Sylvia Gabelmann (Linke)

„Die Kassen sind ein Selbstbedienungsladen der Pharmaindustrie“

Berlin - 27.02.2018, 11:15 Uhr

Sylvia Gabelmann, Apothekerin und Arzneimittelexpertin der Linksfraktion, beschwert sich über zu hohe Arzneimittelpreise. (Foto: Imago)

Sylvia Gabelmann, Apothekerin und Arzneimittelexpertin der Linksfraktion, beschwert sich über zu hohe Arzneimittelpreise. (Foto: Imago)


Die Linksfraktion im Bundestag beschwert sich über die Preise neuer Arzneimittel. Apothekerin Sylvia Gabelmann, bei den Linken für Arzneimittelthemen zuständig, hatte sich in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung nach der Preisentwicklung für neue Präparate erkundigt. Die Bundesregierung teilt nun unter anderem mit, dass der Durchschnittspreis für neue Originalpräparate um das 4,5-fache gestiegen sei. Gabelmann fordert die Regierung zum Handeln auf.

Die Linksfraktion im Bundestag setzt auch in dieser Legislaturperiode ihren pharmakritischen Kurs fort. In einer Kleinen Anfrage hatte sich die Fraktion mit dem Thema Arzneimittelpreise beschäftigt. Unter anderem wollte die Oppositionsfraktion wissen, wie die Preisentwicklung bei neuen Präparaten, individuell hergestellten Arzneimitteln und Originalpräparaten grundsätzlich verlaufen ist. In ihrer Vorbemerkung erklären die Linken unter anderem, dass das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz 2011 beschlossen wurde, um die Arzneimittelausgaben der Kassen zu senken und den Zusatznutzen neuer Arzneimittel als einen Faktor in der Preisbildung zu etablieren.

Das Bundesgesundheitsministerium bezieht sich in seiner Antwort auf Zahlen des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WIdO) und des Arzneiverordnungsreportes. Festgestellt wird unter anderem, dass die Ausgaben für die zehn teuersten Präparate zwischen 2007 und 2016 um knapp 85 Prozent angestiegen sind. Für Apotheker interessant: Auch die Ausgaben für individuell angefertigte Medikamente, darunter auch Zyto-Rezepturen, sind im gleichen Zeitraum um mehr als 90 Prozent gewachsen. Bemerkenswert ist aber auch die Angabe, dass die Durchschnittspreise von Arzneimitteln, die neu auf den Markt kommen, seit 2010 um das 4,5-fache angestiegen sind. 2010 kostete ein neues Präparat im Schnitt 982,66 Euro, im vergangenen Jahr waren es knapp 4460 Euro.

Kassenabschlag: Einsparungen fast unverändert

Auch nach den Einsparungen durch die gesetzlichen Rabatte, darunter der Kassenabschlag, erkundigten sich die Linken. Hier zeigt die Statistik: Die Einsparungen der Kassen durch den Kassenabschlag haben sich seit 2009 kaum verändert. Damals sparten die Kasse etwas mehr als 1,13 Milliarden Euro pro Jahr durch den Abschlag, 2016 waren es knapp 1,1 Milliarden Euro.

Laut AMNOG dürfen die Unternehmen im ersten Jahr nach Marktzulassung den Preis ihrer Arzneimittel selbst festlegen. In diesem ersten Jahr handeln Hersteller und Kassen unter anderem auf Basis des vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgestellten Zusatznutzen den Erstattungsbetrag aus, der dann ab Tag 1 im zweiten Jahr gilt. Laut Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken, hält sich die Zahl der Präparate mit Zusatznutzen und solcher ohne einen festgestellten Mehrwert fast die Waage. Seit Bestehen des AMNOG hat es demnach 109 Nutzenbewertungen ohne Zusatznutzen gegeben. In insgesamt 99 Fällen wurde ein Mehrwert belegt. Allerdings erhielten nur drei Medikamente das bestmögliche Prädikat „erheblicher Zusatznutzen“. In 38 Fällen war der Zusatznutzen nicht quantifizierbar. Die Linksfraktion interessierte sich dafür, wie groß der Unterschied zwischen den letztendlich ausgehandelten Erstattungsbeträgen und den ursprünglich frei festgelegten Preisen der Industrie ist. Die Antwort der Bundesregierung: rund 26 Prozent.

Europavergleich: Nur in Dänemark und UK Preise frei festlegbar

Die Linksfraktion wollte auch wissen, inwiefern die Feststellungen die ausgehandelten Preise auch tatsächlich dem Zusatznutzen entsprechen. Das BMG verweist hier auf die Einigung zwischen Herstellern und Kassen, wobei auch ein Schiedsstellenverfahren möglich sei, dessen Ergebnis beklagt werden könnte. Interessant sind auch die Angaben der Regierung zu einem Europavergleich in Sachen Preisbildung: Demnach können die Hersteller nur noch in Dänemark und Großbritannien ihre Preise frei festlegen. In allen anderen Ländern gelten gesetzliche Regulierungen.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Die Kassen sind KEIN Selbstbedienungsladen der Pharmaindustrie

von Thomas Hammerschmidt am 28.02.2018 um 8:48 Uhr

Preise neuer Arzneimittel von vor 10 Jahren mit denen neuer Arzneimittel von heute zu vergleichen macht wenig Sinn, da es sich um Medikamente für andere Indikationen mit unterschiedlichen Behandlungskosten handel. Man kann die Preise neuer immunonkologischer Präparate nicht sinnvoll in Beziehung setzen mit DPP4-inhibitoren, die vor 10 Jahren neu waren. Sicherlich erscheinen die Kosten neuer onkologischer Präparate sehr hoch. Aber diese sind zwischen Industrie und GKV-Spitzenverband verhandelt und somit für beide Seiten akzeptabel. Wenn Gesundheitspolitik (und auch immer wieder der GKV-Spitzenverband) mehr Möglichkeiten zur Preisregulierung wünschen, muss die Poltik (und zwar auch die Opposition) endlich Farbe bekennen: Wie viel möchte unsere GKV-Versichertengemeinschaft denn zahlen für ein Medikament, dass bei Krebspatienten im Endstadium das Leben bei dem Krankheitszustand entsprechender Lebensqualität um 6 Monate verlängert? Nur wenn diese normative Frage beantwortet wird, können wirtschaftlch begründete Preise verhandelt werden.

Zudem: Die Ausgaben der GKV für Arzneimittel sind in den vergangenen 10 Jahren um 3,3% pro Jahr gestiegen - wobei allein die Zahl verordneter Tagesdosen um 3,4% pro Jahr stieg. Die Gesamtausgaben der GKV für alle Leistungen und Verwaltung wuchsen im gleichen Zeitraum um 4,2% pro Jahr. Offenbar wirken AMNOG (trotz allen Reformbedarfs) und Rabattausschreibungen besser als dies von der Politik wahrgenommen wird.

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