Gastkommentar

Wie Apotheken gerade ihre Existenzberechtigung verlieren

Erding - 18.03.2019, 15:00 Uhr

Die inhabergeführten Apotheken beraten heute niedrigschwellig Patienten zu allen möglichen Gesundheitsfragen – doch wie sieht das in Zukunft aus? (Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com)

Die inhabergeführten Apotheken beraten heute niedrigschwellig Patienten zu allen möglichen Gesundheitsfragen – doch wie sieht das in Zukunft aus? (Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com)


Wird es in Zukunft noch inhabergeführte Apotheken geben? Bleiben sie in ihrer jetzigen Form als niedrigschwellige Anlaufstelle für Patienten bestehen – oder werden sie zu beliebigen Gemischtwarenläden, die sich im konsumorientierten Umfeld unseres Wirtschaftssystems behaupten müssen? Dr. Franz Stadler meint, dass sich diese Fragen an unserer grundlegenden Haltung zur Arzneimittelsicherheit entscheiden werden – und zwar jetzt.

Warum gibt es Apotheken? Welchen Zweck erfüllen sie in unserer Gesellschaft? Ist doch klar, werden die Meisten sagen, die sind für die Versorgung mit Arzneimitteln zuständig. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Arzneimittelversorgung an und für sich – oder genauer: den reinen Vertrieb von Arzneimitteln – könnten auch andere Strukturen übernehmen, vom Versandhandel bis zu Drogerien oder im Extremfall auch Gemischtwarenhändler. Macht man sich aber bewusst, dass Arzneimittel ein besonderes Gut sind, dass es um deren Qualität, deren Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geht und dass sie nur in den Fällen eingenommen werden dürfen und sollen, in denen es angezeigt und sinnvoll ist, dann versteht man, warum sie eigentlich nur von Apotheken, die von qualifizierten Apothekerinnen und Apothekern geleitet werden müssen, abgegeben werden dürfen. Es geht also tatsächlich um Arzneimittelsicherheit und damit um nicht weniger als die Gesundheit der Menschen, die uns vertrauen.

Vor diesem Hintergrund sind viele gesundheitspolitische Entscheidungen der letzten Jahre unverständlich. Wirtschaftliche Liberalisierung bedeutet in aller Regel nicht besseren Handel, sondern nur mehr Handel. Man könnte argumentieren, dass Politik immer das Suchen und Finden von Kompromissen ist, doch gerade im hochsensiblen Bereich der Arzneimittelversorgung trifft das nur sehr bedingt zu. 

Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit gefällig?

Importquote: Obwohl selbst Krankenkassen wie die AOK Baden-Württemberg sich klar gegen eine Importquote ausgesprochen haben und obwohl sich der Parallelim- und export immer mehr zu einem Problem der Arzneimittelversorgung entwickelt, findet sich eine identische Fortschreibung der Importquote sowohl im neuen Rahmenvertrag zwischen GKV-Spitzenverband und DAV als auch im letzten Entwurf des GSAV von Jens Spahn. Dabei wird weder auf Arzneimittel fragwürdiger Herkunft, die über Firmen wie Lunapharm importiert wurden, noch auf die immer häufigeren Lieferengpässe, verursacht auch durch den zunehmenden Export, und schon gar nicht auf die fehlende Arzneimittelsicherheit, z.B. durch unnötige mechanische Belastungen oder Temperaturschwankungen von empfindlichen Wirkstoffen beim (überflüssigen) Transport durch halb Europa, Rücksicht genommen. Dass grundsätzliche moralische Bedenken in diese wirtschaftlich begründeten Entscheidungen keinen Eingang finden, wundert einen schon lange nicht mehr. Dass jetzt aber im neuen Rahmenvertag zwar die Möglichkeit eingeräumt wurde, pharmazeutische Bedenken zu äußern und so die Abgabe von Importen zu verweigern, aber der gleiche Vertrag eine Importzielgröße von zwei Prozent des prinzipiell importfähigen Umsatzes festschreibt und damit jeden, der pharmazeutische Bedenken äußert, finanziell bestraft, ist ein schlechter Witz und sollte nie unterschrieben werden.



Dr. Franz Stadler
redaktion@daz.online


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7 Kommentare

Wie Apotheken die Existenzberechtigung verlieren

von Gunter Kowalski am 20.03.2019 um 18:01 Uhr

Nichts in dem Artikel ist wahr. Es gibt überhaupt keine Sicherheitsrisiko bei Importarzneimittel. Arzneimittel müssen ohnehin durch Europa gekarrt werden und Grosshändler sind auch nötig. Lunapharm hat nicht aus zweifelhafter Herkunft importiert. Alles waren einwandfreie Originalmedikamente. Also was soll das? Das einzige Instrument gegen die Wucherpreise sind die Importe. Deshalb wird hier für die Industrie Partei ergriffen und den Apothekern wie immer Angst gemacht.

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AW: Wie Apotheken die Existenzberechtigung

von Thomas Wellenhofer am 25.03.2019 um 9:38 Uhr

Lieber Herr Kowalski,
...und außerdem ist die Erde flach und der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen.
Ob es Ihnen nun gefällt oder nicht: Arzneimittelsicherheit muss ein zentrales Anliegen der Apotheker sein. Die von Herrn Stadler vorgestellten Argumente mögen nicht vollständig sein, aber sie treffen den Kern des Problems. Und es ist höchste Zeit, Politik und Teile der Standesvertretung daran zu erinnern.

>Die< Sicherheitslinie zwischen Arzt und Patient

von Roland Holtz am 19.03.2019 um 20:25 Uhr

Was ich hier schildere, hat sich in einem Krankenhaus in Norddeutschland zugetragen. Als Klinikvertreter war es meine Aufgabe insbesondere neue Produkte in Kliniken vorzustellen und für deren Anwendung zu sorgen, das war für die Verordnung in den niedergelassenen Praxen elementar. Dabei habe ich immer das Prinzip verfolgt, den Klinikapotheker vollständig zu informieren, bevor ich das Arzneimittel den Ärzten vorgestellt habe. Diese Gespräche waren herausfordernd insbesondere deshalb, weil die Anforderungen, die diese Apotheker stellten, wesentlich höher waren, als die Anforderungen die Ärzte stellten.

In einem Fall hatte ich ein neues Produkt in einer Klinik vorgestellt und mit dem zuständigen Oberarzt Einigkeit darüber erzielt, dass es bei den genannten Indikationen einsetzen werde. 14 Tage später besuchte ich die Klinik erneut, um zu kontrollieren, ob dies geschehen ist, ob mögliche Schwierigkeiten aufgetreten sind und es Informationsbedarf gab. Der Oberarzt, den ich langjährig kannte, kam auf mich zu und sagte: „Holtz bei allem Respekt was haben sie uns denn da von Mist angedreht!“ Im Gespräch stellte sich heraus, dass das Präparat bei einem multimorbiden Patienten eingesetzt worden war, der schon am nächsten Tag notfallmäßig in die Intensivstation verlegt werden musste. Eine für alle Beteiligten sehr unangenehme Situation.

Im Gespräch schilderte der Arzt die Problematik. Ich erwiderte, dass wenn ich die Situation sachgerecht beurteilen soll, ich Einblick in den Medikamentenplan des Patienten haben müsse. Nach einigem Hin und Her wurde mir diese Einsicht gewährt. Der Mann erhielt Tag für Tag 17 Präparate. Das von mir vorgeschlagene Präparat war das achzehnte. Nun weiß jeder pharmakologisch Ausgebildete um die Gefahren, die von derartigen Medikamentenplänen ausgehen können. So auch ich. Ich erbat eine Kopie dieses Medikamentenplanes. Diese erhielt ich nur gegen die Zusicherung, dass der Plan des Haus nicht verlässt und dem Oberarzt wieder ausgehändigt werden wird.

Mit dem Plan habe ich dann den Klinikapotheker aufgesucht, der ja mein Präparat bereits kannte. Ich berichtete ihm die Sachlage und legte ihm den Plan vor. Nach intensivem Studium sagte dieser: „Von dieser Medikation können Sie die Hälfte streichen und dem Patienten geht es besser als zuvor.“ Dann passiert etwas womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Der Apotheker forderte mich auf mitzukommen und wir gingen gemeinsam in die Abteilung und fragten nach dem Oberarzt. Der Apotheker hinterfragte die Medikationsliste und es stellte sich heraus, dass die Summe der Arzneimittel über mehrere Verordner im Vorfeld des Krankenhausaufenthaltes über Jahre zustande gekommen war.

Im Krankenhaus selber hatten die Ärzte die Medikation als gegeben angenommen und fortgeführt. Eine Prüfung der möglichen Wechselwirkungen durch den Klinikapotheker ergab, dass die eigentliche Ursache für den Krankenhausaufenthalt in der Vielzahl der eingenommenen Arzneimittel lag. Viele der hier in Rede stehenden Wechselwirkungen waren aber so gravierend, dass eine Änderung des Plans mit dem Ziel der Reduktion der Arzneimittel für den Patienten nicht nur erforderlich, sondern lebensnotwendig war.

In diesem Fall war mein Präparat nicht mehr angezeigt. Das war gut so! Wie viele Arzneimittel wurden vom Markt zurückgenommen, weil der unkritische Einsatz zu viele Nebenwirkungen erzeugt hat. Pyroxicam wäre ein Beispiel, das hier zu nennen wäre.

Für mich sind Apotheker > die Sicherheitslinie< zwischen Arzt und Patient. Sie waren es immer, wenn sie ihrer Aufgabe ernsthaft nachgegangen sind. Einen Unterschied zwischen Klinik und niedergelassener Apotheke sehe ich ausdrücklich nicht. Ihre Aufgabe zum Nutzen der Patienten ist alternativlos. Sie kann, wie der beschriebene Fall zeigt, vom Versandhandel nicht übernommen werden. Stellen sie sich vor ich hätte ein Callcenter mit PTA’s angerufen. Selbst wenn ich eine(n) Apothekerin/ Apotheker als Ansprechpartner erhalten hätte, hätte der den Einfluss auf die Therapie überhaupt haben können? Ganz sicher nicht.

Zu meinem sehr großen Bedauern äußern sich hier einige Apotheker zurückhaltend, weil ihnen die Verantwortung zu groß erscheint. Auch wird von einem Mangel an Fort- und Weiterbildung gesprochen. Dabei reicht nach meiner Auffassung der Blick auf das Wesentliche und das Offensichtliche völlig aus, um Menschen vor möglichen Gefahren fehlgeleiteter Pharmakotherapie zu schützen. Geeignete Programme zur Prüfung von komplexen Pharmakotherapien gibt es. Sie sind hilfreich.

Mir haben Apotheker in meiner täglichen Arbeit sehr geholfen und das bis auf den heutigen Tag. Wenn auf der politischen Seite nicht erkannt wird, wie hoch der Wert dieser Arbeit ist, dann müssen die Verantwortlichen permanent daran erinnert werden. Dies gilt insbesondere auch für Vertreter der Krankenkassen, weil diese für die Kosten einer fehlgeleiteten Pharmakotherapie, die lebenslange Schäden verursachen können, aufkommen müssen. Als Gutachter kann ich ein Lied davon singen 24/die.

Billig, billig, billig ist immer schlecht! Werte aber müssen beständig und überzeugend kommuniziert werden.

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AW: >Die< Sicherheitslinie zwischen

von Frank Leonhardt am 19.03.2019 um 21:21 Uhr

Quod erat demonstrandum.

Sehr gut, aber...

von Frank Leonhardt am 18.03.2019 um 20:22 Uhr

Sehr gut, Herr Stadler. Die Frage stellt sich nur, ob wir alle dazu in der Lage sind, diese Aufgaben zu erfüllen. Theoretisch absolut. Praktisch...? Verantwortung zu übernehmen, ist nicht jedermanns Sache. Es ist leichter, vor etwaigen Nebenwirkungen zu warnen und damit auf der sicheren Seite zu sein, wenn mal was passiert, als dem Patienten Mut zu einer wirkungsvollen aber mit Nebenwirkungen behafteten Therapie zuzusprechen. Und einen Medikationsplan mit (Fach-)Ärzten mindestens auf Augenhöhe, denn eigentlich sind ja wir die Arzneimittel-Fachleute, zu diskutieren, sollte uns aufgrund unserer Ausbildung, der wöchentlich erscheinenden Fachzeitschriften sowie der Pflicht zur regelmäßigen Fortbildung theoretisch nicht schwerfallen. Aber praktisch...? Ich bin voll ihrer Meinung, dass es uns weiterhin geben soll und muss. Aber dafür müssen wir einen Mehrwert bieten. Am besten fragt sich dazu jeder selbst, ob er heute noch sein Staatsexamen in Pharmakologie bestehen würde.

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AW: Sehr gut, aber

von Martina Schnell am 18.03.2019 um 20:38 Uhr

Ich kann nur hinter der Aussage von Herrn Leonhardt stehen. Auch ich habe das Gefühl das die Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung leider immer mehr abnimmt.
Es ist auch auf jeden Fall unabdingbar einen Mehrwert dem Kunden bieten zu können.

Toll

von Christiane Patzelt am 18.03.2019 um 16:20 Uhr

Toll toll toll!
Und für uns und unsere Patienten ab auf die Straße am 24.03.2019 in Berlin! Wir können noch was retten!! Wir haben die verdammte Pflicht, es wenigstens zu versuchen! Ich schmeiß doch nicht Patientensicherheit und Arbeitsplätze über Bord, weil den niederländischen Versendern unser Paragrafenwerk nicht schmeckt! Neee, meine grünen Freunde - so nicht!

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