Kommentar

Goodbye, FDP!

Stuttgart - 03.05.2017, 10:30 Uhr

Apothekenpolitischer Tabu-Bruch: Bei der FDP steht das F jetzt für
Fremdbesitz. Ein Kommentar von Christian Rotta. (Foto: dpa)

Apothekenpolitischer Tabu-Bruch: Bei der FDP steht das F jetzt für Fremdbesitz. Ein Kommentar von Christian Rotta. (Foto: dpa)


Es ist der apothekenpolitische Tabubruch des Jahres – für die FDP, aber auch für das gewachsene System der Arzneimittelversorgung in Deutschland: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine Partei in ihrem Wahlprogramm erklärt, das bestehende Fremdbesitzverbot bei Apotheken aufheben zu wollen. Ein Kommentar von Christian Rotta.

Die FDP, einst als „Apotheker-Partei“ apostrophiert (was nie stimmte), hinterlässt nach ihrem Bundesparteitag in Sachen Arzneimittelversorgung verbrannte Erde. Nicht einmal Bündnis 90/Die Grünen hatten unter der Ägide ihrer gesundheitspolitischen Sprecherin Biggi Bender so unzweideutig dem bestehenden Netz inhabergeführter Apotheken den Krieg erklärt wie die FDP auf ihrem jüngsten Bundesparteitag.

Die Freunde des Fremdbesitzes können jubeln: Lindner macht’s möglich! Ob die Rechnung für den hippen Vorsitzenden und sein Deregulierungsteam aufgeht? Immerhin hatte sich die FDP viele Jahre als Anwalt der freien Berufe verstanden – und die waren und sind seit jeher (und aus gutem Grund) sehr viel stärker in ein rechtliches Gefüge eingebunden als andere Professionen.

Das ist bei Apothekern nicht anders wie bei Ärzten oder Rechtsanwälten. Auch dort ist ein Fremdbesitz weitestgehend ausgeschlossen. Dass die von der FDP favorisierte Zulassung von Apothekenketten und die Etablierung renditegetriebener Kapitalgesellschaften über kurz oder lang auch auf alle anderen freien Berufe übergreifen würde, scheint da in letzter Konsequenz noch nicht allen Beteiligten bewusst zu sein.

Fest steht: Bislang haben – trotz alledem – nicht wenige Apothekerinnen und Apotheker den Liberalen bei Landtags- und Bundestagswahlen ihre Stimmen gegeben. Damit dürfte es jetzt vorbei sein. Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber (Brecht). Wer kann schon so naiv sein, eine Politik zu unterstützen, die die eigene unternehmerische Existenzgrundlage in den Abgrund zieht?

Linder & Co. haben sich entschieden: Ketten-Pharmazie statt inhabergeführte Apotheken, renditegetriebene statt heilberufliche Arzneimittelversorgung, Barfuß-Pharmazie à la Hüffenhardt statt intaktem Apothekennetz. Und auch die allermeisten Apothekenleiter und ihre Mitarbeiter dürften bei den anstehenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und im Bund zumindest wissen, für wen sie nicht votieren. Goodbye, FDP! Das F steht jetzt für Fremdbesitz.


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11 Kommentare

Perspektive

von Reinhard Rodiger am 03.05.2017 um 19:54 Uhr

"Wenn eine glaubwürdige und offensiv vertretene Perspektive fehlt, bleibt dem Protest nur noch der Rückzug ins Expressive und Irrationale." (Jürgen Habermas)

Jeder denke sich sein Teil zur Gültigkeit dieser These.

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"Schöner scheitern mit dem FDP-Chef "

von Uwe Hansmann am 03.05.2017 um 15:09 Uhr

Die passende Überschrift zum FDP-Oberschwadroneur hat die FAZ im Netz schon mal ganz modern und digital geliefert.

FAZ.net vom 05.03.2017 . . . lesenswert!

Mehr muß nicht gesagt werden zu

Christian Lindner

Schöner scheitern mit dem FDP-Chef

Christian Lindner hat vor 15 Jahren eine Start-up-Firma in den Sand gesetzt. Heute macht er darüber Witze, wie jetzt auf der „Fuckup-Night“ in Frankfurt. Seine Story hilft ihm fürs eigene Profil.
05.03.2016, von JONAS JANSEN

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FDP und ABDA

von Karl Friedrich Müller am 03.05.2017 um 14:56 Uhr

Dann brauchen wir für eine poplige Salicylvaseline einen "Spezialversender"
So dumm, diese Leute, weil sie über Dinge urteilen, die sie nicht kennen und schon gar nicht verstehen.
Derweil sich unsere ABDA anfühlt wie die Adligen im Mittelalter, die sich auf Kosten der Unfreien durchschmarotzten, in Saus und Braus lebten, an der Realität vorbei ("esst doch Kuchen, wenn ihr kein Brot habt")
Wenn das Geld knapp war, eben mal Steuern und Arbeitsleistung erhöhten, aber sonst mit dem Volk nichts zutun haben wollten.
Wir sollten zuallererst mal gegen die ABDA streiken. Oder wenigstens demonstrieren.
Vielleicht wäre das so peinlich für die Unnahbaren, dass sie doch mal den Hintern aus den bequemen Sesseln bekämen.

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AW: FDP und ABDA

von Thomas Luft am 03.05.2017 um 17:57 Uhr

So sehr ich bei einem "Streik" gegen die ABDA dabei wäre, so schwierig ist das in der Umsetzung: bei der Kammer drohen bei Nicht- bzw. Teilbezahlung der "Mitgliedsbeiträge" gleich zahlreiche Strafmaßnahmen. Und mit dem lokalen Verband habe ich wenig Schmerzen, nur mit dem Geld, das er "nach oben" abführen muss, tue ich mir inzwischen echt schwer. So lange ich da aber der Einzige bin und solange Verbands-Mitgliederversammlungen nur von 20-30 Mitgliedern wahrgenommen werden, so lange werde ich mich in diesem Bereich nicht mehr großartig engagieren. Stammtischparolen sind das Eine, Machen ist aber etwas völlig anderes! Manchmal träume ich ja von einer Verbands-MV, die mehrere hundert Teilnehmer hat und ad hoc den ABDA- bzw. DAV-Austritt beschließt. Es wird wohl beim Traum bleiben...

AW: FDP und ABDA

von Karl Friedrich Müller am 03.05.2017 um 18:45 Uhr

Es ist so, wie Sie schreiben.
Mit Apothekern bewegt man nichts. Deshalb habe ich im Konjunktiv geschrieben.
Wenn ich lese, dass sich 67% von den Aktionen von DocMorris überhaupt nicht betroffen fühlen, wundere ich mich schon.
Das Desinteresse ist enorm.
Übrigens hätte ich nicht an einen Beitragsstreik gedacht, eher an eine Demo vor dem Apothekerhaus. Das ist natürlich genau so Utopie.
Gewählten Eliten ist die Wahlbeteiligung auch egal. Sie beanspruchen trotzdem die Macht.

AW: FDP und ABDA

von Martin Didunyk am 04.05.2017 um 12:21 Uhr

Lieber Kollege,

wie auch immer. Differenzieren sollten wir. Die Kammern sind - auf gesetzlicher Grundlage - Organe der (unpolitischen / politisch unabhängigen) Selbstverwaltung und Kontrolle. Diese müssen wir in ihrer Rolle und Kompetenz akzeptieren und unterstützen. Deren Rolle hat allerdings einen Anfang und Ende. Aktuell tun die Kammern vermutlich sogar mehr als sie sollten, nämlich sie nehmen teil-politische Aufgaben wahr. Für dieses Engagement, über den eigenen Rand hinaus, kann man den Kammern nur danken. Ob und wie erfolgreich dieses ist, steht auf einer anderen Karte.

Freiwillig organisiert sind wir jedoch in Verbänden, zB den Landesverbänden. Deren Funktion hat keine hoheitlichen oder ordnungspolitischen Komponenten. Hier könnten wir - wenn wir wollten - klare Aufgaben stellen und deren Erfüllung fordern. Hier sind Lobbyisten, die in unserem Auftrag tätig sind - da wir die Rechnung bezahlen.

Dies wäre aber zu einfach.
In unserem Fall verbrüdern sich Organe der Selbstverwaltung (Kammern) und freiwillige Verbände auf anderen Ebenen in anderen Vereinen/Verbänden, bis es zur ABDA kommt.
Im Herz der ABDA schlagen also Herzen der Kammern und Herzen der Verbände. Dies dürfte im Rahmen der hochregulierten Bedingungen noch geradeso funktionieren. Mit jeder möglichen Liberalisierung, wie es seit 2004 der Fall ist, werden aber Kammern und Verbände zwangsweise zu Gegenspielern (in einem lebendigen System).
Ein inhaltlicher "Kampf" führt dann automatisch zum Konsens.
In unserem Fall ist Konsens verordnet worden, Veränderungen ignoriert.
Ein Teil gibt Gas, ein Teil bremst.
Eine Spitzenorganisation wie ABDA in der heutigen Konstellation erzeugt dann im besten Fall eine innere Reibung und produziert nicht mehr als politisch korrekte, weichgespülte Parolen. Ein Teil der Lösung wäre sicher berufspolitischer Pluralismus. Dieser hat aber Feinde, nämlich die heutigen inneren Strukturen.

so ist es !!

von Martin Didunyk am 03.05.2017 um 11:39 Uhr

Lieber Herr Dr. Rotta,

so ist es !!
Vielen Dank für Ihren kompetenten und klar formulierten Beitrag.

Ebenso danke, für eine klare politische Positionierung und eine Bekenntnis zu dieser.

Schade, daß unsere "nativen" Lobbyverbände nicht zu klaren Statements und Positionen fähig sind.
Diese sind so in "political correctness" gefangen, daß der Ausdruck "inkonsistent" wohl das Maximum unserer berufspolitischen Kraft nach außen darstellt.

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AW: so ist es

von Heiko Barz am 04.05.2017 um 11:41 Uhr

Ein in politischer Ebene denkender Mensch, so wie Friedemann S. hält sich immer ein 'Hintertürchen' offen, durch das er hindurchschlüpfen kann, wenn die eigen Wegbeschreibung offensichtlich nicht zum Ziel führt. Er und 'unser' Justitiar Tisch, genau vor einem Jahr::- Wir brauchen keinen Plan B! -
Denken wir doch auch an die breit getretene Diskussion, geführt bis in die Basis unseres Berufstandes, um die berufsspezifischen Fragen unserer Zukunft : 2030 !!!
Wieviel Idealismus müßten wir derzeitig aufbringen, um diese Ziele bei der derzeitigen Berufslagediskussion zu erwarten.
Es ist absehbar, wenn nicht ein Wunder geschieht, dass der Beruf des Apothekers zwischen den Mahlsteinen der Kapitalgiganten zerrissen wird.
Das Wohl dessen, um den es eigentlich geht, nämlich des Patienten, ist längst aus dem Fokus verschwunden. Es geht hauptsächlich nur noch um Kapitalmaximierung der Partikularinteressenten.

AW: so ist es

von Martin Didunyk am 04.05.2017 um 12:03 Uhr

Lieber Kollege Barz,

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Wir, die Apotheker/innen haben tolle Spieler, aber sollten an unserer Strategie und Aufstellung "schrauben".
Und vor allem definieren, welche Ziele von wem und wie verfolgt werden.
Aktuell haben wir, ernähren wir, bezahlen wir ein (fast undurchsichtiges) Netz von "eigenen" Vereinen und Organisationen, die sich im Falle des Falles, vor allem durch Nichtreaktion, Falschreaktion, Fehleinschätzung auszeichnen.

Wir vermischen Aufgaben der Kammern, der (freiwilligen) Verbände. Beschuldigen Organe der Selbstverwaltung = Kammern des Nichtstuns - obwohl gar nicht deren Job und nehmen nicht frei gewählte und selbst finanzierte Organe = Verbände in Pflicht.

Spätestens bei Hybriden wie ABDA verwischen jedoch die Grenzen, da ein Spitzenorgan aller Verbände. Eigentlich eine merkwürdige Institution.

Etwas abgedroschen ist die Weisheit "Wenn Du merkst, daß Du ein totes Pferd reitest, steig ab...". Im Falle unserer Lobbyisten reiten aber 20000 Kolleginnen/en ein totes Pferd und wollen es nicht wahrhaben.

Lindner

von Frank ebert am 03.05.2017 um 11:29 Uhr

Lindner,Schulz-Asche, Roth, Beck, Lauterbach, Leikert, Göring-Eckhardt, Dittmar, Ralf Jäger, Künast, Peters, Schulz,Seehofer,F. Schmidt, L.Tisch----was für eine Generation von Dilettanten.

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Wahl 2017

von Dr.DIEFENBACH am 03.05.2017 um 11:17 Uhr

Durch dieses"Bekenntnis "gilt:Die übelste Versuchung seit es freie Wählen gibt...

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