Angriffspunkt Nase

Entspannt und mutig durch Lavendel

Reamgen - 01.11.2018, 09:00 Uhr

Wie wirkt Lavendel beruhigend? (Foto: lily / stock.adobe.com)

Wie wirkt Lavendel beruhigend? (Foto: lily / stock.adobe.com)


In der Aromatherapie wird Lavendel gegen innere Unruhe, psychische Verstimmung und Ängste eingesetzt. Er soll entspannen und beruhigend wirken. Japanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, wie das genau funktionieren könnte.

Das Ärzteblatt berichtet über eine Tierstudie, die dem anxiolytischen Wirkmechanismus von Linalool auf den Grund gehen wollte. Sie wurde in der japanischen Hafenstadt Kagoshima durchgeführt. Die Ergebnisse sind in dem Fachjournal Frontiers in Behavioral Neuroscience erschienen. Wissenschaftler an der dortigen Universität untersuchten die Wirkung des Monoterpens, dem wahrscheinlichen Auslöser der beruhigenden Wirkung, in zwei verschiedenen Standard-Tests an Mäusen. Beim Hell-Dunkel-Box-Test wird ein Teil des Käfigs hell erleuchtet. Die nachtaktiven Tiere meiden die Helligkeit, sind aber gleichzeitig auch neugierig. Unter Anxiolytika überwinden sie ihre Lichtscheu und die Zeit, die sie dann im hellen Teil des Käfigs verbringen, ist ein Maß für die angstlösende Wirkung des jeweiligen Wirkstoffs.

Mäuse wurden risikobereiter

Bevor die Mäuse sich dem Test stellen mussten, wurden sie eine halbe Stunde lang in einer Geruchskammer mit Linalool „bedampft“. Je mehr Linalool sie geschnuppert hatten, umso größer war nachher ihre Bereitschaft, sich im Hellen zu bewegen. Ähnliche Effekte zeigten sich auch in dem anderen Standard-Test, dem Elevated-Plus-Maze-Test. Dabei müssen die Versuchstiere ihre Höhenangst überwinden. Auch hier wurden die Mäuse durch den Linalool-Duft mutiger. In einem dritten Test stellte sich heraus, dass die Aromatherapie die Koordination und der Gleichgewichtssinn der Tiere nicht beeinträchtigte, ein Anzeichen dafür, dass die Behandlung möglicherweise keine sedierenden Nebenwirkungen hat, anders als die mit Benzodiazepinen.

Ohne Geruchssinn geht nichts

„Zahlreiche Studien haben die starke entspannende Wirkung von Linalool bereits belegt“, betont Co-Autor Hideki Kashiwadani von der Universität von Kagoshima. „In diesen Untersuchungen ging es aber in der Regel nicht um die Wirkorte von Linalool“. Die Experimente der japanischen Forscher konnten nun belegen, dass die Wirkung an den Geruchssinn gebunden ist. Bei Mäusen mit fehlendem Geruchssinn ging die Aromatherapie ins Leere.

Die gleichen Rezeptoren wie Benzodiazepine

Die Wissenschaftler kamen auch dem möglichen Wirkmechanismus auf die Spur. Die anxiolytische Wirkung von Linalool konnte durch Gabe von Flumazenil aufgehoben werden. Der Benzodiazepin-Antagonist wird in der Anästhesie als Antidot bei Überdosierungen oder zur raschen Beendigung einer Narkose eingesetzt. Hieraus schlossen sie, dass Linalool seine Wirkung über den gleichen GABA-ergen Rezeptor erzielt wie Diazepam und andere Benzodiazepine. Bislang hätten viele angenommen, dass die Absorption ins Blut über die Atemwege zu direkten Effekten an Hirnzell-Rezeptoren, wie dem GABA-A-Rezeptor führt, fährt Kashiwadani fort und erläutert: „Unsere Ergebnisse zeigen jedoch insgesamt, dass Linalool nicht direkt an den Rezeptoren angreift, sondern dass es diese über olfaktorische Neuronen in der Nase aktivieren muss, um die spannungslösende Wirkung zu erzielen.“

Für den Wissenschaftler ist diese Entdeckung ein Schlüsselschritt hin zur Erprobung der klinischen Anwendung am Menschen. Kashiwadani könnte sich vorstellen, dass verdampftes Linalool in einigen Einsatzgebieten eine sicherere Alternative zu anderen Anxiolytika sein könnte, so zum Beispiel in der Chirurgie zur Linderung von präoperativem Stress oder auch bei Patienten, die mit der oralen oder rektalen Anwendung von angstlösenden Mitteln Probleme hätten, wie etwa Kleinkinder oder verwirrte ältere Menschen.


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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