Vorschlag eingereicht

BasisApotheker schlagen „Lieferengpässe“ als Unwort des Jahres vor

Berlin - 07.08.2019, 16:50 Uhr

Leere Fächer sind in den Apotheken an der Tagesordnung, anscheinend in nie dagewesenem Ausmaß. Nach Ansicht von Gunnar Müller sollte „Lieferengpässe“ daher Unwort des Jahres werden. (m / Foto: Anke Thomass / stock.adobe.com) 

Leere Fächer sind in den Apotheken an der Tagesordnung, anscheinend in nie dagewesenem Ausmaß. Nach Ansicht von Gunnar Müller sollte „Lieferengpässe“ daher Unwort des Jahres werden. (m / Foto: Anke Thomass / stock.adobe.com) 


Inspiriert von Peter Ditzels „Mein liebes Tagebuch“ auf DAZ.online, hat Gunnar Müller, Apotheker und Fraktionsvorsitzender der BasisApotheker in der westfälisch-lippischen Kammerversammlung, einen Vorschlag für das „Unwort des Jahres“ eingereicht. Es lautet: Lieferengpässe. Aus Sicht von Müller handelt es ich um eine „verharmlosende und durch seine kategorische Stringenz die Ursachen nicht hinterfragende Beschreibung der Nichtlieferbarkeit eines Produktes“.

Jedes Jahr wählt eine Initiative von vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten das „Unwort des Jahres“. Die Aktion möchte auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen, die möglicherweise auf den ersten Blick harmlos daherkommen, aber in ihrer Intention oder auch aus Gedankenlosigkeit gegen wichtige Prinzipien (Menschenwürde, Demokratie) verstoßen, einzelne Gruppen diskriminieren oder euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind.

Jeder Bürger kann Vorschläge für das Unwort des Jahres einreichen. Wie auf der Webseite der Initiative zu lesen ist, ist dabei wesentlich, dass die betreffenden Wörter und Formulierungen öffentlich geäußert wurden, eine gewisse Aktualität besitzen und der Äußerungskontext bekannt beziehungsweise belegt ist. Die Jury entscheidet rein inhaltlich, die Anzahl der Unterstützer eines Vorschlags spielt dagegen keine Rolle. Es geht ihr darum, mit ihrer Aktion das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung zu fördern. Im vergangenen Jahr wurde zum Beispiel die „Anti-Abschiebe-Industrie“ als Unwort 2018 gekürt. 2017 waren es die „alternativen Fakten“.

Jetzt hat Gunnar Müller, Apotheker aus Detmold und Wortführer der BasisApotheker in der Apothekerkammer Westfalen-Lippe einen Vorschlag eingereicht. Dazu angeregt hat ihn das „Tagebuch“ von Peter Ditzel vom vergangenen Wochenende, wie Müller in seiner E-Mail an Jury-Mitglied Prof. Dr. Martin Wengeler schreibt. Der Apotheker ordnet die „Lieferengpässe“ offenbar als „euphemistisch, verschleiernd oder irreführend“ ein. Seine Definition zu Lieferengpässen liefert er gleich mit: 


Verharmlosende und durch seine kategorische Stringenz die Ursachen nicht hinterfragende Beschreibung der Nichtlieferbarkeit eines Produktes. Vielfach von (meist verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln, einzelne Stärken und/oder einzelne Packungsgrößen eines Arzneimittels eines einzelnen Arzneimittelherstellers betreffend oder mehrere Arzneimittel auch mehrerer Hersteller bis hin zur weitgehenden oder auch kompletten Lieferunfähigkeit eines ganzen Wirkstoffes. Insbesondere bei Arzneimitteln sind Lieferengpässe verbunden mit einem erhöhten Aufwand bei sämtlichen Beteiligten – insbesondere bei den Apotheken und den Pharma-Großhändlern (ggf. auch bei den Ärzten) mit dem Ergebnis, dass die Patienten nicht wie gewohnt das vom Arzt verschriebene oder das seitens der Krankenkassen aufgrund bestehender Rabattverträge vorgesehene Medikament erhalten und ggf. sogar erneut von den behandelnden Ärzten einbestellt und auf andere Wirkstoffe umgestellt werden müssen.“

Definition „Lieferengpässe“ von Gunnar Müller


In weiteren Anmerkungen führt Müller aus, dass Lieferengpässe im Arzneimittelmarkt vor 30 Jahren noch kein Thema waren. Fahrt aufgenommen hätten sie mit der zunehmenden Globalisierung, mit dem Kostendruck, mit der Produktionsverlagerung ins Ausland (vor allem in Billiglohnländer) und mit den Rabattverträgen der Krankenkassen. Es gebe also nicht nur eine Ursache für die Engpässe – Kostendruck und Rabattverträge seien aber „direkt und indirekt Treiber“. In den Medien war lange nichts davon zu hören – in den vergangenen Wochen hat sich das geändert, sogar die Tagesschau griff das Thema auf. Müller führt zudem weitere Ursachen und mögliche Lösungsansätze für das Problem auf, die allerdings weniger linguistisch geprägt sind.

Es ist zu erwarten, dass die „Lieferengpässe“ einige Konkurrenz haben werden. Noch bis Ende des Jahres können Vorschläge für das Unwort des Jahres 2019 eingereicht werden.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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1 Kommentar

und

von Karl Friedrich Müller am 08.08.2019 um 8:57 Uhr

Kurze Laufzeit. Das ist auch eine echte Zumutung.

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