60 Jahre Contergan

Für die Opfer ist der Skandal noch nicht vorbei

Aachen - 26.09.2017, 10:00 Uhr

Für Betroffene ist der Skandal um Contergan noch lange nicht vorbei. (Foto: Harald Meyer-Kirk)

Für Betroffene ist der Skandal um Contergan noch lange nicht vorbei. (Foto: Harald Meyer-Kirk)


Der Contergan-Skandal erschütterte Deutschland und führte zur Schaffung des Arzneimittelgesetzes. 60 Jahre nach Markteinführung warten viele Opfer immer noch auf eine Entschuldigung – und haben neue Befürchtungen.

Sie bekommen höhere Renten, mehr Hilfsmittel, bessere medizinische Versorgung. Aber auch 60 Jahre nach Markteinführung des Missbildungen bei Embryos verursachenden Schlafmittels Contergan gibt es bei vielen Opfern noch Wut. „Es gibt sehr viele Contergangeschädigte, die bei dem Wort Grünenthal komplett zumachen, die von Grünenthal nichts sehen und nichts hören wollen, bis es eine Entschuldigung gibt“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigte, Georg Löwenhauser. „Es gibt bisher keine Entschuldigung für das Leid, das Grünenthal uns angetan hat.“

Entschuldigt hatte sich der Aachener Pharmakonzern 2012 nur dafür, nicht früher auf die Opfer zugegangen zu sein. Internationale Opferverbände hatten das als wertlos und sogar beleidigend bezeichnet. Erst vor gut einem Jahr hat sich die frühere nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens stellvertretend für ihr Bundesland an die Betroffenen gewandt und gesagt, dass die Behörden mutiger, hartnäckiger und schneller hätten handeln müssen. „Dass das Land das nicht getan hat, dafür möchte ich mich bei den Opfern, Eltern und den Betroffenen entschuldigen“, erklärte sie.

Es gibt aber auch Menschen wie Löwenhauser, dem nach eigener Aussage gar nicht mehr so viel an einer Entschuldigung liegt – zumal die Eltern vieler Betroffener schon gestorben sind. „Die Vergangenheit werden wir nie mehr ändern können. Mir wäre wichtiger, dass wir die Zukunft gestalten“, sagt der Vorsitzende des bundesweit größten Opferverbandes. Bei dem emotionsbeladenen Thema Entschuldigung seien die Betroffenen nicht einig.

Mit der Markteinführung des Schlafmittels Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid durch Grünenthal am 1. Oktober 1957 begann der größte Medikamenten-Skandal der Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Ende der 1950er-Jahre kam es zu einer zunächst unerklärlichen Häufung von Missbildungen Neugeborener. Selbst als immer mehr Fachleute vor einem Zusammenhang mit Thalidomid warnten, wurde das Mittel noch monatelang weiter vertrieben. Erst im November 1961 wurde es von Grünenthal vom Markt genommen. 



dpa / DAZ.online
redaktion@daz.online


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