Jubiläum

Papier-Medikationsplan floppt im ersten Jahr

Berlin - 02.10.2017, 13:25 Uhr

Läuft nicht beim Medikationsplan: AOK-Zahlen und einer hkk-Umfrage zufolge ist der Papier-Medikationsplan nicht gut gestartet. (Foto: DAZ.online)

Läuft nicht beim Medikationsplan: AOK-Zahlen und einer hkk-Umfrage zufolge ist der Papier-Medikationsplan nicht gut gestartet. (Foto: DAZ.online)


Seit einem Jahr haben multimorbide GKV-Patienten das Recht auf einen papiernen Medikationsplan, ausgestellt vom Arzt. Wie oft der Plan in den vergangenen zwölf Monaten genau abgerechnet wurde, lässt sich dank einer sehr komplizierten Vergütungsmethodik nicht sagen. Recherchen von DAZ.online und einer aktuellen Umfrage der Handelskrankenkasse zufolge ist der Medikationsplan im ersten Jahr allerdings gefloppt.

Der Gesetzgeber hatte den Medikationsplan Ende 2015 mit dem sogenannten E-Health-Gesetz beschlossen. So wirklich digital ist an dem Plan derzeit allerdings nicht viel: Die infrage kommenden Patienten erhalten von ihrem Arzt auf eigenen Wunsch einen papiernen Medikationsplan, den sie mit sich führen und auf eigenen Wunsch vom Apotheker ergänzen lassen können. Teilnehmen dürfen alle Patienten, die länger als zwei Wochen lang mindestens drei verordnete Arzneimittel gleichzeitig anwenden. Vergütet werden für die Erstausstellung und die weitere Beratung derzeit lediglich die Ärzte. Ein umfassendes Medikationsmanagement, das auch die Beteiligung des Apothekers und das sogenannte „OTC-Wissen“ einschließt, ist derzeit laut Gesetz nicht vorgesehen.

Um festzustellen, wie oft der Medikationsplan in seinem ersten Jahr von den Patienten abgerufen wurde, könnte man rein theoretisch die bei den Kassen dafür abgerechneten Honorare zählen. Schließlich ist jede ärztliche Leistung mit einem eigenen Abrechnungscode im Einheitlichen Bewertungsmaßstab festgelegt. Beim Medikationsplan ist dies allerdings schwierig. Denn in ihren Vergütungsverhandlungen vor etwa einem Jahr haben sich Kassen und Ärzte darauf geeinigt, dass die Erstellung des Plans bei Chronikern in der sogenannten Chroniker-Pauschale pauschal mit vergütet wird. Die Chroniker-Pauschale ist eine Abrechnungsziffer, die die Kassenärzte pro behandeltem Chroniker einmal pro Quartal abrechnen können. In den Abrechnungen dieser Pauschale lässt sich nicht feststellen, ob im Rahmen der Behandlung auch ein Plan ausgestellt wurde.

Komplexe Abrechnungssystematik

Trotzdem gibt es ausreichend Indizien, die darauf hinweisen, dass der Plan in seinem ersten Jahr schlichtweg gefloppt ist. Da wäre zunächst die Zahl der Abrechnungen für Nicht-Chroniker. Im Gegensatz zu den Chronikern gibt es für Nicht-Chroniker bei den Kassenärzten nämlich eine eigene, auch tatsächlich vergütete Abrechnungsziffer für den Medikationsplan. Und diese wurde im vierten Quartal 2016, in dem der Plan an den Start ging, GKV-weit etwa 65.000 Mal abgerechnet. Das erklärte eine Sprecherin des AOK-Bundesverbandes gegenüber DAZ.online.

Wie aussagekräftig ist diese Zahl? Zunächst ist es so, dass der Wert keineswegs mit der Zahl der Nicht-Chronikern übereinstimmen muss, die einen Medikationsplan erhalten haben. Schließlich kann der Plan pro Patient auch mehrfach abgerechnet, eventuell sogar von verschiedenen Ärzten mehrfach ausgestellt worden sein. Zahlen für die ersten drei Quartale des laufenden Jahres liegen außerdem noch nicht vor. Rechnet man die 65.000 Abrechnungen auf ein Jahr hoch, ergeben sich etwa 250.000 ausgezahlte Vergütungen für den Medikationsplan. Schon im Mai 2016 hatte der AOK-Bundesverband allerdings bekanntgegeben, dass alleine im AOK-System etwa 7,5 Millionen Menschen Anspruch auf den Plan hätten. Vor diesem Hintergrund wirken die 250.000 Abrechnungen – auch wenn sie für Nicht-Chroniker erfolgten – recht überschaubar.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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