalenderwoche, hat das Robert Koch-Institut (RKI) den letzten Grippewinter ausgewertet und im „Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/19“ veröffentlicht. Demnach dominierten vor allem Influenza A-Viren das Grippegeschehen, im Gegensatz zur Grippesaison 2017/18, in welcher vornehmlich Influenza B Yamagata zirkulierte und für die schweren Verläufe verantwortlich zeichnete. Im vergangenen Winter hingegen spielte Influenza B nahezu keine Rolle beim Influenzageschehen hierzulande.

Die letzte Grippesaison 2018/19 verlief verglichen mit dem Grippewinter 2017/18 relativ mild – sie war kürzer, weniger Menschen erkrankten, mussten ins Krankenhaus oder verstarben. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt für 2018/19 etwa 3,8 Millionen influenzabedingte Arztbesuche – in der außergewöhnlich starken Grippesaison zuvor geht das Institut von rund 9 Millionen Arztbesuchen aufgrund von Grippe aus. Auch Influenza-assoziierte Arbeitsunfähigkeiten wurden mit 2,3 Millionen im letzten Jahr deutlich seltener festgestellt als im Vorjahr (5,3 Millionen). Und auch primärversorgende Arztpraxen wiesen 2018/19 „nur“ etwa 18.000 Patienten influenzabedingt ins Krankenhaus ein, 2017/18 taten sie dies mehr als doppelt so häufig: 45.000

Insgesamt wurden in der vergangenen Saison rund 182.000 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle (gemäß Infektionsschutzgesetz) an das RKI übermittelt (2017/18: 334.000). 181.698 Mal bestätigte sich eine Infektion mit Influenza A (98,5 Prozent) und nur vereinzelt mit Influenza B (1.233 Fälle, 0,7 Prozent). Bei 1.148 Fällen lag keine exakte Zuordnung zum Influenzasubtyp – A oder B – vor. Von den übermittelten labordiagnostisch bestätigten Influenzafällen war bei rund 40.000 Fällen (22 Prozent) angegeben, dass sie hospitalisiert waren. Damit war der prozentuale Anteil hospitalisierter Fälle zwar höher als in der besonders schweren Vorsaison (17 Prozent), allerdings war dort mit rund 60.000 hospitalisierten Influenzafällen die absolute Zahl höher.

Was ist ein Fall?

Seit 1. Januar 2019 hat das RKI die Fall- und Referenzdefinition im Umgang mit Influenzameldungen novelliert: Die Referenzdefinition wurde auf alle labordiagnostisch bestätigten Fälle erweitert. Außerdem wurden die klinischen Kriterien akuter Krankheitsbeginn, Fieber, Muskel-, Glieder-, Rücken- oder Kopfschmerzen und Husten zu einem Kriterium – „grippetypische Symptome“ – zusammengefasst, sodass nur noch mindestens eines von vier genannten Kriterien für das Erfüllen des klinischen Bildes erforderlich ist.

Zuvor entsprachen nur Erkrankungen, die labordiagnostisch nachgewiesen wurden und mit einer typischen Symptomatik einhergehen, also klinisch-labordiagnostisch bestätigte Fälle, und Erkrankte mit typischer Symptomatik, die direkten Kontakt zu einem laborbestätigten Fall hatten, sogenannte klinisch-epidemiologisch bestätigte Fälle, der Referenzdefinition des RKI für Influenza. Das Problem hierbei war jedoch, dass das klinische Bild durch das zuständige Gesundheitsamt nicht immer vollständig abgeklärt werden konnte, was bedeutet, dass viele laborbestätigte Fälle mit unbekannter oder nicht ermittelbarer Symptomatik an das RKI übermittelt wurden. Die wöchentliche Berichterstattung im Influenza-Wochenbericht bezog sich deshalb auf alle labordiagnostisch bestätigten Fälle mit erfülltem klinischen Bild, aber auch auf laborbestätigte Fälle mit unbekanntem oder nicht ermittelbarem klinischen Bild.

Welche Konsequenzen haben die neuen Definitionen?

Was ändert sich durch die neuen Definitionen? Bedeutet es, dass ab 1. Januar mehr Influenzameldungen berücksichtigt werden konnten, weil das klinische Bild sich ja auf nur ein Kriterium zugespitzt hat? DAZ.online hat beim RKI nachgefragt. RKI-Sprecherin Judith Petschelt erklärt: „Durch die Änderungen werden ab dem 1. Januar 2019 mehr Fälle in der Referenzdefinition berücksichtigt“. In der Berichterstattung der AGI ändere sich dadurch nichts, da die AGI auch schon vorher alle laborbestätigten Fälle ausgewiesen hatte. „Da stimmt auch die Relation der Meldungen zu den Vorjahren“. Und weiter: „Hingegen in der wöchentlichen Statistik im Epid Bull (wo die Fallzahlen gemäß Referenzdefinition aufgeführt sind und daher bislang niedriger waren als in den AGI-Wochenberichten) werden sich die Zahlen ändern“. Allerdings könne die Umstellung gegebenenfalls noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, so Petschelt. „Ziel der Änderungen ist es, das Influenza-Meldeverfahren für die Gesundheitsämter zu erleichtern.“

Häufigste Komplikation bei Hospitalisierungen war – durch alle Altersgruppen – die Pneumonie.

Wen traf die Grippe?

Laut RKI erkrankten vor allem die 35- bis 59-Jährigen an Grippe, ein Drittel aller übermittelten Fällen betraf diese Altersgruppe (2017/18: 38 Prozent). Ein Viertel aller Fälle wurde in der Altersgruppe der über 59-Jährigen erfasst – was in der Vorjahressaison mit 26 Prozent ähnlich war. Auch Säuglinge traf die Grippe relativ häufig und öfter als in der Vorsaison. 13 Prozent aller labordiagnostisch bestätigten Influenzafälle entfielen auf auf Null- bis Vierjährige (Vorjahr: 9 Prozent).



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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