Therapie bei aggressivem Hautkrebs

Neuer Checkpoint-Inhibitor Avelumab erhält EU-Zulassung

Darmstadt / Stuttgart - 21.09.2017, 17:00 Uhr

Avelumab bei metastasiertem Merkelzellkarzinom: Der neue Checkpoint-Inhibitor hemmt PD-L1. (Foto: Pfizer)

Avelumab bei metastasiertem Merkelzellkarzinom: Der neue Checkpoint-Inhibitor hemmt PD-L1. (Foto: Pfizer)


Als Orphan Drug indiziert beim seltenen, aggressiven Merkelzellkarzinom, hat der neue Checkpoint-Inhibitor Avelumab aus der Forschungs-Pipeline von Merck und Pfizer die Hürden der EU-Zulassung genommen. Avelumab – Bavencio®– ist bereits Nummer vier bei den Checkpoint-Inhibitoren und folgt Nivolumab, Ipilimumab und Pembrolizumab im Wirkprinzip der onkologischen Immuntherapie.   

Die EU-Kommission hat einen neuen Checkpoint-Inhibitor zugelassen: Avelumab mit dem Handelsnamen Bavencio® ist indiziert zur Monotherapie des metastasierten Merkelzellkarzinoms, einer seltenen und äußerst aggressiven Form des Hautkrebses. 400 Menschen erkranken jährlich an diesem besonders aggressiven Tumor, der zwar häufig operativ entfernt werden kann, jedoch bei rund der Hälfte der Patienten rezidiviert. Die Behandlung des metastasierten Merkelzellkarzinoms zielt nicht auf Heilung ab, sondern erfolgt rein palliativ. Das Merkelzellkarzinom zählt zu den „Orphan Diseases“. Derzeit existiert „keine belastbare pharmakotherapeutische Option“, so erklärte Professor Manfred Schubert-Zsilavecz beim diesjährigen Pharmacon in Meran die Behandlung der seltenen malignen Erkrankung. 

Was ist ein Merkelzell-Karzinom?

Violett-blaue und kugelige Tumoren kennzeichnen das Merkelzell-Karzinom. Es ist eine besonders aggressive Form des Hautkrebses, der dreimal häufiger zum Tod führt als ein Melanom. Er entwickelt sich in den sogenannten Merkelzellkörpchen, die in der Haut als Drucksensoren fungieren, meist in Hautarealen, die verstärkt Sonnen-exponiert sind (Kopf, Nacken, Arme). An der Pathogenese vermutlich ebenfalls beteiligt ist ein Virus, das Merkelzell-Polyomavirus. Die maligne Erkrankung ist selten, jährlich erkranken in der Bundesrepublik rund 400 Menschen. Häufig kann der Tumor operativ entfernt werden, allerdings tritt bei 50 Prozent der Erkrankten ein Rezidiv auf, was die Behandlung erschwert. Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt weniger als 20 Prozent.

Avelumab: Orphan-Drug-Status schafft schnellere Zulassung

Das Fehlen therapeutischer Alternativen lieferte Pfizer und Merck, den forschenden Pharmaunternehmen hinter Bavencio®, den Grund, für Avelumab die Zulassung als Orphan Drug zu beantragen. Dies ermöglicht den Pharmaunternehmen einen erleichterten Marktzugang und verschafft Patienten somit einen rascheren Zugang zum Arzneimittel. Bereits im März dieses Jahres hatte die FDA durch ein beschleunigtes Zulassungsverfahren Avelumab als Therapieoption bei Merkelzell- und Urothelkarzinom eingeführt, am 5. September 2017 folgte als erstes europäisches Land die Schweiz. Nun erweitert sich – durch die Zulassung der Europäischen Kommission – der Einsatzmarkt für Bavencio® schlagartig dramatisch: 28 EU-Mitgliedstaaten, Island, Liechtenstein und Norwegen.

Wie wirkt Avelumab?

Avelumab zählt zu den Checkpoint-Inhibitoren. Checkpoints stellen wichtige Schlüsselpunkte bei der Aktivierung des körpereigenen Immunsystems dar. Therapeutisch sinnvoll genutzt werden kann ein solches Pushen der endogenen Abwehr, um Tumore zu bekämpfen. Avelumab hemmt als humaner Antikörper einen von Tumorzellen sezernierten Liganden, PD-L1 (Programmed Death Ligand 1). Um ihr Wachstum zu sichern, haben Tumorzellen Mechanismen entwickelt, der körpereigenen Abwehr zu entkommen. PD-L1 ist ein solcher Schutzmechanismus der Tumorzelle. Dieser bindet an den entsprechenden Rezeptor PD-R auf der Oberfläche von zytotoxischen T-Zellen und inaktiviert diese. Die Tumorzelle verhindert so, durch dir zytotoxische T-Zelle zerstört zu werden. Was macht nun Avelumab? Der humane Antikörper hemmt den von der Tumorzelle produzierten PD-L1 und sichert der T-Zelle ihre zytotoxische Funktion.

Das Prinzip der Checkpoint-Beeinflussung realisieren bereits die drei zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren Nivolumab (Opdivo®), Ipilimumab (Yervoy®) und Pembrolizumab (Keytruda®). Neu bei Avelumab ist jedoch der Angriffspunkt: Avelumab reguliert den Checkpoint auf einer früheren Ebene als Nivolumab und Pembrolizumab und neutralisiert bereits den von der Tumorzelle sezernierten Liganden PD-L1. Nivolumab und Pembrolizumab werden erst auf Rezeptorebene der T-Zelle aktiv. Sie sichern deren zytotoxische Funktion, indem sie den PD-1-Rezeptor auf deren Oberfläche für PD-L1 blockieren. Ipilimumab interagiert mit dem Oberflächenprotein CTLA4 (Cytotoxisches T-Lymphozyten-Antigen-4) ebenfalls auf der T-Zelle.

Pfizer und Merck planen weitere Zulassungsgebiete für Bavencio

Die Zulassung von Avelumab bei der FDA und der Europäischen Kommission beim seltenen Merkelzellkarzinom war wohl erst der Anfang des onkologischen Einsatzgebietes von Bravencio. In den USA dürfen Onkologen den Checkpoint-Inhibitor bereits beim metastasierten Urothelkarzinom einsetzen. Im klinischen Programm laufen derzeit Studien mit mehr als 6300 Patienten, die die Wirksamkeit von Avelumab bei Brustkrebs, Magenkrebs, Speiseröhrenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren, Hodgkin Lymphom, Melanome, Tumoren des Mesothels, nicht-kleinzelliges Bronchialkarzinom, Eierstockkrebs, Nierenzellkarzinom und Harnwegskarzinome untersuchen.


Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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