Bild-Kritik

Glaeske bewertet „Wundermittel“ 

Stuttgart - 03.07.2017, 15:00 Uhr

In der Bild-Zeitung werden „Super-Arzneien“ bewertet. (Foto: Screenshot DAZ)

In der Bild-Zeitung werden „Super-Arzneien“ bewertet. (Foto: Screenshot DAZ)


„Arzneimittel-Experte“ Gerd Glaeske kommt wieder zu Wort. Diesmal bewertet er „Wundermittel in der Medizin“ in der Bild-Zeitung.  Wer dabei an dubiose Zaubersäfte oder Krebsmittel denkt, liegt allerdings falsch. Es geht um Klassiker der Arzneimitteltherapie, zum Beispiel Statine, ASS oder Cortison.  Die – wer hätte es gedacht – neben vielen nützlichen Wirkungen auch eine ganze Reihe schwerer Nebenwirkungen haben.

Sie seien die wahren Wundermittel der Medizin, Apotheker sprächen auch von „Dirty Drugs“, schreibt die Bild. Konkret geht es um Klassiker der Arzneimitteltherapie: ASS, Cortison, Statine, Betablocker sowie Sildenafil und Finasterid. Die Bild-Zeitung erklärt in ihrer Ausgabe vom heutigen Montag, was diese „Super-Arzneien mit schweren Nebenwirkungen“ wirklich taugen und wann man aufpassen muss. Welchen Experten man zurate gezogen hat, ist nicht schwer zu erraten: Gerd Glaeske gibt seine Einschätzung zu den Wirkstoffen.

In der Folge werden alle Wirkstoffe vorgestellt mit Wirkungen und Nebenwirkungen und dann von Glaeske kommentiert. Er äußert sich größtenteils oberflächlich, aber differenziert. So sagt er beispielsweise, dass unerwünschte Cortison-Wirkungen sehr abhängig von der Anwendungsform seien und Asthmasprays beispielsweise nur in sehr geringem Umfang Nebenwirkungen auslösten. Eine breite Anwendung von Statinen in der Primärprävention sieht er wegen der Nebenwirkungen kritisch. Die Einnahme richte sich nicht nur nach den Cholesterinwerten, sondern auch danach, ob das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht sei, so Glaeske.  

Dazu warnt er vor Sildenafil aus dem Internet und gibt praktische Hinweise. Zum Beispiel folgenden: „Männer, die Finasterid einnehmen, sollten beim Geschlechtsverkehr dringend ein Kondom benutzen, weil der Wirkstoff bei einem männlichen Fetus zu Schäden führen kann.“ Oder dass die tagelang anhaltende gerinnungshemmende Wirkung von ASS Probleme verursachen kann, wenn der Wirkstoff vor operativen oder zahnärztlichen Eingriffen nicht rechtzeitig abgesetzt wird. Außerdem rät er davon ab, mit nicht-rezeptpflichtigen Corticoid-Cremes große Körperoberflächen zu behandeln.

Ist die Auflistung von Nebenwirkungen hilfreich?

Der Bild-Beitrag selbst ist allerdings stellenweise fragwürdig. Denn ist eine Auflistung von Nebenwirkungen ohne Angabe der Häufigkeit oder sonstige Kommentierung für Anwender hilfreich? So wird bei den Statinen an erster Stelle „Muskelschmerzen bis zur Zersetzung von Muskelfasern“ genannt. Diese treten bei Statinen zweifelsohne auf. Myalgien kommen tatsächlich je nach Wirkstoff und Dosierung unter Umständen häufig vor, die gefürchtete Rhabdomyolyse ist aber definitiv eine seltene Nebenwirkung. Ebenso wie übermäßige, langanhaltende und schmerzhafte Erektionen unter Sildenafil. Ein Hinweis darauf? Fehlanzeige. Und auch die klinische Relevanz des Reye-Syndroms, das nach Aspirin-Gabe bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit einer Virusinfektion auftreten kann, ist fraglich. Zudem fehlt jeglicher Hinweis, wie denn vorzugehen ist, wenn eine dieser Nebenwirkungen beobachtet wird. Absetzen? Den Arzt oder Apotheker fragen? Ignorieren? Darüber lässt die Bild ihre Leser völlig im Dunkeln. 

Stark vereinfacht, meist wenigstens nicht ganz falsch

Die Erklärungen, wie die jeweiligen Arzneimittel wirken, sind zwar sehr vereinfacht, aber immerhin größtenteils nicht ganz falsch. So kann man, wenn man die Wirkung der HMG-CoA-Reduktase, die ja bekanntermaßen das Schlüsselenzym der Cholesterolsynthese ist, schon großzügig in „ein Enzym im Körper, das Cholesterin produziert“ übersetzen. 

Bei der Erklärung, dass Sildenafil bei Patienten mit Herzproblemen eingesetzt wird, weil es die Herzgefäße entspannen soll, stellen sich einem dann allerdings doch ein wenig die pharmazeutischen Nackenhaare auf. Das würde ein Apotheker vermutlich anders erklären. Ebenso wie die Wirkung der Betablocker, die laut Bild den Herzschlag verlangsamen und dadurch den Blutdruck senken sollen. Denn die Minderung der Herzleistung, genauer gesagt, des Herzzeitvolumens, spielt bei der antihypertensiven Wirkung der Betablocker wohl mit eine Rolle, den genauen Mechanismus kennt man aber einfach nicht.

Aber genau aus diesem Grund heißt es ja auch, dass Patienten zu Risiken und Nebenwirkungen ihren Arzt oder Apotheker fragen sollen – und eben nicht die Bild-Zeitung.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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4 Kommentare

Irreführung

von Reinhard Rodiger am 05.07.2017 um 11:29 Uhr

Die mediale Positionierung des alleinigen "Arzneimittelexperten" deutet auf andere Ziele als Aufklärung.
Auffällig ist die einseitige Instrumentalisierung, die eben das Ansprechen der eigentlich wichtigen Fragen verdrängt.
Bedauerlich, dass der "Experte" das so geschehen lässt oder eben auch so will.

Ich vermisse eine vergleichbare medial unterstützte Debatte zu den Nebenwirkungen der Rabattverträge, zu denen sich der gleiche "Arzneimittel-Experte" jüngst sehr kritisch geäussert hat.Nur eben nicht vergleichbar öffentlich.

Es ist schade, dass damit die wirklich relevanten Fragen im öffentlichen Bewusstsein so heruntergespielt werden.

Damit endet die positive Funktion eines Experten, der nur alles wesentliche ausklammert.

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Der Professor und die Medien.

von Heiko Barz am 04.07.2017 um 10:52 Uhr

Der Herr Professor aus Bremen hat augenscheinlich ein Profilierungsproblem.
Wer unserer Bevölkerung via "Bild" belehrend erklärt, wieviele Nebenwirkungen bei Arzneimitteln zu erwarten sind, der macht den eigenen Berufstand zum Kaspertheater, denn ein Großteil der Kollegenschaft steht seit je her zu dieser Arzneimittel-Aufklärungsarbeit.
Diese Nestbeschmutzung des Herrn Professors ist lange bekannt, dass dieser Herr sich aber damit seine Börse befüllt, ohne dass ihm parallel ein Diskussionskontrahend argumentativ entgegnen kann, ist schon lange mediale Praxis.

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Dafür haben wir jetzt den Professore gebraucht

von Ratatosk am 03.07.2017 um 19:01 Uhr

Endlich eine revolutionäre Erkenntnis vom Herrn Professor !
Wer hätte das ahnen können, daß Medikamente Nebenwirkungen haben können und korrekt angewendet werden müssen ?
Hatte vorher ja noch niemand gewusst !
In dieser Form gefährdet dies eindeutig jede sinnvolle medikamentöse Prophylaxe.

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AW: ...........und die Arbeit

von Dr. Christian Meisen am 03.07.2017 um 20:43 Uhr

den irritierten Leser dieses "Organs" wieder in die Spur der Compliane oder Adhärenz zu bringen. Für Umme natürlich, während ein "Nichtpraktiker" sich anscheinend von wenig Niveau abhalten lässt, sein Salär aufzubessern! Mensch Glaeske, wenn Sie wirklich noch etwas auf die Kette bringen wollen und können, setzen Sie sich doch für die relvanten Themen ein...... Mir fällt da so einiges ein, was auch eher in Ihre Themenwelt passen würde: z. B. Lieferfähigkeit, fehlende Antibiotikaforschung and so on....
Wie sagt man in Köln: Lot jon!

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