Abgelehnte Anträge

Cannabis: Das könnte die Krankenkasse überzeugen

Hamburg - 16.04.2018, 12:10 Uhr

Wie sollte der Antrag auf Cannabis aussehen? (Foto: Africa Studio / stock.adobe.com)

Wie sollte der Antrag auf Cannabis aussehen? (Foto: Africa Studio / stock.adobe.com)


Bei Erstverordnung einer Cannabis-basierten Therapie muss bei der gesetzlichen Krankenkasse vorab eine Genehmigung eingeholt werden, mit der sichergestellt wird, dass die Kosten auch übernommen werden. Dass dieses Vorhaben nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt ist, zeigen die Erfahrungen aus einem Jahr Cannabis-Gesetz: Geschätzt jeder dritte Antrag auf Kostenübernahme wird abgelehnt. Lösungsansätze wurden beim 22. Eppendorfer Dialog von Kassen und Politik diskutiert. 

Derzeit werden in Deutschland etwa 14.000 Patienten mit Cannabis-haltigen Arzneimitteln behandelt. Zum Ablauf der Ausnahmeregelung vor gut einem Jahr waren es noch rund 1000. „Der Ansturm übertrifft alle Prognosen“, weiß Dr. Detlev Parow, Leiter der Abteilung Arznei- und Hilfsmittel im Geschäftsbereich Produkt- und Abrechnungsmanagement bei der DAK-Gesundheit, beim 22. Eppendorfer Dialog in Hamburg aus der Praxis zu berichten. Drei Wochen nach Eingang des Antrags hat die Krankenkasse Zeit, um eine Entscheidung zu fällen. Zieht sie zur Unterstützung den medizinischen Dienst (MDK) hinzu, verlängert sich die Frist um zwei Wochen. „Die DAK nimmt bei Cannabis-Verordnungen zu 100 Prozent den MDK in Anspruch, sodass die Anträge in der Regel innerhalb von fünf Wochen bearbeitet werden.“ Verstreicht auch diese Frist, kann der Antragsteller von einer sogenannten fiktiven Genehmigung ausgehen. Über Anträge im Rahmen einer Palliativversorgung muss innerhalb von drei Tagen entschieden werden. Hier gebe es in der Regel keine Probleme bei der Kostenübernahme, versicherte Parow.

Medizinalhanf

Cannabis auf Rezept

Insgesamt 797 Anträge hat die DAK im Jahr 2017 genehmigt, etwa 30 Prozent der Anfragen wurden abgelehnt. Bei anderen Kassen sind es wohl bis zu 40 Prozent. „Ganz viel Ablehnung erfolgt, weil es schlichtweg keine Kriterien für ein Urteil gibt.“ Schuld sollen die vagen Formulierungen im Gesetzestext sein.

Gesetz bietet Raum für Interpretation

Das am 10. März 2017 in Kraft getretene Gesetz ermöglicht die Verordnung von Cannabis-basierten Therapien und die Erstattung der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU Karin Maag erinnerte sich an massive Einwände von Politikern, auch in ihrer Fraktion, aber letztendlich wurde eine „vertretbare Lösung“ gefunden und das Gesetz einstimmig im Bundestag beschlossen. Ziel soll es sein, Patienten den Zugang zu Cannabis als Medizin zu erleichtern. Vom DAK-Vertreter Parow hagelte es Kritik: „Um die Theorie in die Praxis umzusetzen, ist das Gesetz zu lückenhaft und eine Konkretisierung zwingend notwendig.“  Im Gesetz wurde ausdrücklich darauf verzichtet, Indikationen für den Einsatz von Cannabis zu nennen. Den Krankenkassen fehle die Einschränkung auf bestimmte Personenkreise, das macht eine Entscheidung schwierig. Auch sonst seien die Formulierungen vage gehalten. Laut Gesetzestext kommt eine Therapie mit Cannabis infrage, wenn

  • eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt,
  • der Patient keine und nur unzumutbare therapeutische Alternativen hat und
  • eine „nicht ganz entfernt“ liegende Aussicht auf Verbesserung besteht.

Darüber, wie man diese Kriterien zu verstehen hat, sind sich Kassen und Verordner bzw. deren Patienten offensichtlich uneinig, was zu vielen Ablehnungen führt. Was bedeutet „schwerwiegend“? Per Definition: lebensbedrohlich oder die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigend. Aus dem Auditorium meldete sich ein Schmerzmediziner zu Wort und berichtete von einer Patientin, deren Antrag abgelehnt worden ist mit der Begründung, ihre Erkrankung sei nicht schwerwiegend, weil sie noch arbeitsfähig sei.

Verwirrung gibt es auch in puncto Therapiealternativen: Maag betonte, dass der Patient keinesfalls austherapiert sein muss, um Cannabis verordnet zu bekommen. Doch was bedeutet es dann, keine weiteren Therapieoptionen zu haben? Die Krankenkassen wünschen sich hier ausdrücklich klare Handlungsleitlinien, auf die sie sich berufen können. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) wird wohl aber erst nach Ablauf der ersten fünf Jahre Cannabis-Gesetz, basierend auf der nicht-interventionellen Begleiterhebung, über das weitere Vorgehen entscheiden. Für Parow viel zu spät: „Wir sprechen hier nicht von Peanuts“. 2017 gab die DAK etwas mehr als eine Millionen Euro für Cannabis-Therapien aus. 2019 erwartet man bereits Therapiekosten von 10 Millionen Euro – „Und das ohne Evidenz!“



Rika Rausch, Apothekerin
redaktion@daz.online


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9 Kommentare

Cannabis auf rezept

von Rene Hille am 21.09.2019 um 14:48 Uhr

Ich leide seit 40 jahren an Neurodermitis und das ist noch nicht alles und als schmerzpatient haben sie mich 2 jshre lang auf fentanyl gesetzt aber mehr wie entzugs erscheinungen hats mir nix gebracht oder bei chronischer Schlafstörungen gaben sie mir diazepam totaler scheiß erstens machts abhängig und gierig.äber das was mir hilft ...cannabis keine Schmerzen keine Schlafstörungen und vor allem hilft es mir bei der Neurodermitis soviel dazu bin echt am überlegen ob ich das gerichtlich einleiten werde

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cannabistherapie

von M.G. am 11.09.2019 um 19:31 Uhr

Das Referenzurteil wird kommen.

Derzeit klagen wir auch gegen die Krankenkasse, die einstweilige Verfügung dafür haben wir schonmal bekommen, sodass meine Verlobte zumindest während der verfahrensdauer schon Linderung hat.

:)
Weiter kämpfen

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Verordnung von canabis

von Schippmann bernd am 09.08.2019 um 17:39 Uhr

Jahrtausende ist in Deutschland niemand gestorben ,obwohl er kein Canabis zu sich genommen hat .
Es ist und bleibt eine seelisch Abhängig machende Rauschdroge .
Eine Genussmittel wie Alkohol Zigaretten Koffein.
Schon immer gab es studien darüber ,das die Lernfähigkeit dadurch beeinträchtigt wird .
Ob Canabis nun weniger ,oder mehr schödlich ist als Alkohol oder andere Rauschmittel wie Cocain oder Heroin spielt hier keine Rolle .
Wer es nehmen möchte ,soll es gefälligst selbst bezahlen .
Es kann nicht sein ,das es in Deutschland (Neumünster)zu völlig überhöten produktionskosten erzeugt wird ,und dann von Steuerzahlern oder Krankenkassen -Versicherung -zahlenden finanziert wird .

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AW: Verordnung von canabis

von Jochen am 07.11.2019 um 1:23 Uhr

Dieser Kommentar stinkt vor Dummheit regelrecht zum Himmel. Informieren, dann reden. Diese Art der Rückwärtsgewandheit ist genau der Grund, warum dieses Land Stück für Stück vom Rest der Welt abgehängt wird. Nur nichts neues auszuprobieren, wo kämen wir da hin.

Cannabis als Medizin

von Dennis am 19.07.2019 um 8:17 Uhr

Hallo, ich kämpfe seit 2 Jahren mit meiner Krankenkasse für eine Kostenübernahme meiner Cannabis Therapie.

Wir sollten uns vielleicht immer wieder mal zusammen tun um unwillige Krankenkassen davon zu überzeugen das Ärzte die sein sollten die über die Medikamentevergabe am Patienten entscheiden, nicht deren Mdk Schergen.

Ein Disslike auf dem Beitrag meiner Krankenkasse würde schon reichen Danke

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Cannabis als Medizin

von Dennis am 19.07.2019 um 8:19 Uhr

Canabis Ablehnung der Krankenkasse weil noch arbeitfsfähig

von Pixelshaker am 07.06.2019 um 17:52 Uhr

Was für ein Humbug-
Ich schmerzpatient seit 25 Jahren- therapiere mich mit illegal erworbenem canabis - seit 25 jahren -Morbus bechterew
Nur dadurch kann ich einem einigermaßen regelmäßigem Arbeitsleben nachgehen- mein Arbeitgeber freut sich;)...
Heute erstes Rezept-privat-b.d. Apotheke eingelöst 5 gr. 122€ mehr denn doppelt so teuer wie a.d. " freien Markt "- aber ok - jetzt legal und Med.rein. Danke liebe Apotheke welche mir das besorgt hat!
Meine 20Jahre andauernde stammquelle ist verstorben:(
Werde mit meinem Doc Antrag bei der KK stellen auf Übernahme der Kosten. Brauche nicht viel ca. 12gr/Monat- wenn Ablehnung wünsche ich meiner KK jetzt schon mal fröhliches Krankengeld zahlen.
Würde natürlich trotzdem klagen.

Evidenz erreicht die KK durch den Einzelfall!

Und, hätt ich Tabletten anstatt canabis 25 Jahre zu mir genommen um ohne bzw erträglicheren Schmerz leben zu können - Lebensqualität -
wär ich nicht mehr unter den lebenden Herzinfarkt Schlaganfall Nierenschaden - oder hätte was am Kopf- Ibu empathievermögen -
So aber geht es mir entsprechend meist gut - DANKE wirkungsvolles canabis thc cbd und all ihr natürlichen Terpene.
Unsere Bundesregierung hängt nicht nur im medizinischen stark hinterher.

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Canabis bei Ms und wie Ärzte damit umgehen.

von Django am 04.06.2019 um 8:14 Uhr

Hallo,
Januar 2017 wurde bei mir Ppms festgestellt. Diese muss ich schon seit Jahren gehabt haben. Nun, nach Erfolgloser Volon A Therapie, Erfolglos da ich trotz Therapie eine neue Läsion Hwk 3 bekommen habe, habe ich mich dazu entschlossen, eine Schmerzklinik aufzusuchen mit dem Ziel, mit dem dortigen Arzt über eine Canabis Verordnung zu reden damit ich wenigstens mit den schmerzen klar kommen kann. Da ich durch alle Tabletten oft Magenschmerzen bekomme wollte ich nun nicht mehr noch eine Schmerztablette meinem Körper zumuten.
Dieser verschrieb mir erst Sativex welches ich nach 4 Tagen Anwendung absetzte da unverträglich. Das selbige mit Canemes. Canabisblüten verschreibt er nicht da er Angst vor Regressansprüche seitens der Krankenkasse hat, was immer das auch heißen mag.
Da Canabisblüten aber, geraucht, bei mir einen positiven Effekt haben bin ich nun gezwungen mir dieses auf dem "freien Markt" zu beschaffen.
So wird man also heutzutage vom Staat in die Kriminalität gezwungen. Heutzutage ist es anscheinend wichtiger die Pharmakonzerne zu unterstützen als die Patienten. Dieses tolle Gesetz bringt in meinen Augen rein garnichts.
Wie soll ich mich den sonst in diesem Falle verhalten? Um Vorschläge seitens Regierung würde ich mich sehr freuen.

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AW: Canabis bei Ms und wie Ärzte damit

von pixelshaker am 07.06.2019 um 18:06 Uhr

moin-
Stimme voll zu. Kaum erträglich was unsere Regierung an Gesetzen verzapft.
Wenn ein privatrezept vom Doc ausgestellt wird kann er nicht in regress genommen werden. Dann aber auch teuer - 5gr. Ca. 122€ feinste canabisblüte Med.rein. z.b. Sorte bedrocan.
Leider sind viele ältere doktoren auf keinem guten informationsstand zur wirkung und den Möglichkeiten von thc cbd und terpenen.
Mein Doc hat mich auch ungläubig angeguckt wo ich ihm das Rezept entlockte - das wäre doch den Krebspatienten vorbehalten. Was für ein kokolores. Alles Gute

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