May/Bauer/Dettling-Expertise jetzt als Buch

Gutachten: Gute Gründe fürs Rx-Versandverbot

Stuzttgart - 17.08.2017, 16:15 Uhr

Wo ist die nächste Apotheke? In kleineren Orten könnte sie bald ganz fehlen, zeigen Uwe May, Cosima Bauer und Heinz-Uwe Dettling in ihrem wettbewerbsökonomischen Gutachten auf.. (Foto: Sket)

Wo ist die nächste Apotheke? In kleineren Orten könnte sie bald ganz fehlen, zeigen Uwe May, Cosima Bauer und Heinz-Uwe Dettling in ihrem wettbewerbsökonomischen Gutachten auf.. (Foto: Sket)


Nicht nur  Kordula Schulz-Asche konnte es kaum erwarten, auch andere Gesundheitspolitiker waren gespannt. Jetzt ist das wettbewerbsökonomische und gesundheitspolitische Gutachten des Gesundheitsökonomen Professor Dr. Uwe May, der Politikwissenschaftlerin Cosima Bauer und des Juristen Dr. Heinz-Uwe Dettling unter dem Titel „Versandverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel – Wettbewerbsökonomische und gesundheitspolitische Begründetheit“ als Buch erschienen. 

Schon vor seinem Erscheinen führte das Gutachten, das von der Noweda und dem Deutschen Apotheker Verlag in Auftrag gegeben worden war,  zu regen Debatten. Beigetragen hatte dazu insbesondere ein Beitrag im Handelsblatt, in dem Peter Thelen, ein ausgewiesener Freund von Apothekenfremdbesitz und Versandhandel, einen Pressetext der grünen Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche aufgriff. Schon vor Fertigstellung der finalen Fassung des Gutachtens hatte Schulz-Asche auf ihrer Homepage zur Attacke gegen das Gutachten geblasen, ohne sich freilich mit den Kernaussagen der Expertise auseinanderzusetzen. Stattdessen nahm (und nimmt) die Grünen-Politikerin die Ausführungen von May/Bauer/Dettling zum Anlass, die klaffende Schere zwischen „armen“ und „reichen“ Apotheken zu thematisieren, sich über – ihr bislang wohl unbekannte – umsatzbezogene „Betriebsergebnisse von einzelnen Apothekengruppen“ zu echauffieren und für eine Umverteilungspolitik zwischen „großen“ und „kleinen“ Apotheken zu plädieren („Es ist genug Geld da“) – nicht ohne nebenbei die  gezielte Entlastung von Apotheken, die viele Rezepturen herstellen, „fast als Veruntreuung von Versichertengeldern“ zu bezeichnen. Offensichtlich passen Schulz-Asche, die den Rx-Versandhandel beharrlich befürwortet, die Ergebnisse der Expertise nicht so recht ins politische Konzept. Insbesondere auf ihrer Grünen-Facebook-Seite sieht sie sich deshalb inzwischen in mehr als 60 Kommentaren geharnischter Kritik ausgesetzt.  

Konkrete Daten zur Gefährdung von Solitär-Apotheken

Ausgangspunkt der Expertise von May/Bauer/Dettling ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 19. Oktober 2016. Darin hatten die Luxemburger Richter entschieden, dass für Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland das für deutsche Apotheken geltende Preisbindungsrecht gemäß Arzneimittelpreisverordnung nicht zur Anwendung kommt. In ihrem Gutachten belegen May/Bauer/Dettling jetzt erstmals detailliert, welche zum Teil dramatischen Auswirkungen die Verschiebung von Marktanteilen zugunsten von EU-Versandapotheken (und zulasten der hiesigen öffentlichen Apotheken) auf das engmaschige Apothekennetz in Deutschland haben wird. Konkret gefährdet ist durch die Verlagerung von Arzneimittelumsätzen in Richtung preisprivilegierter ausländischer Versandapotheken die Existenz von ca. 10 Prozent der öffentlichen Apotheken. Besonders schmerzlich ist dies für die Versorgungslage in kleineren Orten, in denen es im Umkreis von fünf Kilometern nur eine Apotheke gibt. Nach der Expertise sind davon über 1700 Orte mit „Solitär-Apotheken“ betroffen.  

Sackgasse „1-Euro-Deckel“

Schnell und wirkungsvoll kann dieser Entwicklung, so das Resümee des Gutachtens, nur mit einer Beschränkung des Versandhandels auf nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel entgegengewirkt werden. Europarechtliche oder verfassungsrechtliche Probleme bestehen bei einer solchen Regelung, die in den allermeisten EU-Ländern gilt, nicht. Kritisch setzt sich das Gutachten mit dem von den (Bundes-)Grünen favorisierten Weg eines „sanften Wettbewerbs“ nebst „1-Euro-Deckel“ auseinander. Auch eine solche Regelung hätte für viele Apotheken in Deutschland weitreichende existentielle Konsequenzen. Vor allem aber fragen die Gutachter:  Warum sollten sich ausländische Versandapotheken, denen vom EuGH gerade das Recht eingeräumt wurde, das deutsche Arzneimittelpreisrecht ignorieren zu können, an einen solchen „Deckel“ halten? 

Das Buch „May/Bauer/Dettling: Versandverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel – Wettbewerbsökonomische und gesundheitspolitische Begründetheit“ ist im Deutschen Apotheker Verlag erschienen und kann über jede Buchhandlung oder direkt über den Verlag bezogen werden. Weitere Informationen zum Gutachten auf der Homepage von DAZ.online oder unter www.apothekennetz.info.

May, Uwe / Bauer, Cosima / Dettling, Heinz-Uwe: Versandverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel Wettbewerbsökonomische und gesundheitspolitische ­Begründetheit.

Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart, 2017.

ISBN 978-3-7692-7038-9

130 S., kartoniert, 54 Euro

Einfach und schnell bestellen

Deutscher Apotheker Verlag, Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart
Tel. 0711 25 82 341, Fax: 0711 25 82 290
E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de
oder unter www.deutscher-apotheker-verlag.de


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Wettbewerbsökonomisches Gutachten von May/Bauer/Dettling

„Keine Alternative zum Rx-Versandverbot“

May/Bauer/Dettling-Gutachten zu „Boni-Deckel“-Vorschlag

„Mehr als 1.000 Orte auf dem Land verlieren ihre einzige Apotheke“

Interview mit Cosima Bauer und Professor Uwe May zum May / Bauer / Dettling-Gutachten

„Die Preisbindung ist nur mit dem Rx-Versandverbot zu erhalten“

Schulz-Asche (Grüne) sorgt mit Meinungsbeitrag für Diskussion

Man muss das Geld nur besser verteilen

Wettbewerbsökonomisches Gutachten sorgt weiter für Diskussionen

Noweda-Chef schreibt Schulz-Asche

Diskussion um Meinungsbeitrag

Rettet die kleine Apotheke!

Gutachten-Präsentation auf der INTERPHARM

Rx-Versandverbot bleibt brisantes Thema

6 Kommentare

Faktenresistenz

von Christian Rotta am 18.08.2017 um 16:47 Uhr

Hallo Herr Müller, der Veröffentlichung der finalen Fassung des Gutachtens ist im Bundestag eine öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses über Anträge der Fraktionen von Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen zum Arzneimittelversandhandel vorausgegangen, bei der auch Frau Schulz-Asche anwesend war. Bei dieser Anhörung wies der geladene Professor May u.a. auf die in Arbeit befindliche Expertise hin. Auch die DAZ berichtete darüber und sinnvollerweise haben Gutachter und Auftraggeber im Zuge der Debatte um ein Rx-Versandhandelsverbot auch intensive Gespräche mit Gesundheitspolitikern jedweder Couleur gesucht.
Der Inhalt des Gutachtens ist dem "Feind" also allenfalls in (vorläufigen) Teilen/Fragmenten in die Hände gefallen. Ärgerlich ist allerdings, dass Frau Schulz-Asche auch jetzt noch - nachdem das Gutachten insgesamt vorliegt - z.B. auf Facebook auf ihrer irrigen Auffassung beharrt, Nach wie vor behauptet sie, dass die Arzneimittelpreisbindung nichts mit der Frage der flächendeckenden Arzneimittelversorgung und der Aufrechterhaltung des bestehenden Apothekennetzes zu tun habe. So etwas nennt man wohl Fakten- und Expertenresistenz!
Im Übrigen: Niemand ist im Urlaub, alle sind bei der Arbeit! Nichts Mysteriöses - nirgendwo.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Warum nur?

von Dominik Müller am 18.08.2017 um 9:56 Uhr

Man sollte sich mal fragen,warum dem "Feind" dieses Gutachten schon vor der Veröffentlichung in Hände fällt. Auch noch dann,wenn sich die Verfasser zu fällig alle im Urlaub befinden und keinen Kommentar dazu abgeben können.
Mysteriös und mehr als ärgerlich.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Wichtige Nachweise

von G. Wagner am 17.08.2017 um 20:39 Uhr

Das Gutachten könnte eine Lücke schließen, falls es zu einem neuen Verfahren vor dem EuGH kommt. Insofern sind die Ausführungen sehr wichtig, auch weil der EuGH in seiner Entscheidung vom Oktober ja Belege und Nachweise dafür gefordert hatte, dass die Aufhebung der Preisbindung tatsächlich zu einer Gefährdung der flächendeckenden Arzneimittelversorgung führt. Wenn dieser Nachweis jetzt erbracht werden kann, ist vielleicht sogar eine Revision des EuGH-Urteils denkbar. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nicht aufgeben!

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

54 €

von Christian Becker am 17.08.2017 um 17:19 Uhr

Für ein Buch von 130 Seiten ist das ein ganz schön happiger Preis.
In dem Kontext, worum es geht (Unwirtschaftlichkeit von Apotheken, finanzielle Probleme nach dem Urteil), irgendwie witzig.

Wobei mein Favorit immer noch das oben beworbene Buch "Arzneimittelautomat Hüffenhardt" ist. :D

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Zu teuer?

von Christian Rotta am 17.08.2017 um 18:39 Uhr

Sehr geehrter Herr Becker,
nur mal so zum Vergleich: Die 18-seitige Sempora-Studie zum Rx-Apothekenversandhandel kostet, wenn Sie sie erwerben wollen, 1.500,- Euro. Da sind wir dann doch noch ziemlich weit von entfernt. Glauben Sie mir: Die Erstellung solcher Expertisen ist aufwendig - und leider landen Bücher dieser Art nur selten auf der Bestsellerliste. Auch wenn sich ihre Lektüre ohne Zweifel lohnt!

AW: 54

von Stefan Haydn am 21.08.2017 um 9:59 Uhr

Schon mal gesehen was die neue DIN ISO in Buchform kostet (knapp 60 Seiten)? Da wage ich mal zu behaupten, dass der Nutzen dieses Buches für die Apotheke wesentlich höher ist und der Preis geradezu ein Schnäppchen!

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.