Arzneimittelkommission

Gewichtszunahme bei Kindern unter Loratadin und Desloratadin

Stuttgart - 19.09.2017, 14:30 Uhr

Heuschnupfen und Gewichtszunahme? Laut AMK besteht bei den H1-Rezeptoren Loratadin und Desloratadin die Möglichkeit der Gewichtszunahme bei Kindern. (Foto: dpa)

Heuschnupfen und Gewichtszunahme? Laut AMK besteht bei den H1-Rezeptoren Loratadin und Desloratadin die Möglichkeit der Gewichtszunahme bei Kindern. (Foto: dpa)


Begünstigt eine Therapie mit den Anthistaminika Loratadin und Desloratadin bei Kindern eine Gewichtszunahme? Eine Analyse, die auf der globalen Spontanberichtsdatenbank der WHO basiert, stützt einen möglichen Zusammenhang. Das teilt die Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker mit. Dieser liegt auch ein Fallbericht aus einer Apotheke vor, der ebenfalls in die Analyse mit einfloss.

Sechsmal im Jahr veröffentlicht die WHO ihren Pharmaceutical Newsletter. In der letzten Ausgabe, Nummer vier in diesem Jahr, geht es unter anderem um Gewichtszunahme bei Kindern, die aufgrund einer Allergie mit Loratadin oder dessen aktiven Metaboliten Desloratadin behandelt werden. Laut einer Analyse der globalen Spontanberichtsdatenbank der WHO, VigiBase, lagen bis zum November 2016 44 Fälle von Gewichtszunahme unter Loratadin sowie 115 Fälle unter Desloratadin vor. Davon traten jeweils elf bei pädiatrischen Patienten, also Kindern unter zwölf Jahren, auf. Für Desloratadin ist dieser Zusammenhang im Gegensatz zu Loratadin sogar statistisch signifikant. In den Augen der WHO stützt diese Analyse dennoch grundsätzlich eine mögliche Korrelation zwischen einer Gewichtszunahme und der Anwendung bei Kindern – und zwar für beide Wirkstoffe.

Auch die AMK, die darüber in ihren Mitteilungen informiert, weist in diesem Zusammenhang auf einen Fall hin, der ihr von einer Apotheke gemeldet wurde. In die WHO-Analyse floss dieser mit ein. Konkret geht es um einen 7-jährigen Jungen, der aufgrund einer starken Hausstaubmilbenallergie mit Desloratadin behandelt wurde. Er erhielt einmal täglich 2,5 mg in Form einer Desloratadin-haltigen Lösung. Es kam zu „schlagartiger Steigerung des Appetits mit einhergehender Gewichtszunahme“ – und zwar unabhängig vom jeweils verwendeten Produkt. Nach einer kurzen Pause normalisierte sich alles wieder. Bei erneuter Einnahme des H1-Antihistaminikums der zweiten Generation traten die Probleme wieder auf. Weitere Arzneimittel nahm er offenbar nicht ein. Laut Dokumentation der Eltern nahm der Junge innerhalb von etwa zwei Monaten 4,5 kg zu. Mittels Diät konnte das Gewicht im Laufe von drei Monaten um 2,5 kg gesenkt werden. Während dieser Zeit konnte die Desloratadin-haltige Medikation symptombedingt nicht pausiert werden.

H1-Rezeptoren regulieren den Energiestoffwechsel

Was steckt dahinter? Loratadin und dessen Metabolit Desloratadin sind Antagonisten an peripheren H1-Rezeptoren. Im Gegensatz zu den Wirkstoffen der ersten Generation zeichnen sie sich durch eine deutlich geringere sedierende Wirkung aus. H1- Rezeptoren regulieren jedoch ebenso wie H3-Rezeptoren und neuronales Histamin unter anderem den Energiestoffwechsel. Daher scheint eine Gewichtszunahme aufgrund einer H1-Rezeptor-Blockade plausibel. Allerdings sollten Antihistaminika der zweiten Generation, zu denen die beiden fraglichen Wirkstoffe zählen, aufgrund ihrer geringen ZNS-Gängigkeit und bereits erwähnten Selektivität für periphere H1-Rezeptoren jedoch weniger zentrale Effekte aufweisen.

Wirft man einen Blick in die Fachinfo, findet sich bei Loratadin ein Hinweis auf gelegentliche Appetitsteigerung (0,5 Prozent), nicht aber auf Gewichtszunahme. Bei Desloratadin findet sich in der deutschen Fachinfo gar kein Hinweis in diese Richtung. In anderen Ländern ist das anders. Bei Cetirizin hingegen, einem weiteren Antihistaminikum der zweiten Generation, steht in den Nebenwirkungen explizit Gewichtszunahme. Sie tritt „selten“ auf.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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