Kommentar

Keine Hilfsmittel mehr in der Apotheke – aber das mit hoher Qualität …

Stuttgart - 02.07.2019, 17:50 Uhr

Asthmaspray aus der Apotheke, Inhalierhilfe drei Tage später per Post vom Großversender: Wenn es in der Hilfsmittelversorgung so weiter geht, könnte das Realität werden. (s / Foto: Tobilander/stock.adobe.com)

Asthmaspray aus der Apotheke, Inhalierhilfe drei Tage später per Post vom Großversender: Wenn es in der Hilfsmittelversorgung so weiter geht, könnte das Realität werden. (s / Foto: Tobilander/stock.adobe.com)


Die Auflagen in der Hilfsmittelversorgung werden immer absurder. Nun müssen Apotheker zusätzlich zur Präqualifizierung Überwachungsaudits über sich ergehen lassen. Angeblich soll das der Qualitätssicherung dienen. Dass die Patienten deswegen besser mit Pennadeln und Inkontinenzvorlagen versorgt werden, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich ist eher das Gegenteil der Fall: Das immer schlechter werdende Kosten-Nutzen-Verhältnis könnte dafür sorgen, dass Hilfsmittel irgendwann ganz aus Apotheken verschwinden. Ein Kommentar von DAZ.online-Chefredakteurin Julia Borsch. 

Pharmazeutisches Personal ist hochqualifiziert. Es ist aufgrund seiner Ausbildung befähigt, Hochrisikoprodukte wie Arzneimittel abzugeben. Für Pennadeln, Einlagen und Inahalationshilfen reicht es aber offenbar nicht – dazu bedarf es seit einigen Jahren einer Präqualifizierung. Ob die Einreichung von Grundrissen und einer Betriebserlaubnis sowie die veranschlagte Gebühr die Versorgungsqualität steigern, ist mehr als fraglich. Nun wurde aber noch einmal eins drauf gesetzt: Zusätzlich zur Präqualifizierung, die alle fünf Jahre kostenpflichtig erneuert und in der zudem jede Änderung ebenfalls kostenpflichtig angezeigt werden muss, müssen die Apotheken nun Überwachungsaudits über sich ergehen lassen. Diese Überwachungsaudits sollen ebenfalls der Qualität dienen. Grundlage dafür ist unter anderem die Norm DIN EN ISO/IEC 17065:2013, die neue Regeln für die Präqualifizierung vorschreibt. Apotheken, die noch nach den alten Regeln präqualifiziert sind, gehören laut dem Hinweisschreiben der Agentur für Präqualifizierung zu einer „Risikogruppe“. Geht’s noch? Diese Überwachung mag ja vielleicht bei anderen Hilfsmitteln mit hohem Risiko eine Berechtigung haben, aber doch nicht bei solchen, die üblicherweise in Apotheken abgegeben werden.

Gefährdung der Arzneimittelsicherheit 

In dem Fünf-Jahreszeitraum, über den die Präqualifizierung gilt, gibt es zwei Audits. Zweimal müssen Unterlagen zusammengestellt, eingereicht und gegebenenfalls nachgereicht werden. Zweimal müssen 95 Euro berappt werden – und das in einem Bereich, in dem vieles ohnehin schon zum Einkaufspreis abgegeben wird, nur um der Versorgung der Patienten und der Kundenbindung willen. Die Hilfsmittelversorgung wird so nach und nach immer mehr zum Nullsummenspiel oder gar zum Verlustgeschäft – wenn sie es unter Einberechnung des Aufwandes nicht ohnehin schon ist. Daher wäre es mehr als verständlich, wenn sich Kollegen den Wahnsinn nicht mehr antun. Patienten müssten dann die Pennadeln oder die Inhalationshilfe woanders beziehen, statt sie einfach mit dem Insulin und dem Asthmaspray in der Apotheke mitzunehmen. Und das ist nicht nur weniger bequem. Bei Hilfsmitteln, die nur im Kontext mit einem Arzneimittel verwendet werden, gefährdet es auch die Arzneimittelsicherheit, die Abgabe von Arznei- und Hilfsmittel zu trennen. Denn es erschwert die Beratung massiv. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfs- und Arzneimittel nicht zusammenpassen, um ein Vielfaches erhöht. Hat nicht jeder schon einmal eine Verordnung über die falschen Pennadeln in der Hand gehabt? Oder eine alte Inhalierhilfe, die nicht mehr zum Rabattvertragsartikel passt?

Verdrängung unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung

Und das soll ein Qualitätsgewinn sein? Vielmehr bekommt man den Eindruck, dass „kleine“ Anbieter, wie Apotheken, mit immer höher werdenden bürokratischen Hürden unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung systematisch aus dem Markt gedrängt werden sollen zugunsten von großen (Versand-)Anbietern. Leidtragende werden am Ende die Patienten sein, die nicht mehr zeitnah vor Ort versorgt werden können – aber das dann immerhin unter Erfüllung sämtlicher DIN-EN-ISO/IEC-Normen. Fraglich ist nur, ob sie diesen „Qualitätsgewinn“ zu schätzen wissen.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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13 Kommentare

Seit Montag...

von Bernd Jas am 03.07.2019 um 17:16 Uhr

… hab ich Blutdruck, Galle, Magenschaum vor´m Mund und ….
Ich fange mal damit an, dass die Maffia dagegen eher an die Heilsarmee erinnert, die Bezeichnung AFD wäre eine grobe Beleidigung einer gleichnamigen Partei, Wegelagerei, Bullsh…. und alles weitere lässt die Netiquette hier vor Schamesröte im Boden versinken.

Danke für diesen Nagelkopftreffer Frau Borsch !!

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Bitte das Positive nicht übersehen

von Rita Längert am 03.07.2019 um 14:20 Uhr

immerhin erfolgen diese "Überwachungsaudits" ja ohne Begehung der Apotheke, da wären noch mehrere Hundert Euronen an Fahrtkosten für den Überwacher dringewesen:-)
Ich weiss, warum ich nicht "präqualifiziert" sondern qualifiziert bin.

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Gelddruckmaschine

von Thorsten Dunckel am 03.07.2019 um 11:22 Uhr

Ist nicht AFP auch irgendwie in das ABDA-Konstrukt mit integriert? 2 unnütze Audits, macht 200 Takken für den Bürokraten-Nichtnutz-Wasserkopf mehr.

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Praxisfern hoch Zehn

von Apotheken-Rosi am 03.07.2019 um 9:31 Uhr

wenn dann künftig ein Patient ein Arzneimittel als Infusion bekommen soll (z. B. simple Kochsalzlösung bei Exsikkose), bekommt er die Lösung sofort, das notwendige Infusionsbesteck und die Kanülen dann nach ein paar Tagen? Sehr weitsichtig gedacht und total patientenfreundlich ... vor allen Dingen ältere Patienten und deren Angehörige werden sich freuen ... es lebe die Warteschleife der kranken Kasse ...

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nullnummer

von Edith Schug am 03.07.2019 um 7:56 Uhr

kompressionsstrümpfe und milchpumpenverleih sind bei mir jetzt rausgeflogen.der arbeitsaufwand lohnt sich in keinster weise. das problem ist, dass die apotheker nicht vernetzt sind und autistische züge aufweisen

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Hilfsmittelwahnsinn

von Inge Deufert am 03.07.2019 um 7:54 Uhr

Ich muss leider Milchpumpen verleihen, damit die aus dem Krankenhaus entlassenen Damen nicht unversorgt bleiben, sonst würde ich den Hilfmittelsektor mit Freuden ad Akta legen. Es wird immer wahnsinniger, was der Bürokratismus für Blüten treibt.

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AW: Hilfsmittelwahnsinn

von Hartmut Bartelt am 07.07.2019 um 18:39 Uhr

Hallo Frau Deufert,
Sie legen ein Denkproblem unseres "Standes" offen. Sie biete eine Leistung nur aus einem guten Willen an und akzeptieren die erniedrigenden Bedingungen und Vorschriften. Haben Sie keine Angst und vermieten Sie Ihre Pumpen auf privater Basis. Sie werden sich wundern, wie viele Familien auf Ihr Angebot eingehen werden und oben drauf Ihre Service zu schätzen wissen!

"ceterum censeo apo...esse delendam..." (J.S.)

von Barbara Buschow am 02.07.2019 um 20:16 Uhr

Neben dem unterirdischen neuen Rahmenvertrag, dem SecurPharm Mist, dem dräuenden e-Rezept und dem "Apotheken-Sterbe-Gesetz" eine weitere Bestätigung, dass meine Entscheidung zum Jahresende hinzuschmeißen und mich fortan nur noch den angenehmeren Dingen des Lebens zu widmen goldrichtig war...
Grüsse aus dem Notdienst!

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AW: "ceterum censeo apo...esse delendam

von Conny am 02.07.2019 um 22:59 Uhr

Grüsse zurück aus Australien.

Sumpf

von J.M.L. am 02.07.2019 um 19:07 Uhr

Der Weser-Kurier titelte zum Übungsgelände der BW-Logistikschule "Durch Sand und Sumpf" ... ganz egal, überall der gleiche Sumpf !!! Hauptsache wir werden immer noch mehr kontrolliert bei ständig sinkendem Honorar, keiner wehrt sich dagegen und unsere Standes'unter'führung ist wie immer auf Tauchstation, zum K******

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Wir sind selber schuld

von ratatosk am 02.07.2019 um 18:55 Uhr

Ja das glaub ich wirklich. Wenn Großteil den Mumm hätte einfach mal für ein paar Wochen keine Hilfsmittel mehr abzugeben, daß würde die Politik schnell einlenken. Aber ein paar Kollegen/innenschw.... treiben immer quer, da sie für das Erbsengericht , einer anderen Apotheke mal was abluchsen zu können, alles andere opfern, ihr langfristiges Überleben, ihre Selbstachtung ...
Politik reagiert nicht mehr auf Fakten, sondern nur mehr auf Druck und die Verlockungen durch das Großkapital, aber ich fürchte die Mehrheit wird das zu spät durchschauen.
Hier gibt es keine Chemikalien, keine Pflanzenschutzmittel und auch fast keine Hilfsmittel mehr und es ist finanziell besser geworden, man kann so was auch den Patienten erklären, man muß sich nur die Mühe machen

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AW: zusammenschluss

von thomas kaiser am 03.07.2019 um 11:30 Uhr

gibt es denn ein Sinnvolles Portal wo sich willige zusammenschließen?

Lichtblick

von Conny am 02.07.2019 um 17:54 Uhr

Spahn wird neuer Verteidigungsminister :)

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