Endoskopie-Studie

Erhöht Cannabis den Narkotika-Bedarf?

Colorado / Berlin - 17.04.2019, 13:40 Uhr

Anästhesisten müssen wissen, ob der Patient psychoaktive Substanzen einnimmt, um die Narkosemittel korrekt zu dosieren. Cannabis könnte einer retrospektiven Datenbankanalyse zufolge den Bedarf an Beruhigungsmitteln erhöhen. (s / Foto: imago)

Anästhesisten müssen wissen, ob der Patient psychoaktive Substanzen einnimmt, um die Narkosemittel korrekt zu dosieren. Cannabis könnte einer retrospektiven Datenbankanalyse zufolge den Bedarf an Beruhigungsmitteln erhöhen. (s / Foto: imago)


In der Cannabismedizin ist noch vieles neu. Zum Beispiel, wie sich Cannabinoide auf die Narkose auswirken. Eine retrospektive Datenbankanalyse aus dem US-Bundesstaat Colorado zeigt, dass Cannabiskonsumenten, die wegen einer Endoskopie sediert werden mussten, höhere Beruhigungsmitteldosen benötigten. Der kausale Zusammenhang ist allerdings noch unklar.

Wer sich als Patient einer Operation unterzieht, wird vom Anästhesisten vorab nach seinem Alkohol- und Tabakkonsum gefragt. Dabei geht es dem Narkosearzt nicht um eine Lifestyle-Beratung, sondern darum, die richtigen Dosierungen der Narkosemittel und Sedativa zu berechnen. So ist beispielsweise bekannt, dass Raucher höhere Propofol-Dosen benötigen, weil sie aufgrund von Enzyminduktion den Wirkstoff schneller abbauen.

Eine ähnliche Korrelation fanden Forscher aus dem US-Bundesstaat Colorado, wo die Freizeitanwendung von Marihuana seit 2012 erlaubt ist, bei regelmäßigen Cannabiskonsumenten. In einer retrospektiven Datenanalyse von 250 Datensätzen stellte sich heraus, dass diese Personen signifikant höhere Beruhigungsmittel-Dosen benötigten, um die gewünschte Sedierung bei endoskopischen Prozeduren zu erreichen. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Mark Twardowski und Kollegen von den Western Medical Associates in Grand Junction (Colorado, USA) wurden diese Woche im Fachmagazin „The Journal of the American Osteopathic Association" veröffentlicht.

Sedierung: 220 Prozent mehr Propofol

Die Wissenschaftler werteten dazu die Daten von 25 Cannabiskonsumenten aus und verglichen diese mit 225 Nichtkonsumenten. Nutzer von CBD-haltigen aber THC-armen Produkten wurden in die Gruppe der Nichtkonsumenten klassifiziert. Die Informationen über den Cannabiskonsum basierten auf freiwilligen Angaben der Patienten. Da die Befragung zwischen 2015 und 2017 stattfand, sind wahrheitsgemäße Antworten nicht unwahrscheinlich, da es in Colorado zu diesem Zeitpunkt keine Strafverfolgung mehr gab.

Es folgte ein Abgleich der beim medizinischen Eingriff verwendeten Mengen an Narkosemitteln mit den Angaben der Patienten über die Einnahme von Cannabisprodukten, Alkohol, Benzodiazepinen und Opiaten. Cannabis-Nutzer benötigten demnach im Mittel 14 Prozent mehr Fentanyl, knapp 20 Prozent mehr Midazolam und gut 220 Prozent mehr Propofol (44,81 Milligramm statt 13,83 Milligramm).

Diese Daten könnten auch ein Hinweis für Anästhesisten sein, die hierzulande Cannabis-Patienten auf eine Operation vorbereiten. Da Cannabis in Deutschland erst seit zwei Jahren verschreibungsfähig und der Freizeitkonsum illegal ist, gibt es zu dieser Fragestellung kaum verlässliche Informationen.



Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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