Zytoskandal

Betroffene demonstrieren erneut vor Zyto-Apotheke

Bottrop - 12.10.2017, 17:50 Uhr

Mit eindeutiger Symbolik: Demonstranten trugen auf der Demonstration auch einen Sarg zur ehemaligen Zyto-Apotheke. (Foto: Markus Gehling)

Mit eindeutiger Symbolik: Demonstranten trugen auf der Demonstration auch einen Sarg zur ehemaligen Zyto-Apotheke. (Foto: Markus Gehling)


Sie fordern Aufklärung und Schadensersatz: Rund 300 Menschen haben am gestrigen Mittwoch vor der Bottroper Zyto-Apotheke demonstriert, in der laut Anklage zehntausende Rezepturen fehlerhaft hergestellt wurden. Während aktuelle Mitarbeiter der Apotheke über Anfeindungen klagen, geht die Betreiberin juristisch gegen den Whistleblower vor. Und Ärztekammern untersuchen, inwieweit Onkologen ihren Aufklärungspflichten nachgekommen sind.

Bei der zweiten Demonstration zum Bottroper Zyto-Skandal kamen mit rund 300 Demonstranten doppelt so viele Menschen wie bei Protesten im September zusammen, um auf die Lage der Betroffenen aufmerksam zu machen. Sie forderten weiterhin Aufklärung, strengere Kontrollen für Zyto-Apotheken – und auch die Aufarbeitung des Falls über eine Studie sowie einen Täter-Opfer-Ausgleich, berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ).

Obwohl der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zuvor wegen der kurzfristigen Absage eines geplanten Treffens mit Betroffenen in die Kritik geraten war, hatte das Ministerium keine Teilnahme an der Demo geplant, wie ein Sprecher erklärte. Hingegen kamen der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler und Sozialdezernent Willi Loeven. „Zwar erst nach zehn Monaten – aber besser spät als nie“, erklärte Organisatorin Heike Benedetti laut WAZ.

Prozess-Auftakt im November

Inzwischen hat auch das Landgericht Essen einen ersten Termin für die Verhandlungen angesetzt: Gut ein Jahr, nachdem der Zyto-Apotheker in Untersuchungshaft genommen wurde, soll am 13. November der Prozessauftakt stattfinden. Dem Angeklagten wird von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, mehr als 60.000 Rezepturen – viele hiervon Zytostatika – unterdosiert oder unter schlechten hygienischen Bedingungen hergestellt zu haben. Tausende Patienten sollen betroffen und den Kassen ein Schaden von über 55 Millionen Euro entstanden sein. Der Apotheker schweigt bislang zu den Vorwürfen. 

Unklar ist bislang, inwiefern die Betroffenen informiert wurden, dass sie womöglich unterdosierte Arzneimittel erhalten haben. Nachdem viele Patienten sagten, dass sie nur aus den Medien von dem Skandal erfahren haben, forderte Laumann bereits im Sommer eine umfassende Aufklärung. „Offenbar wurde hier mit hoher krimineller Energie mit dem Leben von Menschen gespielt“, erklärt ein Ministeriumssprecher. Selbstverständlich hätten diejenigen, die als Patienten womöglich von dem Skandal betroffen sind, ein Recht, das zu erfahren.

Ein Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe bestätigte auf Nachfrage, dass hierzu derzeit Abstimmungsprozesse laufen. Die Kammer sehe eine Informationspflicht der Ärzte – doch hätten diese „weitgehend auch die betroffenen Patienten informiert“. Auch die Ärztekammer Nordrhein ermittelt derzeit. „Ärztinnen und Ärzte sind grundsätzlich verpflichtet, den Patientinnen und Patienten sämtliche für die Behandlung wesentlichen Umstände zu erläutern“, betonte ein Sprecher. „Dazu gehören auch nachträgliche Erkenntnisse über eine möglicherweise oder tatsächlich fehlerhafte Zubereitung von Onkologika durch die liefernde Apotheke.“ Im Einzelfall könnten jedoch Gründe vorliegen, von einer ungefragten Information betroffener Patienten abzusehen.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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