„ZDFheute"

Lauterbach attackiert Pharmaindustrie wegen Arzneimittel-Lieferengpässen

Berlin - 12.08.2019, 10:20 Uhr

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht bei den Lieferengpässen die Pharmaindustrie in der Pflicht. (c / Foto: imago images / Reiner Zensen)

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht bei den Lieferengpässen die Pharmaindustrie in der Pflicht. (c / Foto: imago images / Reiner Zensen)


Die Diskussion rund um die Arzneimittel-Lieferengpässe nimmt an Fahrt auf. Das Thema wird derzeit fast täglich von zahlreichen lokalen und überregionalen Medien aufgegriffen. Am vergangenen Freitag berichtete auch die TV-Nachrichtensendung „ZDFheute“ darüber. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die Pharmaindustrie in der Pflicht. Auch Nordrheins Kammerpräsident Lutz Engelen meldet sich in dem Beitrag zu Wort.

Patienten, Ärzte, Apotheker, Krankenhausapotheker – alle haben mit Arzneimittel-Lieferengpässen zu kämpfen. Die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geführte Liste wird länger und länger – und sie enthält nur die freiwillig gemeldeten Präparate und keine Impfstoffe. Anders als die meisten Themen im Apothekenmarkt sind die Engpässe jetzt schon im Zentrum des medialen und gesellschaftlichen Interesses angekommen: Täglich berichten die Regionalmedien, dass die Apotheken in ihrer Region viele Präparate nicht mehr abgeben können, immer mehr überregionale Medien kommen hinzu.

Ende Juli griff die ARD-„Tagesschau“ das Thema auf. Jetzt hat das ZDF die Engpässe in seiner abendlichen Nachrichtensendung „heute“ auch beschrieben. Zu Beginn des Beitrages wird darauf hingewiesen, dass derzeit mehr als 220 Arzneimittel nicht lieferbar sind – „deutlich mehr als in den vergangenen Jahren“, so die Moderatorin. Immer öfter seien auch häufig abgegebene Präparate betroffen, wie etwa Blutdrucksenker und Schmerzmittel wie beispielsweise Ibuprofen.

Lutz Engelen kommt zu Wort

Um sich vor Ort von der Versorgungssituation zu überzeugen, sprach das ZDF-Team mit Apotheker Lutz Engelen, der seit vielen Jahren auch Präsident der Apothekerkammer Nordrhein ist. „Das ist für eine kleine Landapotheke, wie wir es sind, wirklich viel. Es ist schwierig, dass wir weder Impfstoffe, normale Schmerzmittel, Antiepileptika noch Blutdrucksenker versorgen können.“ Laut TV-Beitrag gibt es „vielfältige“ Gründe für die Engpässe. Unter anderem führten „Kostendruck und Rabattverträge“ dazu, dass nur wenige Hersteller für die Produktion verantwortlich sind. Diese oft asiatischen Hersteller hätten oft Qualitätsprobleme. Außerdem konzentrierten sich die Hersteller auf „gewinnbringende“ Medikamente – Gespräche zwischen Herstellern und Politik hätten bislang wenig gebracht.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärt, dass insbesondere die Hersteller nun tätig werden sollten. „Wir haben uns bisher immer darauf verlassen, dass die Industrie uns hilft. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Offenbar ist es bei der Pharmaindustrie so: Was keine hohen Gewinne bringt, vernachlässigt man, auch wenn das die Bevölkerung gefährdet. Das dürfen wir auf keinen Fall akzeptieren.“ Welche konkreten Maßnahmen Lauterbach fordert, wird allerdings nicht erwähnt.

Schließlich kommt noch der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller zu Wort, der darauf hinweist, dass es „hilfreich“ wäre, wenn Hersteller wieder mehr Wirkstoffe in Europa statt in Schwellenländern produzieren würden. „Damit dies für Unternehmen wirtschaftlich abbildbar ist, bedarf es Anstrengungen der Politik, dies zu fördern.“


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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10 Kommentare

Vergessen

von Thomas J REIDEL am 13.08.2019 um 23:00 Uhr

Hat K.L. schon vergessen das er / die SPD zu den Treibern einer Billigpolitik im Pharmasektor gehört? Hat wahrscheinlich keine Medikamente gegen das Vergessen mehr bekommen. War D einmal ein hochprofitabler Pharma-Standort wurde doch alles dafür getan dies ins Gegenteil zu Verkehren. Wirtschaft funktioniert nach eigenen Gesetzen und da steht Gewinnstreben an vorderster Front (da kann K.L. noch so attackieren).

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Medikamentenengpaesse

von Rolf Stegemann am 13.08.2019 um 19:06 Uhr

Dafür gibt es viele Gründe. Viele notwendige Wirkstoffe oder Bestandteile werden mittlerweile in China, Indien oder Israel produziert und von den Herstellern dann irgendwo in der Welt weiterverarbeitet. Gibt es hier Produktionsprobleme, sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Mittlerweile verkaufen die Hersteller aber auch ihre Produkte in Länder, in denen sie mehr Geld dafür bekommen. Schuld daran sind oftmals Rabattverträge der Krankenkassen, da Versicherte einer Kasse nur bestimmte Medikamente ausgewählter Hersteller verwenden dürfen.
Auch der weltweit steigende Wohlstand trägt zur Verschärfung der Problematik bei.
Ob man Ersatzprodukte anderer Hersteller einnehmen kann, hängt jeweils vom Einzelfall ab. Alternative Produkte können evtl. mehr Nebenwirkungen haben oder kosten manchmal auch deutlich mehr Geld.
Es ist daher zu raten, bei dem Apotheker ihres Vertrauens die Liefersituation jeweils zu hinterfragen, um rechtzeitig reagieren zu können. Da manche Wirkstoffe für ihre Herstellung durchaus mehrere Monate benötigen können und häufig auch nur wenige Kilogramm benötigt werden müssen, wäre in solchen Fällen ein entsprechender Notvorrat an Medikamenten zu Hause ratsam, um solche Lieferengpässe zu überbrücken.

Bei Impfstoffen, z.B. für Grippeschutzimpfungen, kann man nur raten, frühzeitig zum Arzt zu gehen.

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Scheinheilig

von Falk Müller am 13.08.2019 um 10:10 Uhr

Da poltert der Poltergeist Lauterbach mal wieder so richtig los. Warum sollte ein forschender Pharmakonzern eine Überproduktion fahren, wenn durch Rabattverträge der billigste Anbieter den Zuschlag erhält? Nur um einzuspringen, wenn dieser nicht liefern kann?
Warum sollte ein Autokonzern mehr Fahrzeuge produzieren, als im Markt verlangt werde? Warum sollte ein Lebensmittelkonzern eine hohe Produktion fahren, wenn er aus dem Sortiment einer Supermarktkette genommen wird?
Die Antworten kenn Sie!

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Politik, Lobbyisten und unser Krankenkassensystem sind das Übel!

von Dr. Ingo Willigmann am 13.08.2019 um 9:37 Uhr

Ich weiss nicht mehr vor wieviel Jahren, als die Politik aufgrund von Lobbyisten den Krankenkassen das Zepter übergeben haben und Mediziner, Apotheker, Pharmaindustrie und letztendlich der Patient das Nachsehen haben. Jetzt kann man als Verursacher also die Politik nicht auf die zeigen, die man selbst installiert hat. Die Kosten die man spart werden dort als Gewinne und letztendlich als Prämien in dem Personalwasserkopf verbraucht. Gleichzeitig bleibt der Arzt, Apotheker und besonders alle Mitarbeiter in allen Bereichen im Gesundheitswesen (außer den Krankenkassen) auf der Stecke. Am Ende müssen dies dann auch die Patienten ausbaden.

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Paralleluniversum

von Jochen Ebel am 13.08.2019 um 7:14 Uhr

Lauterbach lebt in einer völlig anderen Realität und begreift anscheinend die Zusammenhänge nicht. warum sollte ein pharmazeutisches Unternehmen Produktionskapazitäten vorhalten wenn es an den Präparaten nichts verdienen kann?

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Vertragsstrafe???

von Gabi Umminger am 12.08.2019 um 19:19 Uhr

wo die Kassen doch schon solch scharfe Waffen in die Hand bekommen haben- warum nicht Vertragsstrafen bei Nichterfüllung ? Wieso darf eigentlich in diesem Land nur eine Privatpatient und kein GKV Versicherter erfahren, wann welche Leistungen in welcher Höhe für ihn abgerechnet werden? Höhe der Rabatte für Arzneimittel so ne Art Staatsgeheimnis? Hier wäre doch mit mehr Transparenz auch mehr Sinnhaftigkeit zu erkennen, finde ich. Lediglich das übliche "Premiumqualität aber zum Schäppchenpreis" funktioniert halt nur begrenzte Zeit. Entgegen Matratzenwerbung im TV HAT Qualtiät einen Preis. Das Preisleistungsverhältnis sollte ausschlaggebend sein und nicht die Billigbilligschiene. Die aktuellen Rabattverträge sind ein Schlag ins Gesicht der Patienten genauso wie in das der Apotheker (die bereitwillig die andere Wange schon mal startklar machen, ich weiß schon....) Aber die Ärzte sind diesmal auch betroffen - besetzte Telefonleitungen gefallen denen mal so GARNICHT. Im Gegensatz zu uns haben die auch sowas wie eine Interessensvertretung.

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Verwechslung

von Reinhard Rodiger am 12.08.2019 um 18:38 Uhr

Da wird wieder Ursache und Wirkung verwechselt. Die Industrie badet die Erpressung durch die KK aus. Tendergeschäfte ermöglichen keine kontinuierliche Produktion und stetige Preissenkungen regen nicht zu Investitionen an bzw fördern das Gegenteil.Wann wird endlich mal die Ursache des Übels politisch verarbeitet.

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er überreißt es wohl nicht mehr

von ratatosk am 12.08.2019 um 18:35 Uhr

Hier haben die Firmen die Wirtschaftlichkeitsreserven gehoben, wasl Kalle und Glaeske ja immer hochloben - das sind eben Dinge wie outsourcen, keinen teuren Vorrat halten etc. etc. Wer nicht billig genug ist hat verloren, damit gewinnt der billige Jakob der keinen Vorrat hat etc. Leider scheitereich offensichtlich an der Aufgabe es so einfach zu formulieren, daß auch unsere Überproffessorie es begreifen können. Evt. würde der kleine Kaufmannsbrief aus alter Zeit helfen.
Arzneimittel wurden durch die Politik und GKV von besonderen zu Allerweltsartikel degradiert, daher gelten auch die primitiven Angebots Nachfragemodelle , wobei diese Nachfragemodelle nicht völlig greifen, da ja ein Billigstprinzip gilt.
Die Inkompetenz hat unglaubliche Ausmaße angenommen.
Sollte er SPD Vorsitzender werden, müßen wir uns aber bald nicht mehr um diese Partei kümmern.

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lauterbach und seine Engpässe

von pille62 am 12.08.2019 um 14:20 Uhr

.......wie immer die Industrie und die Apotheker kriegen nichts gebacken u. sind zu Teuer. Aber Kalle , SPD Kandidat für den SPD Vorsitz, wird es schon richten.
Das heisst zu den im Schnitt 10 Stunden für die Problemlösung der Defekte hat Kalle bestimmt noch ein paar zusätzliche Bürokratie Stunden für uns .
Dann sind auch die Gewinne nicht mehr so hoch.

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Witzig

von Landapotheker am 12.08.2019 um 11:07 Uhr

„Wir haben uns bisher immer darauf verlassen, dass die Industrie uns hilft. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Offenbar ist es bei der Pharmaindustrie so: Was keine hohen Gewinne bringt, vernachlässigt man, auch wenn das die Bevölkerung gefährdet. Das dürfen wir auf keinen Fall akzeptieren.“

lol

Lauterbach ist ein eifriger Verfechter der Rabattverträge und billig, billig. Seine Partei die SPD ist eine der Erfinder der Preispirale nach unten. Desweiteren steht die SPD fest zu ihren neoliberalen freier Markt, ewiges Wachstum, Kapitalismus über alles, Krankenkassen haben immer recht - "Werten".
Dazu saß/ sitzt Lauterbach als Lobbyist in/ für einen Krankenhaus-Massen-Konzern im Parlament.

Der zeigt jetzt mit dem Finger auf die bösen Pharmakonzerne ....buhuaha .

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