Fachtagung Sozialpharmazie

Muss jeder Apotheker alles können?

Düsseldorf - 17.05.2017, 14:55 Uhr

Was muss Standard sein? Bestimmte Beratungsleisten sollte jeder Apotheke anbieten, auf andere hingegen sollte man sich spezialisieren, findet Apotheker Nico Kraft.  

Was muss Standard sein? Bestimmte Beratungsleisten sollte jeder Apotheke anbieten, auf andere hingegen sollte man sich spezialisieren, findet Apotheker Nico Kraft.  


Patienten sollen nach Ansicht der Standesvertretung in jeder Apotheke die gleiche Leistung erhalten. So soll zum Beispiel überall ein Medikationsmanagement durchgeführt werden können. Doch wäre nicht in manchen Bereichen doch eine Spezialisierung notwendig? Apotheker Nico Kraft aus Köln ist dieser Meinung. 

Was gilt es zu beachten, wenn ein HIV-Patient den Genmarker HLA-B*5701 aufweist? Vermutlich können das nicht alle Apotheker aus dem Stegreif beantworten. Anders Nico Kraft. Der Apotheker aus Köln arbeitet in einer Apotheke, die sich unter anderem auf die Betreuung von HIV-Patienten spezialisiert hat. Am Beispiel dieser Patientengruppe, die allein durch ihre antiretrovirale Therapie immer eine Polymedikation erhält, erklärt er auf seinem Vortrag auf der Fachtagung Sozialpharmazie in Düsseldorf, in welchem Rahmen AMTS in der Apotheke möglich ist.

So biete sich beispielsweise bei Stammpatienten eine Reichweitenanalyse an, anhand derer sich die Adhärenz nachvollziehen lässt. Gründe für Non-Adhärenz können dann gemeinsam mit dem Patienten erörtert werden. Zudem könne dieser per SMS daran erinnert werden, sich rechtzeitig ein neues Rezept zu besorgen. Dann sind natürlich bei HIV-Patienten Interaktionen ein großes Thema. Auch eine gut gepflegte Kundenkartei sei wichtig, sowie das CAVE-Modul, wo Allergien und Unverträglichkeiten hinterlegt sind. Außerdem könne die Apotheke prüfen, ob die jeweilige Darreichungsform geeignet ist, zum Beispiel weil das Arzneimittel über Sonden gegeben werden muss. 

„Viel mehr wäre in der Apotheke möglich“

Und auch in der Selbstmedikation kann der Apotheker laut Kraft so einiges zur AMTS beitragen. So könne man, erklärt der Apotheker, einem HIV-Patienten nicht ohne weiteres Präparate wie Echinacea oder Umckaloabo geben. Je nachdem wie es um das Immunsystem bestellt ist, sei das unter Umständen keine gute Idee.

In Krafts Augen wären jedoch noch viel mehr AMTS-Maßnahmen in der Apotheke möglich. Dazu bedarf es aber seiner Ansicht nach einiger Veränderungen. Zum Beispiel, was das Honorar betrifft oder die Vernetzung von Ärzten und Apothekern. Außerdem hätte er gerne die Möglichkeit zu handeln, wenn ein Arzt tatsächlich bei einer schweren Interaktion uneinsichtig sein sollte und auf Fortführung der Therapie beharrt. 

Spezialisierung ist derzeit nicht möglich

Er findet, dass Apotheker sich spezialisieren sollten. „Keiner kann alles können.“ so Kraft. Sein Wunsch: An den Hochschulen solle die Pharmakotherapie großer Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie verstärkt gelehrt werden, die sollte seiner Ansicht nach auch jeder Apotheker beherrschen. Aber in anderen Bereichen, wie eben HIV, hält er eine Spezialisierung für notwendig, um wirklich kompetent beraten zu können. Bislang gebe es nur nicht einmal die Möglichkeit dazu. Er würde sich beispielsweise einen Fachapotheker für Infektiologie wünschen. Im Moment besucht er hauptsächlich Fortbildungen für Ärzte, um sich sein Spezialwissen anzueignen.

Eben zum um Beispiel dazu, was es mit dem Genmarker HLA-B*5701 auf sich hat. Denn weist ein Patient diesen auf, soll der Wirkstoff Abacavir nicht angewendet werden. Das Risiko für Überempfindlichkeitsreaktionen ist dann erhöht. Per Gentest muss das vor einer Behandlung ausgeschlossen werden. Und das ist nur ein Beispiel von vielen für Spezialwissen, das für viele Apotheker keine Rolle spielt, für einen, der HIV-Patienten betreut aber essenziell ist. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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9 Kommentare

...jeder nicht alles können...

von Klaus Mellis am 21.05.2017 um 13:51 Uhr

Die hoheitliche Aufgabe des Apothekers in einer öffentlichen Apotheke ist in Deutschland gesetzlich vorgegeben, nämlich: die ordnungsgemässe, flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln (Punkt).
Auf Grund der geltenden AM-Preisverordnung und des Kontrahierungszwangs ist jede Apotheke verpflichtet, alles Verordnete zu liefern und dabei Patienten zu beraten - und das bei verschreibungspflichtigen Arzneien immer zum selben Preis von Sylt bis Berchtesgaden.
Wer genau diese flächendeckende Grundversorgung nicht (mehr) zeitgemäß findet, der sollte nach Spezialisierung rufen - und das als Alternative zum jetzigen, bewährten Versorgungssystem.
Wer aber die Chance unseres regulierten Marktes erkennt und die Freiberuflichkeit beibehalten möchte, der erhält die flächendeckende Versorgung als Grundleistung und gibt Anreize, eine Spezialisierung individuell anzugehen.
So werden die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nach Sicherheit und Versorgung nicht mißachtet und die Chance auf eine Weiterentwicklung des Systems wird eröffnet - übrigens völlig ohne Eingriff von innen oder außen! Das geht nämlich schon heute...

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Ein sehr guter Kommentar

von Christian am 18.05.2017 um 13:00 Uhr

Nicht jeder kann alles können und in nahezu jeder Berufsgruppe gibt es Spezialisierungen. Je besser sich jemand mit bestimmten Medikationen auskennt (wie im oben genannten Beispiel) und Erfahrung sammelt, desto eher und schneller kann er Problemstellungen erkennen und Lösungsstrategien abrufen und desto präziser werden diese Lösungen. Das sollte zukünftig auch finanziell honoriert werden, wenn die Datenlage das her gibt. Leider gibt es noch viel zu wenig Fachgruppen zum Austausch, womit wir international gesehen sicherlich einigen Rückstand haben.

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AW: Ein sehr guter Kommentar

von Alexander Zeitle am 19.05.2017 um 23:45 Uhr

so richtig

Grundlage

von Reinhard Rodiger am 18.05.2017 um 12:33 Uhr

In Zeiten, in denen es im Kern um die Entmündigung der Fachkompetenz von Arzt/Apotheker geht, ist eine Debatte um erhöhte Spezialausbildungen nicht zielführend. Denn das fördert die angestrebte Entwertung der Basiskompetenz.

Nicht jeder muss alles können, aber er sollte die Übersicht haben und weiterleiten, wenn nötig.In der Breite liegt ein grosser Teil der Bedeutung des Berufs.Da liegt die Notwendigkeit der angemessenen Beschreibung und Anerkennung. Das geschieht nicht.

Solange die Grundlage nicht akzeptiert wird,ist die Möglichkeit der Spezialisierung nur eine Ablenkung vom eigentlichen Problem .

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Kokettieren ist hier nicht zielführend

von Ratatosk am 18.05.2017 um 9:51 Uhr

Dieses Pseudokompetenzgehabe ist leider nicht zielführend. Der Kollege wird auch viele wichtige Felder haben, bei denen er relativ blank ist, anderes anzunehmen währe illusorisch.
Niemand kann alles gleich gut, einen gute Basis braucht man, wird leider von GKV und Politik gerade zerstört. Örtlich gibt es dann eben Bereiche die man stärker beackern muß, aber bitte hier keine peinliche Zurschaustellung mit " Genmarker HLA-B*5701 " !?
Und in der jetzigen politischen Lage wäre jede auf Weiterbildung basiserende Umstellung der Vergütung ganz sicher ein Weg für die GKV zur Preisdrückerei und ein weiteres Bürokratiemonster, war doch die letzten 30 Jahre so, warum sollte der Geist jetzt über die Verantwortlichen gekommen sein.

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Infektiologie

von Holger am 18.05.2017 um 8:57 Uhr

Chapeau, Herr Kollege Kraft, finde ich prima!
Kleiner Hinweis noch am Rande:
Die Bereichsweiterbildung Infektiologie gibt es für Apotheker bereits, wenngleich noch nicht in allen Kammern. Hier ein Beispiel

https://www.lak-bw.de/aus-fort-weiterbildung/weiterbildung/seminarplan-weiterbildung/wb-bereich-infektiologie.html

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Vorsicht mit Schlussfolgerungen

von Michael Mischer am 17.05.2017 um 15:45 Uhr

Ich halte die Frage für schlecht formuliert. Würde man sie bejahen, würde man eine unerfüllbare Forderung aufstellen. Denn es dürfte unstrittig sein, dass nicht jeder Apotheker alles gleich gut können kann. Die Frage ist aber, welche Schlussfolgerung man aus dieser Erkenntnis zieht:

So kann es, je nach Lage und Kundenstamm durchaus sinnvoll sein, sich zu spezialisieren um durch spezielle Angebote Kunden zu binden und neue zu akquirieren. Das ist ein sinnvolles Instrument des Marketings und letztlich ist offen, ob Kunden der Spezialisierung oder die Spezialisierung den Kunden folgt – vermutlich im Erfolgsfall von beidem etwas.

Zu diskutieren ist, ob bestimmte Angebote nur von Inhabern spezieller Qualifikation erbracht werden dürfen - ähnlich wie es auch im Leistungskatalog der Ärzte auch Leistungen gibt, die nur von bestimmten Facharztgruppen erbracht werden dürfen. Im Fall der Apotheke dürfte aber die Abgrenzung hier durchaus problematisch sein, denn wo eine parallele Betreuung eines Patienten durch mehrere Fachärzte sinnvoll ist, ist eine regelmäßige Betreuung durch mehrere Apotheken schwer vorstellbar. Hier sollten vor Artikulierung entsprechender Forderungen noch detailliertere Überlegungen erfolgen.

Problematisch wäre meines Erachtens aber die Schlussfolgerung, dass bestimmte Patientengruppen nur von bestimmten spezialisierten Apotheken (oder angesichts der Tatsache, dass Personen und nicht Institutionen sich fortbilden und spezialisieren eher Apothekern?) betreut werden dürfen. Neben der Abgrenzungsproblematik ist auch nicht vermittelbar, dass das Apothekenwahlrecht der Patienten eingeschränkt würde – wissend, dass Spezialisierung das Vorhandensein aus-reichend großer Patientenklientele voraussetzt und daher primär im urbanen Raum erfolgen wird.

Daher: So sehr ich verstehe, dass Apotheken Schwerpunkte setzen wollen und müssen – der Ruf nach einer Pflicht zur Spezialisierung sollte mit einer gewissen Vorsicht erfolgen.

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AW: Vorsicht mit Schlussfolgerungen

von S. Wagner-Schröer am 17.05.2017 um 19:11 Uhr

Ich denke, jeder Apotheker sollte einen gewissen Grundstock an Wissen drauf haben. Spezialisierungen wie HIV Patienten sind ja eher selten. Aber es kann auch nicht sein, dass Apotheker - oder das Personal - mit MTX oder Bonviva nichts anfangen können. Zudem erlebe ich immer öfter Patienten die seit Jahren PPI´s und/oder Statine bekommen und mich groß anstarren, wenn ich sie auf problematische Magnesiumspiegel hinweise. Sie diskutieren hie rauf hohem Niveau über Spezialisierung und im Alltag funktioniert nicht mal die einfachste Beratung. Der Klassiker: Statine und Ca-Kanalblocker Amlodipin. Das ist einfachste Materie. Statt dessen wird gefragt - "Sie kennen die Medikamente? Haben Sie sonst noch einen Wunsch? Dann kostet das...."
Spezialisierung im Ausnahmefall ja, aber ansonsten eine Fortbildungspflicht für das gesamte Personal!!!

AW: Vergütung

von Holger am 18.05.2017 um 8:52 Uhr

Das lässt sich leicht lösen. Der nachweislich weiter-/fortgebildete Spezialist darf ein höheres Beratungshonorar abrechnen, als der Nicht-Spezialist. Was meinen Sie, wie auf einmal das Interesse (der Chefs!!!) an Fort-/Weiterbildung ihrer Mitarbeiter wächst :-)

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