SWR-Sendung

Homöopathie-Erstattung: Viel Streit um keinen Wirkstoff?

Berlin - 24.09.2018, 07:00 Uhr

Glaubensfrage Homöopathie: Kleine Kügelchen - große Emotionen. ( r / Abbild: SWR)

Glaubensfrage Homöopathie: Kleine Kügelchen - große Emotionen. ( r / Abbild: SWR)


Sollten Globuli weiterhin erstattungsfähig sein? Um diese gesundheitspolitische Streitfrage ging es in der SWR-Sendung „zur Sache“ am vergangenen Donnerstag. „Wer heilt, hat recht“, lautet die Devise der Homöopathie-Befürworter. Und selbst ein Placeboeffekt könne positiv sein. Die Medizinerin Dr. Natalie Grams sieht die Erstattungsfähigkeit von homöopathischen Arzneimitteln mit mangelhaftem Wirksamkeitsnachweis kritisch. Denn die Solidargemeinschaft solle nicht für Zuckerkügelchen aufkommen müssen, so die Homöopathie-Kritikerin.

Homöopathie ist „ein heißes Eisen“, stellte Reporterin Andrea Gondorf bei ihren Recherchen für die SWR-Sendung „zur Sache“ fest. Ob Globuli wirken oder nicht, diese Frage stand im Mittelpunkt der Sendung am vergangenen Donnerstag, die von Clemens Bratzler moderiert wurde.

Derzeit übernehmen etwa zwei Drittel der Krankenkassen, teils nur zu einem Teil, die Kosten für homöopathische Arzneimittel. Zu Unrecht, finden Kritiker, denn die Wirksamkeit von Globuli sei nicht nachgewiesen. Die Erstattungsfähigkeit muss bleiben, finden Homöopathie-Befürworter und führen zur Begründung positive Behandlungserfahrungen ins Feld, nach dem Motto „Wer heilt hat Recht“.

Black Box Wirkmechanismus

Doch wie ist die Wirkung ohne Wirkstoff eigentlich zu erklären? Und weshalb verstärkt sich die Wirkung mit zunehmender Potenzierung? „Das wissen wir nicht, weil wir nicht wissen, was bei der Potenzierung genau passiert“, sagte Gita Finkelbein gegenüber dem SWR-Team, die in einer baden-württembergischen Apotheke arbeitet, die seit 100 Jahren homöopathische Arzneimittel selbst herstellt. Doch diese wissenschaftliche Black-Box stört Homöopathie-Anwender offenbar nicht. So erklärte Internist Dr. Markus Debus, Filderklinik Stuttgart, in der Sendung: „Die Patienten wissen letztendlich selbst, was Ihnen gut tut. Dafür brauche ich keine Studie.“

Eine Glaubensfrage also? Für Meidzinhistoriker Professor Robert Jütte vom Robert-Bosch-Institut Stuttgart gehört der Glaube zur Medizin. Denn die Medizin sei eine „Handlungswissenschaft“, bei der der Glaube die Behandlung beeinflusse. Und selbst wenn es sich bei der Globuliwirkung lediglich um einen Placeboeffekt handele, könne diese auch heilsam sein, argumentierte eine zugeschaltete Pfarrerin.

„Scheininnovation des Placeboeffekts“

Als Vertreterin der Homöopathie-Kritiker hatte der Moderator die Leiterin des „Informationsnetz Homöopathie“, Dr. Natalie Grams, ins Studio eingeladen. Die Medizinerin war in der Vergangenheit von der Homöopathie überzeugt und hatte viele Patienten damit behandelt. Der Sinneswandel kam, als sie sich mit der Wirksamkeit auseinandersetzte, erklärte Grams auf Nachfrage. Dabei stellte sie fest, dass die Wirkung homöopathischer Arzneimittel in klinischen Studien nicht größer als die von Placebo sei. Und dass die „guten Erfahrungen“ mit Homöopathika überwiegend bei leichten, selbstlimitierenden Erkrankungen gemacht würden wie etwas Schnupfen oder Magenverstimmung. „Hier heilt die Zeit die Wunden“, so die Ärztin.

Da die Wirksamkeit der Globuli nicht nachgewiesen sei, sollten diese nicht von den Krankenkassen erstattet werden. Eine Erstattungsfähigkeit suggeriere eine Wirksamkeit die nicht gegeben sei – zu Lasten der Solidargemeinschaft, die für Zucker bezahle. Zwar gibt es auch in der Schulmedizin sogenannte Scheininnovationen. Doch im schulmedizinischen Bereich hätten sich die Bedingungen für die Kostenübernahme verschärft, was aus Sicht der Ärztin bei den Homöopathika ebenfalls geschehen müsse: „Wenn man so will, ist die Homöopathie die Scheininnovation des Placeboeffekts und da guckt keiner genau hin, das finde ich problematisch“.


Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Was soll diese ewige Kritik?

von Hummelmann am 24.09.2018 um 9:39 Uhr

Ich würde gerne mal von den Homöopathie-Kritikern hören, warum sie sich so hartnäckig in die Frage verbeißen, ob Krankenkassen auf freiwilligier Basis im Rahmen der Satzungsleistung Homöopathie bezahlen dürfen oder nicht.
Gleichzeitig interessiert es offensichtlich NIEMANDEN, dass die gesetzlichen Krankenkassen über ein Milliarden-Guthaben verfügen, für das sie jährlich mehrere Millionen Euro Strafzinsen an die Banken bezahlen.
Aus meiner Sicht werden die Beitragsgelder der Versicherten viel lieber für Gesundheitsausgaben eingesetzt, die nicht zu den Pflichtleistungen zählen, als für zusätzliche Gewinne von Banken und Aktionären.
DARUM könnten sich die Kritiker in den Reihen der Ärzte, der Medien und der Politiker mal mit gleicher Hartnäckigkeit kümmern!
Oder geht es den Kritikern gar nicht mehr um das Wohl der Beitragszahler? Ist das eher so was wie ein Glaubenskrieg? Dann haben sie was verwechselt: Homöopathie ist keine Religion.
Wer das behauptet, müsste mir erklären warum Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Schweine, Rinder und sogar Bäume an Gott glauben. Denn da habe ich als Apotheker überall schon Heilungserfolge mit Hilfe der Homöopathie erlebt. Aber die Totschlag-Antwort kenne ich vermutlich auch schon: "Die wären bestimmt auch so gesund geworden."
Jeder Arzt, der davon überzeugt ist, dass Homöopathie nicht wirkt und die Genesung nur durch die vermehrte Zuwendung eintritt, müsste eine logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen: Ab SOFORT viel mehr Zuwendung zu den Patienten! Verschwenden Sie Ihre kostbare Zeit nicht mit Homöopathie-Kritik. sondern investieren Sie diese lieber zum Wohle Ihrer Patienten. Denn dafür wurden Sie ausgebildet.

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