Kommentar zum Honorar-Gutachten

Schöne Bescherung

Süsel - 22.12.2017, 13:10 Uhr

(Foto. lassedesignen / Adobe Stock)

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Das lange erwartete Honorar-Gutachten wurde den Apothekern kurz vor Weihnachten noch als große Herausforderung fürs neue Jahr unter den Weihnachtsbaum gelegt. Die Berechnungen erschrecken die Apotheker, aber die Antwort auf das Gutachten muss politisch erfolgen, erläutert Thomas Müller-Bohn in einem Kommentar.

Ganz kurz vor Weihnachten hat das Bundeswirtschaftsministerium das lang erwartete Honorargutachten veröffentlicht. Die dort angewendete Honorarberechnung missachtet die Prinzipien des Apothekensystems. Ein gesetzlicher Versorgungsauftrag kann nicht erfüllt werden, wenn die Kosten des dazu nötigen Systems nur zu 40 Prozent von der Solidargemeinschaft getragen werden. Eine Einbuße von durchschnittlich 40.000 Euro pro Apotheke und Jahr könnten die meisten Apotheken nicht verkraften. Denn schon heute geht es vielen Apotheken wirtschaftlich schlecht, was die Gutachter ausdrücklich hervorheben. Doch auch die verbleibenden Apotheken könnten für so wenig Geld nicht die gewohnte Leistung bieten.

Das Gutachten wird auch nicht weniger schlimm, weil in der Vor-Version eine durchschnittliche Einbuße von 45.000 Euro pro Apotheke vorgesehen war. Bei einer Schließung kommt es darauf nicht mehr an. Doch die Vor-Version hatte den Vorteil, dass die Apotheker gewarnt waren. So entsetzlich der Inhalt des Gutachtens auch für die Apotheker ist, kam der Schreck eigentlich schon vor Wochen. Nur die ABDA dürfte jetzt noch erschrocken sein, weil sie bis zuletzt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Vor-Version abgelehnt hatte.

Umsetzung des Gutachtens = System-Zerstörung

Entscheidend ist allerdings, wie ein künftiger Wirtschaftsminister mit dem Gutachten umgehen wird. Es wird auf eine politische Entscheidung ankommen. Wer das bewährte Apothekensystem zumindest in seinen Grundzügen erhalten will, kann die Honorarempfehlungen aus dem Gutachten nicht umsetzen. Die Gutachter selbst schätzen die Lage für 47 Prozent aller Apotheken-Unternehmen als schlecht ein. Einem solchen System noch Geld zu entziehen, bedeutet, es zu zerstören. Wenn die von den Gutachtern postulierten Kompensationsmechanismen über OTC-Preise und Rabatte funktionieren würden, würden die Apotheken sie längst nutzen. Dann ginge es den Apotheken nicht so schlecht. Die Einbußen wären also nicht auszugleichen und die empfohlenen Honorarkürzungen würden zu einer ganz anderen Versorgung führen.

Darum ist eine politische Entscheidung nötig, welches Apothekensystem die Gesellschaft haben will. Das bisherige System ist für weniger Geld nicht zu haben, langfristig wird es sogar mehr Geld benötigen. Die Apotheker sind jetzt gefordert, für ihr System und für zusätzliche honorierte Angebote zu werben. Sie haben beste Argumente. Darum brauchen sie die unausweichliche Debatte über das System nicht zu scheuen. Die Apotheker sollten sie sogar forcieren. Denn Patienten und Apotheker brauchen ein klares politisches Bekenntnis zur bewährten Versorgung und dem muss dann die Honorierung folgen. Hoffentlich bereitet eine neue handlungsfähige Regierung den Patienten und Apothekern dann irgendwann doch noch eine schöne Bescherung. Darum sollten wir jetzt Weihnachten feiern und auf Ostern hoffen.


Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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6 Kommentare

Honorargutachten

von Harlan Köhler am 23.12.2017 um 16:21 Uhr

Ich darf auch gerade Notdienst schieben, während meine Familie um den Tannenbaum sitzt. Dafür gibt es dann später 2,50 Euro Notdienstgebühr (da ist bestimmt auch noch viel Luft nach unten). Die uns entgegengebrachte Wertschätzung ist kaum auszuhalten. Frohes Fest!

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zu wenig

von Karl Friedrich Müller am 22.12.2017 um 14:20 Uhr

Mit dem Verlust der GH Rabatte in Rx ist die Einbuße noch viel höher. 45.000€ im Schnitt sind zu kurz gedacht.

Ich ertrage diesen Hass und die Hetzerei, die schon über viele Jahre und Jahrzehnte anhält, auch nicht mehr.
Das ist über jedes Maß und nicht nachvollziehbar.
Hier kochen einige Leute auf unserem Rücken und dem der Bevölkerung ihr Süppchen.
Rücksicht wird keine genommen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: zu wenig

von Heiko Barz am 23.12.2017 um 13:40 Uhr

In diesem Land wird erst nachgedacht, wenn alle Systeme, wie derzeit die katastrophe der Paracelssus KLiniken überdeutlich zeigt, durch den Kapitalmarkt zerstört wurden.

Hoch gerechnet auf die Zukunft dauert es bis 2025 bis das ganze Gesundheits-System kollabiert. Übrig bleiben dann die Berufe der Ärzte und Apotheker, die dann wieder von Vorne anfangen müssen.Die Approbationen jedenfalls bleiben uns erhalten, während dann alle hochgelobten Funktionäre aller Couleur wieder Staub fressen müssen.

ABDA

von Dr Schweikert-Wehner am 22.12.2017 um 14:08 Uhr

So jetzt kann die ABDA endlich ihr Gegengutachten, ihr Konzept zum Apothekenhonorar 2025 und das ausgearbeitete Vergütungssystem für patientennahe Dienstleistungen aus der Schublade nehmen und veröffentlichen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: ABDA

von Heiko Barz am 23.12.2017 um 13:15 Uhr

Und Sie glauben wirklich, dass es diese Schublade gibt?
Ich trage Ihre Hoffnung als Wunsch in meinen Weinachts-Dienst.
Frohes Fest

Es reicht!

von Michael Hahn am 22.12.2017 um 13:45 Uhr

Wenn man als e.K. keinen Gewinn erwirtschaften darf, wäre die Verstaatlichung des Apothekenwesen die einzige Alternative bei diesem Kasperletheater. Ich kann diese permanenten Attacken gegen ein super funktionierendes System nicht mehr ertragen!

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