Bayerns Kammerpräsident Thomas Benkert

„Die Bequemlichkeit des Patienten kann nicht oberste Priorität sein“

Augsburg - 08.06.2018, 13:00 Uhr

Bayerns Kammerpräsident Thomas Benkert kritisiert den Beschluss der Ärzteschaft zur teilweisen Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes. (Foto: BLAK)

Bayerns Kammerpräsident Thomas Benkert kritisiert den Beschluss der Ärzteschaft zur teilweisen Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes. (Foto: BLAK)


Es bleibt dabei: Teile der Apothekerschaft sehen die Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes bei den Ärzten kritisch. Thomas Benkert, Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), sagte bei der heutigen Kammerversammlung in Augsburg: „Ich weiß nicht, ob diese Entscheidung der Ärzte gut durchdacht war.“ Benkert befürchtet, dass sich die Suchtgefahr bei Patienten und die Kriminalität steigern könnten. Und: Trotz der Zurückhaltung der ABDA hat Benkert seine Kollegen zur Unterzeichnung der Online-Petition für das Rx-Versandverbot aufgerufen.

Mitte Mai beschloss der Deutsche Ärztetag mehrheitlich, die Musterberufsordnung der Mediziner dahingehend zu ändern, dass Ärzte ihre Patienten künftig unter bestimmten Voraussetzungen ohne vorherigen persönlichen Kontakt in der Praxis ausschließlich per Telefon, SMS, E-Mail oder Online-Chat behandeln. Die Ärztekammern in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein haben diese Regel teilweise schon übernommen. Insbesondere in Baden-Württemberg entstehen derzeit einige Fernbehandlungsprojekte. Jüngstes Beispiel: Die Ärztekammer hat es der Londoner Online-Praxis erlaubt, Patienten in Deutschland via Chat zu behandeln. DrEd hat bereits angekündigt, dass auch Rezepte ausgegeben werden sollen.

Die erste Reaktion der ABDA auf die Beschlüsse der Ärzte erregte auch im  Apothekerlager für Aufsehen: Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, erklärte in einer Mitteilung, dass die Entscheidung der Ärzte keinerlei Auswirkungen auf die Apotheker haben werde. Fälschlicherweise fügte Kiefer hinzu, dass die Ärzte ihre Rezept ohnehin nicht online verschreiben wollen, dazu habe es einen Beschluss auf dem Ärztetag gegeben. Richtig ist, dass der Vorstand der Bundesärztekammer derzeit prüft, wie man mit Online-Rezepten umgehen will.

Benkert: Suchtgefahr und Kriminalität durch ausschließliche Fernbehandlung

Bayerns Kammerpräsident Thomas Benkert sieht die Entwicklungen in der Ärzteschaft ebenso kritisch. Bei der heutigen Kammerversammlung sagte er: „Ich weiß nicht, ob diese Entscheidung so gut durchdacht war.“ Es sei durchaus möglich, dass man Patienten, die man lange und gut kenne auch einmal fernbehandle, die Erstversorgung solle aber persönlich bleiben. Benkert sagte auch, dass das Patientenwohl und die Patientensicherheit immer Vorrang haben müsse. Es sei bei Online-Behandlungen nicht möglich, einige, sehr beratungsbedürftige Arzneimittel von der Verordnung auszuschließen. Deswegen befürchte er, dass es bei bestimmten Arzneimittel- und Patientengruppen zu „erhöhter Suchtgefahr, Arzneimittelmissbrauch und einer gesteigerten Kriminalität“ kommen könne.

Benkert kritisierte insbesondere die Zulassung der Londoner Online-Praxis DrEd. Dieses sei aus seiner Sicht das „falsche Modell“. Diesbezüglich sagte der Kammerpräsident: „Bequemlichkeit kann nicht die oberste Prämisse der Versorgung sein, die Arzneimittelsicherheit und das Patientenwohl müssen die oberste Prämisse sein.“ In der anschließenden Diskussion beschwerte sich ein Delegierter darüber, dass die Apotheker diese Prozesse nicht begleiten und keine eigenen Ideen einbringen. Doch Benkert blieb bei seiner Meinung: Das Thema Fernbehandlung werde erst relevant für die Apotheker, wenn E-Rezepte wirklich vorliegen und verwendet werden. 



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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4 Kommentare

Bequemlichkeit

von Benjamin Rohrer am 11.06.2018 um 19:50 Uhr

Sehr geehrter Hr. Dr. Schabik,

vielen Dank für Ihren Kommentar und das aufmerksame Lesen! Was die Bequemlichkeit betrifft, muss ich Ihnen leider widersprechen. Ich habe das Wort gleich in dreifacher Ausführung gehört in der Rede von Hr. Benkert. Es ging eindeutig darum, dass er der Patientensicherheit und dem gesundheitlichen Wohl des Patienten mehr Bedeutung zuordnet als eben der Bequemlichkeit des Patienten. Ich habe mich dazu entschieden, das Thema der Telemedizin und Benkerts Ausführungen dazu in den Vordergrund zu stellen, weil das Thema einerseits aktuell und umstritten ist und es andererseits großen Platz in der Rede des Kammerpräsidenten einnahm. Was den Aufruf zum Unterschreiben der Redmann-Petition betrifft, stimme ich Ihnen absolut zu: Insbesondere Jutta Rewitzer forderte die Apotheker beherzt dazu auf, für die Petition zu werben. Das habe ich im Text auch so vermerkt.

Nochmals Danke fürs kritische Lesen!

Beste Grüße

Benjamin Rohrer

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Unverstanden

von Reinhard Rodiger am 08.06.2018 um 15:32 Uhr

Es ist eine Vorlage für alle disruptiven Kräfte, wenn die Kammerführung deutlich macht, dass sie nicht verstanden hat, dass Apotheken Dienstleister sind.Bequemlichkeit ist nun mal ein wichtiges Käuferziel.Das können nur Monopole/Oligopole
ignorieren.Doch alles geht in Richtung von deren Stärkung.
Dazu ist nichts zu hören.
Negierung der selbst gesetzten Handlungszwänge führt zu beschleunigtem Abgang. Äusserungen wie zur Bequemlichkeit von Patienten sind Beihilfe zum Selbstmord.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Unverstanden

von Dr. Ralf Schabik am 11.06.2018 um 18:28 Uhr

Nachdem ich mich über das Interview, das bereits durch die Medien schwirrte, massiv geärgert hatte ("der Raucher auf dem Sofa"), habe ich den Ausführungen des Kammerpräsidenten während der Delegiertenversammlung besonders aufmerksam gelauscht. Und würde gerne anmerken, dass das Thema "Bequemlichkeit" in seiner Rede keine Rolle gespielt hat, die Erwähnung verdienen würde.
Hätte ich den Artikel geschrieben, hätte ich vielmehr den flammenden Aufruf "unterschreibt die Resolution" in die Überschrift gesetzt. Das war wirklich bemerkenswert, wie TBenkert und JRewitzer hier um Unterstützung geworben haben !

AW: Unverstanden

von Reinhard Rodiger am 11.06.2018 um 23:25 Uhr

Ich kann ja verstehen, dass ein Interesse an Schadenbegrenzung besteht.Doch ist es eine unglaubliche Fahrlässigkeit,die genau so sicher ausgeschlachtet wird, wie es mit den fehlenden Vorschlägen,dem ewigen Neinsagen und dem Schweigen geschieht.Es ist ein Zeichen für das Unverständnis der Apotheke als Dienstleister.Sicher gibt es Grenzen,doch ich kann doch nicht mit Kundenbeschimpfung argumentieren.Eine Steilvorlage.Es hilft doch nicht, das klein zu reden.Das Denken muss sich ändern.

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