Die letzte Woche 

Mein liebes Tagebuch

17.09.2017, 08:00 Uhr

Das war das Hochamt der Apotheker, der Deutsche Apothekertag. Und es waren alle Facetten dabei: Erhabenes und Schräges, Traditionelles und Fortschrittliches. Was draus wird? Mehr in einem Jahr.

Das war das Hochamt der Apotheker, der Deutsche Apothekertag. Und es waren alle Facetten dabei: Erhabenes und Schräges, Traditionelles und Fortschrittliches. Was draus wird? Mehr in einem Jahr.


Heute gibt’s Apothekertag! Gröhe war da, stand auf Apothekers Seite und verpasste den Kassen und den Sozis eine Abfuhr. Dann der ABDA-Präsident: emotional, menschlich nah, „das können nur wir“. Welch ein Auftakt! Es folgten EU-Betrachtungen: kritisch, aber alternativlos – wir brauchen Argumente! Und der Wille des Apothekertags: Rx-Versandverbot, Kampf gegen Lieferengpässe, mehr Apotheker und mehr Digitales, aber bitte mit Vorsicht. Ach ja, die Botschaft der Pressekonferenz: Die Stimmung der Apotheker ist im Keller. 

Mal gleich vorweg: Ruhig war’s in Düsseldorf. Den Riesen-Knaller, die Mega-Überraschung gab’s nicht. War auch nicht zu erwarten. Allenfalls Geplänkel am Rand. Auch keine überraschend neuen Kracher-Ideen. Aber dafür sind die Funktionärs-Apothekers auch nicht bekannt. Sie sind eher bewahrend und für gemächliche Weiterentwicklung. Und dennoch, es gibt das eine oder andere Statement, die eine oder andere Willensbekundung in Form eines Antrags, die mutig zeigt, wo’s lang gehen könnte. Mein liebes Tagebuch, wir schauen uns die drei, vier Tage mal in Kurzform an und versuchen, das Wichtigste zu notieren. 

12. September 2017

Um die Öffentlichkeit auf dem Apothekertag aufmerksam zu machen und auf das, was die Apotheker umtreibt, gab’s traditionell vorab eine Pressekonferenz. Die ABDA lud die Journalisten in diesem Jahr ins Katholische Stadthaus von Düsseldorf ein, ein ehemaliges Franziskanerkloster mit Klosterhof, heute das Zentrum der katholischen Kirche in Düsseldorf. Warum man ausgerechnet diesen Ort für die Apothekertags-Pressekonferenz gewählt hatte, wurde nicht kommuniziert. Vielleicht, weil die ABDA in den letzten Jahren mehr und mehr den göttlichen dreifaltigen Beistand sucht und braucht? Auch das ABDA-Sommerfest findet bekanntlich seit einigen Jahren in einer (ehemaligen) Kirche statt. Oder war das Stadthaus einfach nur günstig zu mieten, günstiger als Hotel-Meetingräume? (Wir bauen in Berlin!) Oder suchte man bewusst eine zum Thema passende Kulisse: Auf dem Podium über dem Präsidenten Schmidt und seinem Vize Arnold der leidende Jesus am Kreuz und darüber der Heilige Geist – vielleicht sollte das die Botschaft an die Journalisten unterstreichen: Nur noch die können uns Apothekers helfen. Denn die Stimmung bei den Apothekern ist im Keller, ganz tief unten – sagt der aktuelle Apothekenklima-Index, den die ABDA zum Thema der Pressekonferenz machte. Das EuGH-Urteil hat uns in eine tiefe Depression gestürzt, wir investieren kaum noch, stellen kaum noch Personal ein, bilden immer weniger aus. Ohne ein Rx-Versandverbot geht alles den Bach runter – das war die Botschaft. Auf Fotos aber strahlten der Präsident und sein Vize. Wissen sie mehr? Ist vielleicht alles doch nicht so schlimm und alles nur Jammern auf hohem Niveau? Klar, jedes Jahr schließen 200 Apotheken, aber größere und große Apotheken wachsen zum Teil ordentlich. Und dennoch: Laut Klimaindex ist die Stimmung miserabel. Mein liebes Tagebuch, da darf man sich nicht wundern, wenn unser Nachwuchs lieber in die Industrie geht als in die Offizin. Und wenn es schon so schlecht ist, was tut die ABDA, um das apothekerliche Befinden zu verbessern? Sie kämpft – für ein Rx-Versandverbot; sie will außerdem den Leistungskatalog (Prävention, Medikationsmanagement) ausweiten, eine Anpassungsroutine für unser Honorarsystem durchsetzen und an der Freiberuflichkeit festhalten. Mein liebes Tagebuch, im Wesentlichen das, was sie schon seit Jahren tut. In nomine patris…

13. September 2017 

Die Eröffnung der Expopharm am Morgen: Nach den schrägen Klängen des ABDA-Jingle mit den Tönen a-b-d-a verkündete eine Stimme aus dem Off: Herzlich willkommen zu den wichtigsten Tagen des Jahres… willkommen zu Hause.“ Mein liebes Tagebuch, Humor hat sie, die ABDA-Tochter Avoxa, oder? Dann Fritz Becker, Chef des Deutschen Apothekerverbands, mit seiner Eröffnungsrede. Wie zu erwarten: Scharfe Kritik am EuGH-Urteil, wir brauchen das Rx-Versandverbot. Mein liebes Tagebuch, haben wir eigentlich andere Ideen, falls das nicht kommt? Funkstille. Aber da gibt es noch andere Forderungen: Einbinden der Apotheker in die Bestimmung des Impfstatus und Impfaufklärung, neue Preise für die Zyto-Hilfstaxe plus 3%-Handling-Fee plus 8,35 Euro Beratungshonorar, außerdem Abgabegebühr für Cannabis. Ja, und dann haben wir noch die Dauerbrenner: Anpassungsmechanismus für unser Fixhonorar, Honorar von den Kassen für pharmazeutische Dienstleistungen, Maßnahmen gegen Lieferengpässe, die, wie Becker in diesem Jahr zugab, sich mehr und mehr zu Versorgungsengpässen entwickeln. Außerdem gibt es noch Probleme beim Entlassmanagement: Entlassrezepte für Hilfsmittel haben eine Gültigkeit von sieben Tagen, für Arzneimittel nur drei Tage – warum? Das wissen die Götter, ist halt so. Ein Unding! Und Apotheker dürfen auf Entlassrezepten nichts korrigieren oder ändern, das dürfen nur die Klinikärzte. Hat ein Arzt etwas vergessen oder falsch ausgestellt, was ab und an durchaus vorkommen kann, muss der Patient mit dem Rezept zurück in die Klinik, um das ändern zu lassen. Mein liebes Tagebuch, eine Schikane für den Patienten und ein Affront für den Apotheker. 


Grußworte vom Großhandel und Pharma. Thomas Trümper, Chef des Großhandelsverband Phagro, brachte es auf den Punkt: „Es gibt keine vernünftige Alternative zur Apotheke vor Ort.“ Und Jörg Wieczorek vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH): Kaufmännisch handeln und heilberuflich denken, das sollten die Apotheker tun. Und schön bei Selbstmedikationsarzneimitteln beraten. Der BAH wird auch weiterhin die inhabergeführte Vor-Ort-Apotheke unterstützen. Und bei Securpharm ist sich Pharma einig, wie auch der Vize des Verbands der forschenden Industrie Frank Schöning sagte: Das Thema Arzneimittelfälschungen hat an Dynamik zugenommen. Das Projekt Securpharm muss rasch auf die Zielgerade gebracht werden. Wolfgang Späth vom Generikaverband sorgt sich um die Lieferengpässe. Die Politik habe keinen Mut für Maßnahmen dagegen, aber von selbst löse sich das Problem nicht. Späth möchte eine Mehrfachvergabe bei Rabattverträgen und ein Verbot von Ausschreibungen für versorgungskritische Arzneimittel. Das wäre ein Ansatz, mein liebes Tagebuch, indes mir fehlt der Glaube, dass Krankenkassen da mitmachen. 


Und dann ein Höhepunkt beim Hochamt des Apothekertags: die Rede des ABDA-Präsidenten, der Lagebericht. Friedemann Schmidt zog in diesem Jahr die Emotio-Karte: „Das können nur wir“ rief er der Hauptversammlung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker zu, was wohl so ähnlich klingt wie „Wir schaffen das“. Was er meinte: Es gibt keine ernsthafte Alternative für die persönliche Begegnung mit dem Patienten, das kann nur der persönliche Kontakt zwischen dem Apotheker und seinen Kunden. Das Ziel für jeden Apotheker sollte sein: „Beständiges, verantwortliches, glaubwürdiges Handeln bei der Gestaltung einer modernen, sicheren, vor allem aber menschlichen Gesundheitsversorgung – das können keine Chatbots, das können keine Avatare, das können nur Menschen, das können nur wir.“ Ja, mein liebes Tagebuch, wunderschöne Worte, wohl gesetzt. Und dafür gab’s dann auch langen Beifall. Ach ja, reden, das kann er. Was der Präsident noch sagte: Die Schlappe beim Medikationsplan drehte er um in ein Zum-Glück-sind-wir-nicht-daran-beteiligt, denn das zeigt: Ist der Apotheker nicht dabei, wird’s eh kein Erfolg. Also, Medikationsplan nur mit Apotheker oder gar nicht. Beifall. Viel Beifall. Und Geld muss es auch dafür geben. Apropos Geld. Wir wollen, so Schmidt, eine Neuordnung der apothekerlichen Vergütungssystematik, aber „wir wollen eine Verbesserung für alle und keineswegs eine Verbesserung für die einen zu Lasten der anderen“ – wie auch immer er sich das vorstellt. Mein liebes Tagebuch, man kann gespannt sein, was das Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums zu unserem Honorar sagen wird, das übrigens für Ende November angekündigt ist. Dann kritisierte Schmidt noch die Liefer-/Versorgungsengpässe („so kann es nicht weitergehen“) und wünschte sich u. a. wieder mehr Pharmaproduktion in Europa und weniger Arzneimittelexporte von Apotheken. Es folgte ein kleiner Seitenhieb auf den FDP-Lindner, der die Digitalisierung über alles stellen will. Schmidt will lieber erstmal über Digitalisierung nachdenken, denn die Apotheker betrachteten den Prozess des digitalen Wandels eher mit einer seltsamen Mischung aus Euphorie und Angst. Mein liebes Tagebuch, Nachdenken ist sicher nicht verkehrt, allerdings sind Bits und Bytes wahnsinnig schnell, viel Zeit zum Nachdenken bleibt da nicht. Alles in allem gab’s wieder langen Beifall für den Präsidenten. Wie gesagt, reden kann er. 


Er war da und mit bester Laune: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Er weiß um den Wert der Apotheke vor Ort: „Das rote ‚A‘ ist der erste rote Anker für die Menschen, die Apotheken sind bei Gesundheitsfragen oft der erste Ansprechpartner.“ Das Fremdbesitzverbot bleibt. Dann Gröhes Angriff auf die Krankenkassen: Mehr Qualität kostet mehr Geld, das sollten auch die Kassen verinnerlichen. Was ihm auch sauer aufstoße: Dass die Kassen trotz eines beschlossenen Gesetzes die exklusiven Zyto-Verträge zwischen Kassen und Apothekern noch einmal neu ausgeschrieben haben: „Ich kann ihnen sagen: Dieser Vorgang bleibt unvergessen“! Und dann eine Attacke gegen die SPD: Gröhe kritisierte, dass sich damals SPD-Wirtschaftsminister Gabriel für die 15.000 Beschäftigten von Kaisers Tengelmann eingesetzt hatte, aber beim Rx-Versandverbot nicht für die 150.000 Apothekenbeschäftigten. Gröhe: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich den Sozis noch einmal erklären muss, dass Preiswettkampf in der Versorgung nicht geht und dass das Sachleistungsprinzip und die Schnäppchenjagd nicht zusammenpassen.“ Für eventuelle Koalitionsverhandlungen werde das Versandverbot „ein sehr, sehr wichtiger Punkt“ sein, versprach der Gesundheitsminister. Mein liebes Tagebuch, ein „Apothekenminister“, wie ihn einige Medien titulierten, wird Gröhe deswegen noch lange nicht. Denn beim Thema  Medikationsplan, den es bald auch „endlich elektronisch“ geben werde, erklärte der Minister nur, dass er die Apothekerrolle stärken wolle – von einer Honorierung sagte er nichts. Trotzdem, einen langen Beifall der Apotheker konnte Gröhe mit nach Hause nehmen. 


Harmonie pur bot die politische Diskussion. Kein Wunder, CDU und Die Linke  sind sich beim Rx-Versandverbot einig wie Pech und Schwefel. SPD und Grüne waren nicht gekommen und der Rest erst gar nicht eingeladen. Maria Michalk (CDU) und Kathrin Vogler (Linke) beschworen, sich weiterhin fürs Rx-Versandverbot einzusetzen. Andreas Kiefer, der Präsident der Bundesapothekerkammer, und Cynthia Milz, die Angestelltenvertreterin im geschäftsführenden ABDA-Vorstand, konnten nur danken, dass man zu den Apotheken halte, und inniglich darum bitten, sich auch nach der Wahl fürs Versandverbot einzusetzen. Einigkeit bei allen auch zur Honorierung der Apotheker: Darüber muss nach der Wahl ernsthaft gesprochen werden. Und ja, so Kiefer, auch über Gestaltungsmöglichkeiten z. B. bei der Vergütung pharmazeutischer Dienstleistungen. 


Und zum Abschluss des Tages: der Bericht des Hauptgeschäftsführers Sebastian Schmitz, den er mit „Nachhaltigem“ spickte. Aber zunächst stellte er eine Experimentierlust in der Gesundheitspolitik fest. Nämlich: Der EuGH wolle ausprobieren, ob die flächendeckende Versorgung ohne Rx-Preisbindung funktioniere, in Hüffenhardt wollten die Aufsichtsbehörden wohl probieren, ob es auch mit weniger Durchsetzungshärte gegen DocMorris geht, das Parlament probiert, ob sich negative Auswirkungen des Versandhandels auch später noch reparieren lassen, und Krankenkassen versuchten gegen den Willen des Gesetzgebers Selektivverträge bei Zytos fortzusetzen. Das könne zu Unfällen führen, meinte Schmitz. Die ABDA-Arbeit sei dagegen nachhaltig. Beispiele gefällig? Aber klar: Rx-Versandverbot, Perspektivpapier, Ausbildung der Apotheker (ein jahrelanger Prozess, deshalb erst mal die Spielräume der heutigen Ausbildungsordnung nutzen). Und, fast hätten wir’s vergessen, mein liebes Tagebuch, die Kommunikation, die, so Schmitz, auch nachhaltig sein müsse: Wiederholung von Argumenten, neue Kommunikationswege, eine neue Kampagnenlinie und der neue ABDA-Newsroom. Auch ein Beispiel gefällig: Nach dem EuGH-Urteil war die ABDA nach nur zwei Stunden „mit Pressestatements draußen“. Ui, mein liebes Tagebuch, super. Und was war nach Hüffenhardt oder bei eklatanten Versorgungsengpässen?
One more thing: Nachhaltigkeit kann man auch in Beton, Stahl und Mauerwerk gießen! Das ABDA-Haus in Berlin „wächst und gedeiht“, so Schmitz. In der übernächsten Woche ist schon Grundsteinlegung und dann „wird das Gebäude weiter in die Höhe wachsen“. Schmitz ist überzeugt, dass „wir auch hier eine gute Investition in die Zukunft tätigen“. Ach, mein liebes Tagebuch, könnte das doch auch so manche kleine Apotheke auf dem Land sagen, die heute ums Überleben kämpft.


Am Abend: Der ABDA-Medienpreis wurde verliehen. Wieder konnten tolle Arbeiten von Journalisten aus Presse Fernsehen und Hörfunk ausgezeichnet werden. Und es gab einen Sonderpreis, selbstverständlich ohne Honorar: Der Wort&Bild-Verlag wurde für seinen Videoclip „Danke – Apotheke“ ausgezeichnet. Mein liebes Tagebuch, Respekt! Auch dafür, dass die ABDA bzw. Avoxa hier über den eigenen Schatten gesprungen sind und einen Konkurrenten ehrten. Das zeugt von Größe. Was übrigens nicht jeder Kammer gefiel. Hallo, nicht aufregen, sondern locker bleiben: Das Video tut den Apotheken gut. Und was gut ist, hat einen Preis verdient, auch wenn’s vom Mitbewerber ist.  

14. September 2017 

Gut gemeint war das Europaforum, auf das der Apothekertag einen Fokus legte: Professor Klaus Rennert, Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, Michael Jung vom Geschäftsbereich Recht der ABDA und der ARD-Journalist Rolf Dieter Krause warfen einen Blick auf Europa und seine Gesundheitspolitik, was war, was ist, was wird. Dazu eine Diskussionsrunde, die gelinde gesagt verzichtbar gewesen wäre. Ja, mein liebes Tagebuch, gut gemeint, aber insgesamt drei Stunden für Europa-Plaudereien – das war nicht vergnügungssteuerpflichtig. Weniger wäre mehr gewesen. Immerhin, was überkam: Die Vorträge zeigten, was uns blühen kann, wenn es uns nicht gelingt, stärker in Brüssel Einfluss zunehmen. Rennert machte klar: An der „Kathedrale Europa“ müsse man weiter bauen. Das entscheidende Instrument in Brüssel sei das Argument. Mit guten Argumenten kann man was erreichen – das werden wir uns bei der anstehenden Dienstleistungsrichtlinie, die Europa zurzeit in Gesetzesform gießt, wohl zu Herzen nehmen müssen. Jung erklärte, warum es wichtig ist, dass die Heilberufe aus der Dienstleistungsrichtlinie ausgeschlossen werden müssen:  Brüssel könnte damit in unsere nationalstaatlichen Regelungen des Berufsrechts hineinregieren. Tja, und dann gibt es noch die Währungsunion und den Euro – in den Augen des Journalisten Krause keine Erfolgsstory, aber einen Ausstieg aus dem Euro könne  man sich nicht leisten. Unterm Strich: Die EU bringt uns Frieden und Prosperität, „das Schlachtfeld wurde durch den Verhandlungstisch ersetzt“. Mein liebes Tagebuch, auch der Apothekertag hat die Bedeutung von Brüssel erkannt – er hat sich dafür ausgesprochen, die ABDA-Präsenz zu stärken (sprich mehr Personal in Brüssel).   

14. und 15. September 2017 

Die Bearbeitung der Anträge, zentrales Element eines jeden Apothekertags, verlief durchwegs sachlich, konstruktiv. Die knapp 40 Anträge, dazu einige spontan eingebrachten Anträge, geben  der ABDA vor, was sich Kammern und Verbände wünschen, was zu tun ist, wo’s langgeht. Mein liebes Tagebuch, hier alle Anträge zu kommentieren, wäre zu viel für Deine Seiten. Ich hab mir mal einige herausgepickt, die ich besonders gut oder bemerkenswert finde. 


  • An erster Stelle und nur der Vollständigkeit halber: Wir wollen ein Rx-Versandverbot – da gab’s kein Zucken und kein Abweichen, das war der Antrag Nummer 1.
  • Interessanter Vorstoß von der LAK Rheinland-Pfalz: Um die wohnortnahe Arzneimittelversorgung durch Vor-Ort-Apotheken zu stärken, sollen Regelungen zu Rezeptsammelstellen, Botendienst, Zweig- und Notapotheken überprüft, bewertet und evtl. geändert werden. Angenommen. Mein liebes Tagebuch, endlich! Mit diesen „Elementen“ geht noch mehr. Versand, und schon gar nicht aus Holland, brauchen wir nicht. 
  • Ein kurzfristig eingebrachter Antrag möchte die Aufsichtsbehörden und Kammern auffordern, bei der Revision von Tätigkeiten in Labor und Rezeptur mehr Augenmaß zu wahren. Es sollen auch anderen seriöse Literaturquellen akzeptiert werden, außerdem sollen GMP-Regeln, die Apotheken nicht erfüllen können, nicht die Grundlage für die Herstellung patientenindividueller Rezepturen sein. Mein liebes Tagebuch, Augenmaß hat noch nie geschadet. Der Antrag wurde in den Ausschuss geschoben.
  • Um Lieferengpässe zu bekämpfen, fordert der Apothekertag ein „Rabattvertragssystem mit Augenmaß“, beim dem nicht nur der billigste Preis, sondern auch die Versorgungssicherheit eine Rolle spielen. Kann man fordern, mein liebes Tagebuch, allein mir fehlt der Glaube… 
  • Bei Parenteralia (nicht nur bei der Zytostatika-Herstellung)  sollte es möglich sein, dass sie auf Anforderung einer Apotheke von einer anderen Apotheke oder Krankenhausapotheke an diese abgegeben werden dürfen. 
  • Mehr Studienplätze im Fach Pharmazie fordert die LAK Baden-Württemberg. Auch gut! 
  • Und: Es sollte Anreize geben, dass Jungapprobierte in Landapotheken arbeiten, wünscht sich der rheinland-pfälzische Apothekerverband. Welche Anreize könnten das wohl sein, mein liebes Tagebuch? 
  • Schwierig tat sich der Apothekertag mit dem Wunsch der Studierenden, dass während des praktikumbegleitenden Unterrichts Pflicht-Erste-Hilfe-Kurse angeboten werden. Klar, solche Kurse wären auf jeden Fall wünschenswert. Allerdings: Die Kammern fühlen sich da überfordert für alle PhiPs die Kurse anzubieten. Der Antrag wurde nicht weiter behandelt. Und, mein liebes Tagebuch, wer als Heilberufler tätig sein will oder ist, sollte das doch auch in Eigenverantwortung absolvieren können. Oder noch besser: Keine Approbation ohne Erste-Hilfe-Kurs und später regelmäßige Auffrischungskurs – wie wär’s damit? 
  • Was auch gefordert wurde: Apotheker besser in den Medikationsplan einbeziehen und honorieren. 
  • Im Ausschuss landete der Antrag der AK Berlin, den Apotheker stärker beim Impfpass-Check und bei der Impfberatung einzubinden. Der Antrag sprach nämlich auch an, die Apothekerkompetenz bei der Durchführung von Auffrischungsimpfungen zu nutzen. Oh, oh, da möchte man (noch) nicht ran, mein liebes Tagebuch, das könnte wohl so verstanden werden, dass Apotheker impfen wollen. Und dann fordern die Ärzte das Dispensierrecht, fürchtet man. Impfende Apotheker in Deutschland, das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Wenn man an die damaligen Querelen ums Blutdruckmessen und Bestimmen von Blutparametern denkt…
  • Ein Super-Antrag der LAK Baden-Württemberg: In allen Krankenhäusern sollte es einen Apotheker auf Station geben, etwa einen Apotheker pro 100 Betten. Niedersachsen geht hier gerade voran und will dies einführen. Das sollte in ganz Deutschland so sein, mein liebes Tagebuch, der Patientensicherheit wegen. Außerdem würde das Druck auf die Politik ausüben:  Wir brauchen mehr Studienplätze! 
  • Und er war wieder dabei und wurde angenommen: Der Antrag, der den Gesetzgeber auffordert, die Abgabeverpflichtung für Importarzneimittel endlich abzuschaffen. Ob’s dieses Mal mehr nützt als beim letzten Mal? Schön wär’s. Die Importabgabeverpflichtung ist doch wirklich ein Anachronismus. Wir kaufen ohne Not den anderen Ländern die Arzneimittel weg, erzeugen dort womöglich Lieferengpässe und bei uns verursacht das nur Bürokratie und kaum Einsparungen. Also: weg damit. 
  • Mein liebes Tagebuch, der Apothekertag hat die Digitalisierung entdeckt: Ungewöhnlich viele Anträge (elf!) befassten sich im weitesten Sinne mit diesem Thema. Allerdings, und das zeigte sich in dem einen oder anderen Redebeitrag, waren nicht nur Insider und Nerds im Plenum. So manchem war nicht unbedingt klar, wie man sich dieses oder jenes digitale Element vorstellen muss. Da wären Einführungsvorträge zur digitalen Welt nicht schlecht gewesen. Peter Froese, Chef des Apothekerverbands Schleswig-Holstein, dürfte hier schon weiter sein. Er konnte so manches verdeutlichen. Zum Beispiel soll der Nutzwert von EDV-Systemen geprüft werden, die uns helfen, wissensgestützt Entscheidungen zu finden. Es geht dabei auch um Künstliche Intelligenz (KI), um deep learning, und die Angst, dass wir uns überflüssig machen könnten. Aber er konnte sogar Skeptiker überzeugen, der Antrag wurde angenommen. Fortschrittlich! 
  • Bleibt in der Diskussion: Eine ABDA-Datenbank-App. Die ABDA-Datenbank sollte auch auf Smartphone und Tablets zugänglich. Würde dem Apotheker unterwegs (im Heim, bei der Krankenhaus-Visite etc.) helfen. Da zieren sich die ABDA und ihre Töchter noch. Muss aber kommen! Wird im Ausschuss weiter diskutiert. 
  • Die deutschen Apotheker wollen endlich die elektronische Patientenakte, auf die Arzt und Apotheker zugreifen können, und das elektronische Patientenfach, wo der Patient seine Arzt- und Gesundheitsbefunde einsehen kann. Hört sich einfach an, ist aber komplex wegen unterschiedlicher Interessen der Beteiligten wie beispielsweise Gematik und Krankenkassen. Wunsch der Apotheker: Um die Patientenakte soll sich Gematik kümmern, da können auch Apotheker mitreden. Und um das Patientenfach die Krankenkassen, bevor es viele private Anbieter tun und ein Wildwuchs entsteht. 
  • Ein Wunsch der LAK Hessen war es, eine Plattform zu schaffen, über die es dem Arzt oder den Notdienstapotheken möglich wird, die Verfügbarkeit von Arzneimitteln in Notdienstapotheken in einem definierten Umkreis zu prüfen. Die Idee war schwierig zu vermitteln, mein liebes Tagebuch. Während manche Digital-Gegner meinten, ein Telefonanruf tut’s auch (ja klar, man kann anrufen, faxen, man kann auch noch einen reitenden Boten schicken) oder man könne doch im Notdienst so manches mit Augenmaß und auf dem kleinen Dienstweg regeln, fürchteten andere, da könnten Fremde ins eigene Warenlager gucken. Alles Missverständnisse, denn so war es nicht gemeint. Und bevor eine sinnvolle Idee, mit der man dem Patienten unnötige Wege erspart, ganz abgeschossen wird, verwies man den Antrag in einen Ausschuss. Es gibt also noch Chancen! 
  • Auch eine Forderung des Apothekertags: einen alltagstauglichen und professionellen Arzt- Apotheker-Kommunikationsdienst einrichten, eine Art WhatsApp für Apothekers und Doktors. Ja, bitte, endlich! Und wenn wir schon dabei sind: bitte auch eine Schnittstelle, um Daten (Retaxdaten!) zwischen Apotheke und Apothekerverband auszutauschen. Die beiden Anträge des AV Schleswig-Holstein wurden angenommen. 


Aus Schmidts Schlussworten: Die Digitalisierung mache ihm schon Sorgen, vor allem der Konflikt zwischen Chancen und Risiken. Immerhin, er will die Chancen nutzen, aber er ist auch den Zauderern dankbar, die zur Vorsicht mahnen. Mein liebes Tagebuch, natürlich, wir wollen uns durch die Digitalisierung nicht selbst abschaffen und es gibt nichts Besseres als das persönliche Gespräch zwischen Apotheker und Patient. Aber bei aller apothekerlicher Vorsicht: Ein bisserl schneller könnten wir beim Digitalen schon unterwegs sein. Freilich, es bleibt eine Gratwanderung. 


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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3 Kommentare

ABDA Medienpreis-Schelte aus WL

von Dr Christoph Klotz am 18.09.2017 um 12:24 Uhr



Lieber Kollege Ditzel, na Sie haben beim Schreiben ja noch eine wohlwollende Brille aufgehabt. Der DAT war eine Geduldsübung, sich nicht zu langweilen. Man hätte ihn ersatzlos streichen können, da auch schon die Anträge, Giese hat es in der DAZ bereits formuliert, bescheiden waren.
Warum haben Sie sich nicht getraut, zu erwähnen, dass ausgerechnet die Delegierten des Kammerbezirks WL leider blind ihrer Kammerpräsidentin hinterher gedackelt sind, als der Sonderpreis vergeben wurde. Das zeigt, wie viel Lieschen Müller in Overwiening steckt und wie leicht sich die Delegierten von ihr manipulieren lassen. Wenigstens die Vertreter der anderen Listen hätten sitzen bleiben sollen. Soll sich die Gemeinschaftsliste doch alleine blamieren. Befremdlich ist das deswegen, weil die Kammer WL mit stolzgeschwellter Brust sich gerne in der Rolle des Vorreiters sieht und entsprechend selbstgerecht auftritt.
Einen Punk hätte ich gerne noch herausgearbeitet: Die Industrie, formuliert durch ihren Vertreter, hat es so gesehen: Der Apotheker sollte kaufmännisch handel und heilberuflich denken. Oder anders formuliert: ein finanziell unterernährter Apotheker ist heilberuflich kein guter Apotheker.
Das PP2030 versucht uns das nicht genau das Gegenteil zu vermitteln?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Stimmung im Keller?

von Nachdenker am 17.09.2017 um 21:31 Uhr

Ach liebes Tagebuch, Du berichtest von mieser Stimmung, von Träumen wie Medikationsmanagement, höheren Honoraren, Einbinden der Apotheker in Krankenhäuser, Entlassmanagement etc. Wie wäre es, wenn einige Apotheker zunächst ihre Hausaufgaben machten? Da werden Rezepturen mit ungeprüften Substanzen hergestellt, in so manchem Labor stehen Monate alte Substanzen - ungeprüft - aber es werden Rezepturen angefertigt... Aber um Rezeptursubstanzen zu prüfen, benötigt man gewisse Chemikalen - aber die sind auch nicht da... sind die weggelaufen? Es gibt auch Rezeptursubstanzen, die sind schon verfallen. Ja und wenn die Apotheke mit 2 Menschen arbeitet, wo eigentlich 4 sein müßten, dann ist für die Rezeptur eh keine Zeit. Am Besten, man schickt die Menschen weg. Und, liebes Tagebuch, wenn da eine Frau kommt, ASS + C kaufen will und Du fragst nach der Einnahme von Antikoagulantien - dann antwortet Dir die Frau, sie nähme Xarelto - doch sie wäre noch niemals von einem Apotheker sowas gefragt worden. Und wenn dann noch eine junge Frau in der Apotheke sagt, dass sie eine Penicillin Allergie hat und trotzdem ohne Kommentar Cefurax ausgehändigt bekommt... ja dann sind wir wirklich noch nicht bereit für Digitalisierung und solchen Kram. Dann, liebes Tagebuch, sollten einige Apotheker ihre Hausaufgaben machen...

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Stimmung im Keller

von Heiko Barz am 18.09.2017 um 11:20 Uhr

Dass Sie, Herr Nachdenker, ein Pseudonym für diese - Ihre individuelle - Meinung benötigen, ist mehr als deutlich geworden.
Wie wäre es, wenn Sie Ihrem Pseudonym entsprächen, bevor Sie solch einen Artikel verbreiten.

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