Kommentar zur Impfdebatte

Sachlich bleiben!

Stuttgart - 04.06.2019, 12:50 Uhr

Impfen in der Apotheke wird kontrovers diskutiert. (Foto: miss_mafalda/stock.adobe.com)                                                                                                        

Impfen in der Apotheke wird kontrovers diskutiert. (Foto: miss_mafalda/stock.adobe.com)                                                                                                        


Sollen Apotheker impfen oder nicht? Die Debatte ist in vollem Gange. Gegner, darunter übrigens auch viele Apotheker, und Befürworter haben ihre Argumente. Die kann man richtig finden oder auch nicht. Manchmal wird es aber leider sehr unsachlich, findet DAZ.online-Chefredakteurin Julia Borsch, zum Beispiel im Kommentar von Werner Bartens – seines Zeichens Mediziner und Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. 

„Impfen ist nichts für die Apotheke“ – so überschreibt SZ-Redakteur Werner Bartens seinen Kommentar vom vergangenen Wochenende. Er, der selbst Arzt ist, bringt die bekannten Gegenargumente. Impfen sei mehr, als eine fremde Substanz in fremde Körper zu spritzen. Es sei eine ausführliche Anamnese nötig, es gehe darum, Vorerkrankungen zu eruieren und aktuelle Infekte auszuschließen. Zudem sei es wichtig, Patienten aufzuklären und die zwar seltenen, aber möglichen Unverträglichkeiten und allergischen Reaktionen behandeln zu können. Das seien alles originär ärztliche Aufgaben, für die Apotheker nun einmal nicht ausgebildet seien.

Alles sachliche Argumente, die in dieser Debatte vielfach vorgebracht wurden und denen man zustimmen kann oder auch nicht. Als Gegenargumente lassen sich der gelebte Impfalltag in vielen deutschen Arztpraxen ins Feld führen, wo die Helferin impft, ohne groß aufzuklären und ohne Zwischenfälle, sowie die Erfahrungen mit impfenden Apothekern in anderen Ländern.  

Wäre der Kommentar an dieser Stelle zu Ende gewesen, wäre es einfach ein weiterer, inhaltlich nicht bahnbrechend neuer, aber konstruktiver Beitrag zur Debatte gewesen. Doch leider wird es danach ziemlich unsachlich bis polemisch und auch teilweise einfach falsch. Bartens schreibt, dass auch die „Verkaufsstube einer Apotheke, in der schniefende Patienten nach Hustensaft fragen, wahrlich nicht der angemessene Ort für eine Impfung sei“. Zudem sollte, wer gegen Infekte Mittel mit unbewiesener Wirkung – wie etwa Umckaloabo, Vitaminzusätze oder homöopathische Kügelchen – anbietet, nicht in letzter Instanz für die Gesundheit der Menschen verantwortlich sein, heißt es weiter. Dafür brauche es eine medizinische Ausbildung und Zeit, aber kein Verkaufsinteresse.

Beratungszimmer und Leitlinienempfehlung

Von der Pflicht, ein Beratungszimmer zu haben, und guten Daten zu Umckaloabo zumindest bei bestimmten Infekten hat der gute Mann offensichtlich noch nie gehört. Und würde man seiner Argumentationslinie folgen und sich zudem auf ein ähnliches Diskussionsniveau begeben, müsste man nicht konsequenterweise darüber nachdenken, seinen ärztlichen Kollegen, die entsprechende Mittel mit „unbewiesener Wirkung“ (oder unnötige Antibiotika) verordnen oder fragwürdige IGEL-Leistungen verkaufen, ebenfalls das Impfen zu versagen? Aber das nur am Rande. 

Vor allem aber bringen solche unsachlichen Beiträge die Debatte, in der die wesentlichen Argumente wohl ausgetauscht sind, in keiner Weise voran. Im Gegenteil. Sie laden sie nur noch weiter unnötig emotional auf. Davon hat keiner was, am wenigsten der Patient, und zu besseren Impfquoten führt es auch nicht. Doch nur darum sollte es am Ende des Tages gehen und darüber sollte man diskutieren – ohne Polemik, sondern mit Fakten und sachlichen Argumenten, die es ohne Frage auf beiden Seiten gibt. Inwiefern die dann auch noch bei der Gesetzgebung berücksichtigt werden, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ
jborsch@daz.online


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5 Kommentare

Impfen in der Apotheke

von K.Lennecke am 13.06.2019 um 10:36 Uhr

Das Thema "Impfen in der Apotheke" wird von Spahn eingesetzt, um Streit und Misstrauen zwischen den Berufsgruppen zu säen und zu verhindern, dass sich Ärzte und Apotheker zusammenschließen und an einem Strang zu ziehen. Das gleiche Prinzip erreicht er mit dem Namen "Apothekenstärkungsgesetz" - was sollen Ärzte / Krankenpfleger / Altenpfleger / Physiotherapeuten / Psychotherapeuten davon halten, dass Apotheken gestärkt werden und sie nicht?

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Rosa Elefant

von Stefan Schwenzer am 05.06.2019 um 10:06 Uhr

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe ABDA und liebe Redakteure,
mit der Grippeimpfung durch Apotheker hat Spahn erfolgreich eine rosa Elefanten platziert über den jetzt alle aufgeregt diskutieren und sich Apotheker und Ärzte streiten. Derweil geraten wichtige Themen wie Regelungen des Rx-Versandes und des Umgangs mit dem eRezept aus dem Fokus.
Politisch ist das sehr geschickt von Herrn Spahn aber wir sollten uns davon nicht blenden lassen und auf die wichtigeren Themen konzentrieren.

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Impfen

von K. Mellis am 04.06.2019 um 22:39 Uhr

Seit ca. 1241 gilt das Edikt von Salerno - die Trennung der apothekerlichen Tätigkeiten von denen der Ärzte. Friedrich Il erfand damals den Beruf des Apothekers als Verantwortlichen für Arzneien - und trennte diesen mit Strafandrohung vom diagnostizierenden und therapierenden Arzt. 758 Jahre lang hat sich dieses zum Patientenwohl bewährt.
Nun aber wollen sich die Politik und die 'work-life-balance'-Verfechter gemeinsam von Traditionen freimachen, um ihre Ideen von Europa, Komfortzone und Globalisierung finanzierbar zu machen. Solidarität trifft auf Digitalisierung, echte Sozialkontakte werden durch 'Freunde' in sozialen Medien ersetzt. 'Me first' wird zum Slogan - investiert wird in andere nicht einmal mehr Gefühl...
Alles wird zur Diskussion gestellt, versucht, Traditionen durch neue Strukturen zu ersetzen. Kompetenz vor Ort ist für die Internetgemeinde verzichtbar - das www bringt's: nicht nur Pizza und Burger, sondern auch neue Partner und Arzneimittel. Selbst der Arzt flimmert über den Schirm und macht Telemedizin, schreibt bald eRezepte.
758 Jahre Tradition stehen zur Disposition - 'aus Erfahrung gut' oder 'Globalisierung first', Stützung des letzten Akademikers in Pantoffelnähe vor Ort oder Aufgabe der gewachsenen Struktur - eine Entscheidung muss her.

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SZ

von Karl Friedrich Müller am 04.06.2019 um 14:32 Uhr

genau so hab ich den Artikel auch empfunden. und mich geärgert.
Das ist einer seriösen Zeitung nicht würdig. Außerdem verliert der Autor durch sein polemisieren jede Glaubwürdigkeit.
Hatte die Zeitung sehr lange abonniert, dann gekündigt, als die Ausfälle gegen Apotheken immer häufiger und unfairer wurden. Nun lese ich sie zwar noch gelegentlich,stelle aber fest, dass sich nichts zum Besseren ändert.

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Impfen

von Klaus Lieske am 04.06.2019 um 13:40 Uhr

Genau, das macht jeder Arzt bevor die Helferin impft!

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