Welt-Zöliakie-tag

Ist Glutenverzicht für Gesunde schädlich?

Stuttgart - 16.05.2017, 14:15 Uhr

Mandel- oder Reismehl: Aufgrund des Trends zur glutenfreien Ernährung bekommt man Mehl-Alternativen im normalen Supermarkt. (Foto: baibaz / Fotolia)

Mandel- oder Reismehl: Aufgrund des Trends zur glutenfreien Ernährung bekommt man Mehl-Alternativen im normalen Supermarkt. (Foto: baibaz / Fotolia)


Glutenfreie Diäten, ohne dass dafür eine medizinische Notwendigkeit wie eine Zölikaie besteht, sind im Trend. Alle möglichen Gesundheitsversprechen werden damit verknüpft. Unter anderem, dass durch einen Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel das Risiko für bestimmte Herzerkrankungen gesenkt werden könne. Einer aktuellen Untersuchung zufolge kann unter Umständen sogar das Gegenteil der Fall sein. 

Weizen, Roggen, Gerste und andere Getreidesorten enthalten Gluten als Speicherprotein. Es führt bei Zöliakie zu immunologisch vermittelten Entzündungen und intestinalen Schäden. Doch nicht jeder, der auf Weizen reagiert, leidet an Zöliakie. Deren Prävalenz in Deutschland liegt etwa bei 0,3 Prozent. Forschung und Öffentlichkeit beschäftigen sich zunehmend auch mit Weizenallergie und „Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitiviät“. An der Namensgebung lässt sich ablesen, dass Letztere nicht allzu gut erforscht ist.

Prospektive Langzeitstudien, die den Zusammenhang von Gluten mit chronischen Erkrankungen wie der koronaren Herzkrankheit (KHK) untersuchen, fehlten bislang. Eine aktuelle Studie hat sich nun dieser Frage gewidmet. Sie wertete die Daten von 64.714 Frauen der Nurses‘ Health Study (NHS) und 45.303 Männern der Health Professionals Follow-up Study (HPFS) aus. Dazu unterteilte sie die Teilnehmer nach der Menge ihres Glutenverzehrs in fünf Gruppen. Die Probanden füllten seit 1986 alle vier Jahre ausführliche Fragebögen zu ihren Ernährungsgewohnheiten aus. 2431 Frauen und 4098 Männer entwickelten in 26 Jahren Nachbeobachtungszeit eine KHK. Anders als erwartet zeichnete sich zunächst in der Gruppe mit dem höchsten Glutenverzehr sogar ein erniedrigtes KHK-Risiko ab. Nach Bereinigung der Daten um Einflussfaktoren wie Body-Mass-Index, Diabetes, Arzneimitteleinnahme, Hypertonie konnte kein signifikanter Unterschied in der Erkrankungshäufigkeit zwischen der Gruppe mit dem höchsten und der Gruppe mit dem niedrigsten Glutenverzehr ermittelt werden.

Bei Gluten-Verzicht auf ausreichend Vollkorn achten

Das Fazit lautet also: Wer nicht an Zöliakie leidet, aber meint, auf Gluten empfindlich zu reagieren, kann versuchen, sich glutenarm zu ernähren. Jedoch wird man dadurch sein persönliches kardiovaskuläres Risiko nicht mindern und nach aktuellem Kenntnisstand auch sonst nicht gesundheitlich davon profitieren. Vielmehr ist darauf zu achten, dass nicht das Gegenteil der Fall ist. Denn bei glutenfreier Ernährung besteht die Gefahr, dass sich zu wenige Vollkornprodukte auf dem Speiseplan befinden. Diese wirken sich nämlich günstig auf das kardiovaskuläre Risiko aus.

Vollkorn ohne Gluten

Die deutsche Zöliakiegesellschaft stellt im Internet glutenfreie Rezepte zur Verfügung, zum Beispiel für ein glutenfreies Vollkornbrot aus Hirse, Mais und Buchweizen. Weitere glutenfreie Vollkornmehle lassen sich aus Quinoa, Amaranth oder Vollkorn-Reis herstellen. 

Am heutigen Dienstag findet der Welt-Zöliakie-Tag statt. Weitere Infos zur Erkrankung gibt es bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft unter www.dzg-online.de. 

Bei von Zöliakie Betroffenen hingegen ist der Verzicht auf Gluten stark zu empfehlen. Einmal wegen der belastenden Symptomatik. Aber auch, weil sich sonst ihr Risiko für weitere Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1, Autoimmunthyreoiditis erhöhen kann. Der Verdacht, dass Gluten diese Entzündungsvorgänge auch fördert, wenn gar keine Zöliakie vorliegt, führte zur immer größeren Beliebtheit glutenreduzierter Diäten. Fast 30 Prozent der Erwachsenen in den USA gaben bis zum Jahr 2013 an, sich glutenarm zu ernähren oder komplett auf Gluten zu verzichten. Nun sind glutenfreie Produkte aber nicht nur deutlich teurer – ihr gesundheitlicher Nutzen ist beim gesunden Verbraucher, wie gesagt, durchaus fraglich.


Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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