Homöopathie-Kritiker Edzard Ernst in der SZ

„Kundenwunsch befreit Apotheker nicht von ethischen Pflichten“

Stuttgart - 13.08.2018, 12:30 Uhr

Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin, praktizierte als junger Arzt selbst Homöopathie, nun plädiert er dafür, dass Globuli und Co. aus der Apotheke verschinden sollen. (Foto: Imago)

Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin, praktizierte als junger Arzt selbst Homöopathie, nun plädiert er dafür, dass Globuli und Co. aus der Apotheke verschinden sollen. (Foto: Imago)


Mediziner Edzard Ernst ist im Zusammenhang mit Homöopathie kein Unbekannter. Der emeritierte Professor für Alternativmedizin praktizierte als junger Arzt selbst die Lehre Samuel Hahnemanns. Später führte er dann Studien zum Thema durch und wurde zum Kritiker. In der Süddeutschen Zeitung legte er nun dar, warum seiner Meinung nach Homöopathie aus der Apotheke verschwinden sollte.

Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Alternativmedizin der University Exeter in England. Während er als junger Arzt selbst homöopathisch behandelte, führte er später Forschungsarbeiten zum Thema durch, wobei er an die Homöopathie die Regeln und Ansprüche der evidenzbasierten Medizin stellte. In einer „Außenansicht“ äußerte er sich nun vergangenen Freitag in der Süddeutschen Zeitung zum Thema Homöopathie.

Im Gegensatz zu beispielsweise England oder den USA erfreue sich die Homöopathie in Deutschland großer Beliebtheit, schreibt er. Diese breite Akzeptanz hält er für verblüffend, denn die Homöopathie sei weder plausibel, noch sei ihre Wirksamkeit belegt. So schreibt er wörtlich: „Speziell eine Absonderlichkeit macht die Homöopathie zu einem wahren Hintertreppenwitz: Die allermeisten Homöopathika sind derart verdünnt, dass sie kein einziges Molekül der Substanz mehr enthalten, die auf der Packung angegeben ist.“ Er verweist zudem darauf, dass zahlreiche angesehene und unabhängige Gremien die Situation unmissverständlich klargestellt hätten. So habe zum Beispiel das European Academies Science Advisory Council kürzlich eine Stellungnahme abgegeben, in der es erklärte, dass die Annahmen der Homöopathie nicht in Übereinstimmung mit den Konzepten der etablierten Wissenschaft seien. Außerdem gebe es keine Krankheit, bei der zuverlässige und reproduzierbare Belege einer Wirksamkeit der Homöopathie existierten. Homöopathie-Anhänger glaubten dies oft nicht, stellt Ernst fest. Schließlich seien Homöopathika zugelassene Arzneimittel und die Behörden würden doch sicher nicht erlauben, „dass Placebos für gutes Geld als Medikamente verkauft werden“. Dass die Anforderungen an Homöopathie anders seien als an andere Arzneimittel sei den Anwendern nicht bewusst.

„Apotheker sind primär Heilberufler“

Einen Schlüssel für die Popularität der Homöopathie sieht Ernst bei den Apothekern. Seiner Ansicht nach hat diese „reine Placebo-Therapie“ in den Apotheken schon lange nichts mehr verloren. Beim Argument, die Apotheker befriedigten hier nur einen Bedarf, kommt er zu der Frage, ob Apotheker Heilberufler oder Kaufleute seien. Natürliche seien sie beides, findet Ernst, aber primär üben sie in seinen Augen einen Heilberuf aus. Sie haben Pharmazie studiert und gelten als, wenn laut Ernst auch nur vermeintlich, vertrauenswürdige Ansprechpartner in Gesundheitsfragen.

Für Patienten, die sich für Homöopathie interessierten, seien Apotheker oft die einzigen Experten, die man zu Rate zieht, schreibt er. Diese Stellung verschaffe ihnen Einkommen und Einfluss, aber sie komme nicht ohne Verpflichtungen. Ernst führt an, dass auch Apotheker, wie alle Heilberufler, ethischen Grundsätzen unterliegen. Als grundlegende Werte gelten hier das Wohlergehen des Menschen, das Verbot zu schaden und das Prinzip der Menschenwürde. Die Grundsätze bestimmten, dass Apotheker im Interesse ihrer Kunden handeln, dass sie ehrlichen und zuverlässigen Rat geben, und dass sie fachlich kompetent sein müssten, schreibt er. Gemäß diesen Grundsätzen müssten Homöopathika früher oder später aus den Apotheken verschwinden, findet Ezard Ernst.



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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6 Kommentare

Ignoranten mit und ohne Professur...

von Raphael Hoh am 30.10.2018 um 18:11 Uhr

Ich selbst wurde oft homöopathisch behandelt und meine Krankheiten wurden AUSSCHLIEẞLICH homöopathisch geheilt!!! Des weiteren habe ich mich auch nach und nach in die Materie eingearbeitet und konnte mir so bei akuten Krankheiten wunderbar selber helfen.
Ich habe innerhalb von über 20 Jahren sehr sehr viele schlechte Homöopathen erlebt. Es gibt sowohl schlechte Ärzte, als auch gute Ärzte. Und bei Homöopathen ebenso. Der riesige Unterschied ist aber : Bei der Homöopathie steht und fällt alles mit dem Wissen und dem Können des Homöopathen - beim Arzt nicht! Der Arzt hat die Möglichkeit in einer Art Baukastensystem Medikamente zu verabreichen. Im Vergleich zur Homöopathie ÄUßERST simpel! Ein guter Homöopath muss den Patienten ganzheitlich behandeln. Das heißt: Eingehen auf Physis und Psyche! Eine gute homöopathische Anamnese kostet deutlich mehr Zeit als eine allopathische. Viele Ärzte können und wollen einfach nicht so viel Zeit für den Patienten aufwenden. Da ist dann ein Mißerfolg der homöopathischen Behandlung nichts anderes als die Folge davon. Das dann aber der Homöopathie negativ zuzuschreiben ist nur eins: UNWISSENSCHAFTLICH!! Mir ist es wirklich ein Rätsel, warum so viele Ärzte und auch Fachfremde immer wieder auf der Homöopathie rumhacken??? Ist es Langeweile oder ist es Hybris?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Ich stimme nicht ganz zu

von Redaktion DAZ.online am 14.08.2018 um 11:00 Uhr

Danke. Diese Erfahrung haben alle Apotheker der Redaktion auch.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

unethisch?

von Peter Brunsmann am 14.08.2018 um 9:30 Uhr

Verstehe ich das richtig? Ich bin unethisch, da ich Globuli verkaufe und vorher abkläre wofür der Patient das möchte und abschätze ob das noch vertretbar ist?
Oh Mann, haben wir keine anderen Probleme als die Eitelkeit eines Medizinprofessors zu multiplizieren?
1. Wer verkauft Homöopathie wenn diese nicht mehr in der Apotheke ist? Der Supermarkt berät gerne!!!
2. wenn ich das richtig gelesen habe :"Seine erste Arztstelle im Krankenhaus für Naturheilweisen in München habe seinen Eindruck, dass es Patienten dank der Globuli bessergehe verstärkt."
Also
3. Wer heilt hat recht.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: unethisch?

von RPGNo1 am 16.08.2018 um 11:33 Uhr

Zu 1) Da gehören wirkstofflose Zuckerkügelchen, euphemistisch auch Globuli genannt, hin, nämlich in die Süßwarenabteilung.

Zu 2) Sie wissen schon, dass Sie gerade Quote mining betreiben? Das Zitat geht nämlich weiter: "Im Studium habe er Medizin gelernt, aber nicht, kritisch zu denken. Erst als er nach Annahme einer Forschungsstelle Wissenschaftler wurde, habe er sich das allmählich angeeignet, erklärt er."
Das kritische Denken eines Edzard Ernst oder einer Natalie Grams sollten sie sich auch aneignen.

Zu 3) Gratuliere, sie haben soeben ein Totschlagargument verwendet. Lesen Sie mal diesen Artikel durch, dann kommen Sie eventuell auf Ihren Denkfehler: "[Der Slogan] stellt lediglich den Versuch dar, unter den Tisch zu kehren, was Studien herausgefunden haben, nämlich dass die Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus keine Wirkung hat."
https://www.spektrum.de/news/denkfehler-der-homoeopathie/1499429

AW: unethisch

von Maulwerfer am 05.09.2018 um 10:38 Uhr

Als Antwort möchte ich gerne Robert Hahn, Forscher und Professor für Anästhesie und Intensivmedizin an der Universität von Linköping, Schweden, zietieren. Hahn hat über 300 wissenschaftliche Artikel im Bereich Anästhesie und Intensivmedizin veröffentlicht und bereits mehrere Forschungspreise erhalten. Er hatte bisher nichts mit Homöopathie zu tun. Ihm war jedoch aufgefallen, dass eine erstaunlich unwissenschaftliche Diskussion über die Beweislage der Homöopathie geführt wurde. Daraufhin wollte er sich selbst ein Bild davon machen und studierte die aktuelle Forschungslage.
"[...] Ich bin fasziniert zu sehen, wie sehr die wissenschaftliche Welt durch ihre Ideologien gesteuert wird. Im Fall der Homöopathie ist es so, dass man sich an das halten sollte, was die Beweislage offenbart. Und diese sagt, das die Wirksamkeit der Homöopathie nur dann nicht nachweisbar werden kann, wenn man 95-98% aller auf dem Gebiet erfolgten Studien entfernt [...] Die Beweis-Analyse zeigt vielmehr das Gegenteil.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24200828
http://roberthahn.nu/2014/01/05/min-vetenskapliga-artikel-om-homeopati/

Ich stimme nicht ganz zu...

von Christian Becker am 13.08.2018 um 15:09 Uhr

... zumindest nach meiner Erfahrung kaufen Kunden in vielen Fällen auch dann die Homöopathika, wenn sie darüber aufgeklärt sind.
Typischerweise hört man:
"Man kann's ja mal versuchen."
"XY hat's aber auch geholfen."
"Ich will keine chemische Keule."
"Schaden tut's ja nicht."
Bzw. von denen, die voll davon überzeugt sind:
"Das hilft mir immer."

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