Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC)

Expertengruppe: Nachtdienste sind wahrscheinlich krebserregend

Berlin - 23.08.2019, 12:45 Uhr

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat Studien analysiert und kommt jetzt zu der Ansicht, dass Nachtdienste wahrscheinlich karzinogen sind. (Foto: imago images / Ina Peek)

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat Studien analysiert und kommt jetzt zu der Ansicht, dass Nachtdienste wahrscheinlich karzinogen sind. (Foto: imago images / Ina Peek)


Arbeiten wenn andere schlafen: Krankenpfleger, Fließbandarbeiter, Flugbegleiter und auch Apotheker machen beruflich regelmäßig die Nacht durch. Für den Körper ist das nicht nur wegen Müdigkeit besonders belastend. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) bestätigte jüngst auf Basis neuer Studien ihre frühere Einschätzung, dass Nachtarbeit wahrscheinlich krebserregend ist. Allerdings sind dazu noch viele Fragen offen.

Die IARC nimmt eine Einteilung von Chemikalien und deren Mischungen in vier Kategorien vor, von „krebserregend für Menschen“ bis „nicht klassifizierbar in Bezug auf seine Karzinogenität für den Menschen“. Das Arbeiten in Nachtschichten fällt damit in die Gruppe 2A – „wahrscheinlich karzinogen für Menschen“. Zur Gruppe 2 A gehören auch etwa der umstrittene Pflanzenschutz-Wirkstoff Glyphosat und die Nitrosamine NDMA und NDEA, die in den vergangenen Monaten in Sartan-Tabletten gefunden wurden. Wie die Agentur mit Sitz in Lyon erklärt, gebe es „eingeschränkte Nachweise“, dass Nachtarbeit zu Tumoren in Brust, Prostata und Darm führen könne. Die Einstufung gilt aber nicht als Risikobewertung, wie die Agentur betont.

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Denn Aussagen über die Wahrscheinlichkeit, mit der Nachtarbeit Krebs auslöst, sind schwer. Die Bewertung der Experten könne lediglich die Frage klären, ob nächtliche Schichtarbeit einen Einfluss auf das Krebsrisiko hat, sagt Hajo Zeeb, der an der IARC-Einstufung beteiligte Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen.

Viele offene Fragen

„Wie groß der Einfluss der Nachtarbeit auf das Krebsrisiko ist, lässt sich mit dieser Einschätzung nicht klären. Dazu bräuchte es eine sogenannte Risikobewertung.“ Außerdem würden individuelle Aspekte einer einzelnen Person in Schichtarbeit bei der Bewertung nicht berücksichtigt, sagt Zeeb. Bedingt durch die Studiendesigns ließen sich auch andere Erklärungen für Krebserkrankungen nicht völlig ausschließen. Die Einschätzung der Expertengruppe erschien schon im Juli in der Fachzeitschrift „The Lancet Oncology“. Erstmals hatte die IARC die Nachtarbeit schon 2007 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft.

In Deutschland arbeiteten 2016 nach Angaben der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) rund 7 Prozent der Beschäftigten in Wechselschicht mit Nachtarbeit oder dauerhaft nachts. Männer sind dabei deutlich häufiger in der Nachtschicht tätig als Frauen. Außerdem arbeiten niedrigqualifizierte Menschen demnach deutlich öfter nachts als Beschäftigte der mittleren und hohen Bildungsgruppen.

Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus gestört wird, kann es zu Zellveränderungen kommen

Bisher waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass Schichtarbeit generell krebserregend sein könnte. Die neuen Studien zeigten nun aber, dass vor allem jene Arbeit zu Zellveränderungen führen kann, bei der der Tag-Nacht-Rhythmus gestört wird. Die Neubewertung für die IARC übernahm eine Arbeitsgruppe aus 27 Wissenschaftlern aus 16 Ländern. Die Experten analysierten dafür die wissenschaftliche Literatur und Studien. „Es war eine in weiten Teilen durchaus kontrovers geführte Diskussion der wissenschaftlichen Daten zum Thema“, so Zeeb, der Teil dieser Expertenkommission war. „Einige neuere Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Nachtschichtarbeit und Krebs, andere wiederum zeigten überzeugend Risiken auf. Und die Einordnung der biologischen Befunde ist teils hochkompliziert.“


bro / dpa
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Nachdienst

von pill_182 am 26.08.2019 um 9:30 Uhr

Nun kommt zu allem Unheil noch das Apothekersterben aufgrund unserer zahlreichen Nachtdienste hinzu (was unsere Versandkonkurrenz im Übrigen nicht leisten muß). Spätestens jetzt sind wir auf den Plan gerufen, längst überfällige Änderungen vorzunehmen (ab 23.00 Uhr nur noch Notfallrezepte, damit man nicht um 03.00 Uhr für Nasensprays rausgeklingelt wird). So würde sich so mancher überlegen, bis zum nächsten Morgen zu warten und wir hätten wenigstens partielle Nachtruhe.

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