US-Fachgesellschaftensenken Richtwert

Blutdruck über 130/80 ist jetzt zu hoch

Stuttgart - 15.11.2017, 11:45 Uhr

Hier ist noch alles im grünen Bereich, auch nach der neuen Leitlinie. (Foto: PhotoSG / stock.adobe.com)                                     

Hier ist noch alles im grünen Bereich, auch nach der neuen Leitlinie. (Foto: PhotoSG / stock.adobe.com)                                     


In den USA werden künftig deutlich mehr Menschen an Bluthochdruck leiden – nämlich 103 statt bisher 72 Millionen. Das ist knapp jeder dritte Einwohner der Vereinigten Staaten und fast jeder zweite Erwachsene. Dahinter steckt der neue Richtwert. So lag bislang die Grenze, ab der man als Hypertoniker galt, bei 140 / 90 mmHg. Nun wurde sie auf 130 / 80 mmHg abgesenkt. 

Die US-Fachgesellschaften American College of Cardiology und der American Heart Association haben ihre neue Leitlinie zum Bluthochdruck veröffentlicht. Die Neufassung macht fast 30 Millionen US-Bürger auf einen Schlag zu Kranken. Denn die Experten haben den Grenzwert für Bluthochdruck nach unten korrigiert. Liegt der systolische Wert nun über 130 mmHg oder der diastolische zwischen 80 und 89 mmHg ist das gemäß der neuen Leitline, die im Journal Hypertension veröffentlicht wurde, zu hoch – Bluthochdruck Stadium I. Stadium II beginnt dann ab systolisch 140 mmHg oder diastolisch ab 90 mmHg. Und zwar jeweils „oder“ – nicht „und“. 

Für einen laut dem Papier normalen Blutdruck muss – ebenso wie für einen erhöhten – der diastolische Wert unter 80 mmHg liegen. Systolisch gilt unter 120 mmHg als normal, zwischen 120 und 129 als erhöht. 

4,2 Millionen brauchen zusätzlich Arzneimittel

Für die Praxis bedeutet das, dass in Zukunft fast die Hälfte aller Erwachsenen (46 Prozent) in den USA die Diagnose Hypertonie erhält. Nach der alten Leitlinie war es etwa ein Drittel. Die Zahl der Hochdruck Patienten wird von etwa 72 Millionen auf 103 Millionen steigen, heißt es. Die Autoren betonen jedoch, dass die Zahl der Menschen, die eine jetzt medikamentöse Behandlung benötigen nicht im gleichen Ausmaß steigen werde. Man erwarte etwa 4,2 Millionen neue Kandidaten für eine Pharmakotherapie, erklärt einer der Autoren gegenüber der New York Times. Bei der Mehrheit der „Neu-Hypertoniker“ setzt man auf Lebensstiländerungen, um den Blutdruck zu senken. Die Leitlinie empfiehlt nämlich bei Menschen mit Hypertonie im Stadium I, deren kardiovaskuläres Gesamtrisiko für die nächsten zehn Jahre mit 10 Prozent oder niedriger beziffert ist, primär eine nicht-pharmakologische Therapie.  

Allerdings werde auch eine ganze Reihe von Dosiserhöhungen vonnöten sein, um die neuen Blutdruckziele zu erreichen, schreibt die NY-Times weiter. Die Autoren der Leitlinie sind überzeugt, dass die entstehenden Mehrkosten durch Arzneimittel durch die sinkenden Folgekosten mehr als kompensiert werden. Man werde Leben retten und Geld sparen, indem Folgekrankheiten vermieden werden, heißt es.

Fragwürdiger Nutzen bei mehr Nebenwirkungen?

Deutsche Experten sehen das Ganze offenbar kritisch. So erklärt Michael Kochen, der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin gegenüber der Süddeutschen Zeitung, er sei gegen die starke Senkung auf 130 zu 80, weil sie mit Nebenwirkungen einhergehe, der Nutzen für Herz und Kreislauf gegenüber 140 zu 90 aber zweifelhaft sei. Vor allem bei älteren Menschen scheint eine zu starke Senkung des Blutdrucks das Risiko für Stürze zu erhöhen.

Laut aktueller europäischer Leitlinie gilt ein Blutdruck unter 120 /80 mmHg als optimal, 120-129 mmHg und /oder 80 bis 84 mmHg als normal, 130 bis 139 und /oder 85 bis 89 mmHg als hochnormal. Ab einem diastolischen Wert von 140 mmHg und /oder einem diastolischen von 90 oder darüber spricht man dann von Hypertonie. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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2 Kommentare

US-Fachgesellschaften senken Richtwert

von susann am 21.11.2017 um 0:33 Uhr

zu A.M,16.11.2017
Wohl wahr.Vorallem wissen die doch alle,was für fiese Nebenwirkungen diese RR-Brachialtherapie hat.Die Ignoranz der schwindenden Lebensqualität gegenüber zeigt doch deutlich die Verfassung dieser Fachgesellschaften.Menschen sind mehr als Grenzwerte....

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Wunderbare Umsatzmehrung

von A.M. am 16.11.2017 um 13:55 Uhr

Da freut sich aber die Pharmaindustrie teuflisch.
Böse ist, der dabei System vermutet

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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