Ketten-Gesetz und Apothekenpflicht

In Italien bricht das Apotheken Chaos aus – wieder einmal

Berlin - 29.01.2019, 11:30 Uhr

In Italien steht wieder einmal eine größere Apothekenreform an. (c / Foto: imago)

In Italien steht wieder einmal eine größere Apothekenreform an. (c / Foto: imago)


Es sind Geschichten, wie sie eigentlich nur in Italien passieren können: zwei Apothekerverbandspräsidenten, die ihre Apotheken an eine Kette verkaufen, eine rechtspopulistische Regierung, die ein nicht einmal zwei Jahre altes Apothekenketten-Gesetz zurückdrehen will und die größten Apotheken-Konzerne der Welt, die sich ungewohnt einig in einer Pressemitteilung gegen dieses Regierungsvorhaben aussprechen – und das alles in knapp zwei Monaten.

Den Anfang dieser fast unglaublichen Geschichte machte die derzeitige italienische Gesundheitsministerin Giulia Grillo Anfang Dezember mit einem Facebook-Post. Grillo gehört der europaskeptischen und populistischen Bewegung „5 Stelle“ an, die bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr stärkste Kraft wurde und seitdem gemeinsam mit der rechtspopulistischen Lega Nord eine Regierung bildet. In ihrem Facebook-Eintrag wettert Grillo gegen die Liberalisierung des Apothekenmarktes. Zur Erklärung: Vor etwa anderthalb Jahren trat ein Gesetz in Kraft, mit dem das Fremd- und Mehrbesitzverbot in Italien aufgehoben wurde. Seitdem dürfen Unternehmen Apotheken eröffnen und kaufen. Reguliert wird der Fremdbesitz allerdings weiterhin durch eine strikte Bedarfsplanung und die Vorgabe, dass die Kettenkonzerne nicht mehr als 20 Prozent Marktanteil pro Bundesland (Region) haben dürfen.

Bislang hatte sich die rechtspopulistische Regierung Italiens zum Apothekenmarkt zurückgehalten, doch in ihrem Facebook-Eintrag findet Gesundheitsministerin Grillo – für ihre Partei gewöhnlich – deutliche Worte. „Sollen wir unsere italienischen Apotheken an multinationale Konzerne verkaufen? Nein, Danke!“, heißt es dort. Und weiter: „Ich verteidige unsere Apotheker, die in Italien arbeiten und Steuern zahlen.“ Grillo brachte daher einen Antrag ins Parlament ein, der die Umkehr des erst anderthalb Jahre alten Kettengesetzes vorsieht. Dem Antrag zufolge soll jede Apotheke wieder zu mindestens 51 Prozent einem Pharmazeuten gehören. Dies sei ein „Risiko-Hindernis“, um Italien vor der „Übermacht“ von internationalen Kapitalinvestoren zu schützen, die mit den kleinen Apotheken „aufräumen“ wollten.

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Die Antwort folgte prompt. In seltener Einigkeit schlossen sich die großen Apothekenkonzerne Europas in einer Pressemitteilung zusammen, um sich über die Ministerin zu beschweren. Die Mitteilung wirkt kurios. Denn über dem Text prangern die Firmensymbole der Konzerne, die sich in den liberalisierten Apothekenmärkten Europas im Wettbewerb bekämpfen: Alliance Healthcare (Walgreens Boots Alliance), LloydsFarmacia (McKesson, ehemals Celesio), Admenta Italia (Phoenix) sowie die aus Osteuropa bekannte Kette Dr. Max und die neu gegründete italienische Kette „Hippocrates“.

In der Mitteilung bitten die Konzerne um ein „dringendes Treffen“ mit der Regierung. Denn: Der von Grillo beworbene Antrag stelle eine „gravierende Behinderung“ der bereits im Apothekensektor getätigten Investitionen dar. Die Konzerne erinnern daran, dass die Vorgängerregierung und das Parlament den Markt erst im Frühherbst 2017 dereguliert haben. „Die Liberalisierung des italienischen Marktes wurde mit Absicht durchgeführt – im Zuge eines europäischen Zugzwangs, in dessen Rahmen die Mitgliedstaaten Reformen in dieser Richtung durchführen.“ Den Kettenkonzernen zufolge bringe der Fremdbesitz auch Vorteile mit sich – schließlich gehe es vielen Apotheken finanziell schlecht.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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