Walter Neff im Interview

Bürgermeister von Hüffenhardt ist „verwirrt“ wegen DocMorris

Hüffenhardt - 27.04.2017, 13:45 Uhr

Kein Weihnachtsgeschenk für Hüffenhardt: Eigentlich sollte der Abgabeautomat schon im vergangenen Jahr eröffnet werden – neben dem Bürgermeister Walter Neff sich am Tag vor Heiligabend ablichten ließ. (Foto: dpa)

Kein Weihnachtsgeschenk für Hüffenhardt: Eigentlich sollte der Abgabeautomat schon im vergangenen Jahr eröffnet werden – neben dem Bürgermeister Walter Neff sich am Tag vor Heiligabend ablichten ließ. (Foto: dpa)


„Gemeinde schließt Versorgungslücke dank Telepharmazie“, erklärte DocMorris vor einem Jahr. Doch Bürgermeister Walter Neff widerspricht dieser Darstellung, Präsenzapotheken würden die Versorgung gewährleisten. Der Abgabeautomat könne zwar eine „deutliche Verbesserung“ darstellen – doch das aktuelle „hin und her“ sei nicht glücklich, sagt Neff im DAZ.online-Interview. „Erst die Öffnung, dann die Schließung – es verwirrt“, erklärt er.

Die nach eigener Darstellung „Wohlfühlgemeinde im Kraichgau-Odenwald“ Hüffenhardt erregt derzeit deutschlandweit Aufsehen: Nachdem vor einigen Jahren die Apotheke im Ort schließen musste, eröffnete die niederländische Versandapotheke DocMorris in den ehemaligen Apothekenräumlichkeiten vergangene Woche einen Abgabeautomaten samt Videofunktion, um 8000 Arzneimittel sowie 500 gekühlte Präparate direkt vor Ort abgeben zu können. „Jetzt gibt es eine eHealth-Lösung für die rund 2.000 Einwohner“, hatte DocMorris schon im Februar 2016 erklärt – in einer Presseerklärung unter dem Titel „Gemeinde schließt Versorgungslücke dank Telepharmazie“. Nach einer kurzfristigen Schließung durch das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe konnte DocMorris durch Einreichung einer Klage erreichen, dass der niederländische Versender zumindest vorübergehend OTC-Präparate weiter abgeben darf.

Was sagt der örtliche Bürgermeister Walter Neff zu dem Geschehen in Hüffenhardt? Im vergangenen Jahr äußerte sich Neff so: „Die Schließung der Apotheke hat insbesondere unsere älteren und weniger mobilen Mitbürger getroffen, die seitdem mehrere Kilometer Wegstrecke bis in den nächsten Ort in Kauf nehmen müssen, um sich mit Arzneimitteln zu versorgen.“ DAZ.online hat am gestrigen Mittwoch erneut bei ihm nachgefragt. 

DAZ.online: „Was hier bei DocMorris passiert, ist alles andere als normal“, erklärt DocMorris-Chef Olaf Heinrich auf der Firmen-Webseite. Gilt Ähnliches auch für Hüffenhardt, Herr Neff?

Neff: Im Zusammenhang mit dieser Geschichte ja – ansonsten aber nicht.

DAZ.online: Sind Sie überrascht, dass der Automat wieder geschlossen wurde?

Neff: Nein, nicht wirklich. Aufgrund der Informationen von Seiten des Regierungspräsidiums, die uns durch Medienberichte erreicht haben, war es im Bereich des Denkbaren. Doch wir waren überrascht, dass der Automat nach der Eröffnung so schnell wieder geschlossen wurde. 

DAZ.online: Ist das Regierungspräsidium also nicht auf Sie zugegangen?

Neff: Nein. Wir sind eigentlich auch nur Vermieter der Räumlichkeiten, ansonsten sind wir außen vor. Das Regierungspräsidium interessiert insbesondere, dass die Versorgung gewährleistet ist. 



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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12 Kommentare

Präsenzapotheke oder Versand?

von Andreas Grünebaum am 28.04.2017 um 13:38 Uhr

Wenn ich den Bürgermeister richtig verstehe, hält er die "Automatenapotheke" für eine besondere Spielart einer Präsenzapotheke. Es handelt sich nicht um Versandhandel, lediglich der Apotheker ist nich vor Ort, sondern via Tele-Präsenz zugeschaltet. In diesem Falle gelten auf Deutschem Boden die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland: Apothekengesetz und Apothekenbetriebsordnung. Die "Apotheke" in Hüffenhardt erfüllt jedoch nicht annähern die Erfordernisse für eine Betriebserlaubnis (Fremdbesitz, Räumliche Gegebenheiten, Kontrahierungszwang etc.).
Vor Gericht wird es im Wesentlichen darum gehen, ob es sich nur wieder um eine "lustige Variante" des Versandhandels geht oder um das Inverkehrbringen von Arzneimitteln ausserhalb der Apotheke.

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Verwirrte Rechtsauffassung eines SPD-Amtsträgers ?

von Christian Timme am 28.04.2017 um 10:24 Uhr

Der Mann ist nicht "verwirrt", der Mann weiß ziemlich genau was er hier zugelassen hat und anschließend dazu sagt. Wie das Saarland bereits zeigte bedarf es nur weniger Personen, natürlich in den richtigen Positionen, um gegen geltendes Recht zu handeln. Europarecht, ein bisschen Hervorhebung und diese "Stammtischbrüder" sind die "Kings" im Ländle. Das war eine von langer Hand geplante Wahlkampf-Aktion in der sich ein SPD-Amtsträger willig einbinden lies und die "Betroffenen" dürfen sich der Gruppe der "blinden Hasenfüßler" zuordnen lassen ... eine absolutes "Meisterstück" und politisches Highlight in unserer Bananenrepublik ... Glückwunsch, ausrutschen wird zum normalen Tagesgeschäft ... ???

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AW: Verwirrte Rechtsauffassung oder aus Feind wird Freund ...

von Christian Timme am 28.04.2017 um 11:03 Uhr

Ergänzung: Wenn das so weiter geht, schlage ich Herrn Max-Robin Müller-Hood zum Bundesverdienstkreuz vor. Begründung: Aufdeckung der Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland.

So geht in Deutschland die Rechtsstaatlichkeit verloren

von Ratatosk am 28.04.2017 um 9:08 Uhr

So sieht eben einer der Repräsentanten des schleichenden Untergangs der Rechtsstaatlichkeit aus. Als Gemeinde die Bürger mit allem möglichen gängeln, aber wenn ein Großkapitalist kommt, gibt es keine Probleme, auch wenn man die Ordnungsmäßigkeit anzweifetl. 5km sind dort auch schon ein Notstand ? Kein Bestreben für eine Rezeptsammelstelle ? gut, könnte nicht genemigungsfähig sein, da die nächste Apotheke zu nahe.
Sollte es wirklich ein SPD ler sein, ist er aber in "guter Gesellschaft" , da bekommt man für solche Grenzverletzungen am Ende auch noch eine Belohnung, da man ja gegen alles unter dem Großkapital feindlich gesinnt zu sein scheint.
Vielleicht auch ein Besuch bei den Saudis, da man als 1. dern Versuchsballon gestartet hat.

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Neff

von Frank ebert am 27.04.2017 um 21:53 Uhr

So stelle ich mir einen Bürgermeister einer 2000 Seelengemeinde vor. Ein Narr

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Instrumentalisiert

von Rolf Jägers am 27.04.2017 um 15:52 Uhr

Da hat der Herr Neff wohl noch nicht verstanden, dass er von DocMorris komplett instrumentalisiert wird. Der Ort und dessen Einwohner ist denen völlig egal - sie wollen halt Fakten gegen die aktuelle Gesetzeslage schaffen. Damit kommen sie ja unfassbarer Weise immer wieder durch...

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Enthauptung und Kreuzigung in Hüffenhardt

von Peter Koschmieder am 27.04.2017 um 15:22 Uhr

Sehr geehrter Herr Neff,
vielleicht sollten Sie sich einwenig mit dem Produkt DocMorris und seine Finanzstruktur befassen. Als "alter" Sozi ist Ihnen doch ganz besonders an Gerechtigkeit gelegen, oder täusche ich mich da.
Ist es Ihnen womöglich entgangen, daß DocMorris zur Unternehmensgruppe Zur Rose Group AG gehört?
An dieser hat kürzlich die Matterhorn Pharma Holding knapp 6 Prozent der Aktie erworben.
Dieser schöne Schweizer Name der Holding täuscht einwenig über die eigentlichen Besitzer hinweg. Dahinter steckt zu 100 Prozent die Saudische Königsfamilie!
Das diese Familie auch andere Mittel gegen Kopfschmerzen in petto hat, brauche ich Ihnen wohl nicht erzählen.
Beispielsweise ist ALI MOHAMMED BAQIR AL-NIMR, der gegen die Königsfamilie protestiert hat, zu Enthauptung mit anschließender Kreuzigung verurteilt worden.
Er war bei der Festnahme 17 Jahre alt.
Und nun kommen Sie!!

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Shake, Baby, shake!

von Wolfgang Müller am 27.04.2017 um 15:15 Uhr

Was immer mehr zum eigentlichen, die ganze Szene durchschüttelnden Kracher wird:
Die Frage, ob das demnächst auch Alles so gehen wird, wenn statt "Des Bildschirms mit Automaten" da einfach ein ganz normales Lager bzw. ein "normaler" Automat auf 50 - 60 qm steht, und ein paar "Echte" Apotheker und/oder PTA. Arzneimittelhandel dann einfach als Nicht-Apotheken-Betriebserlaubnis-pflichtige Arzneimittelausgabestelle, ohne Notdienst, ohne Labor und Rezeptur. Und dann aber bitte: Nicht nur als Filiale, das wäre die ultimative, unfaire Willkür! Kann sich ja dann jeder selbst entscheiden, wie genau er die verschiedenen Elemente Menschlich/Technisch kombinieren will.

Was ja NICHT geht: Dass die "Rein Technische" bzw. "Fernberatungs-Variante" gegenüber der "Variante mit echten Menschen" sogar noch bevorzugt wird, wie es ja gerade geschieht. Denn: "Teure, weil viel größere Räume", "Notdienst" und "Rezeptur- plus Labor-Defizit-Zwang" sind nichts anderes als extreme Benachteiligungen.

Wie schon gesagt, eine irre Eulenspiegelei. Auch wenn mich jetzt erneut der einschlägige Hass trifft: Die "Wir" eigentlich genau so verdient haben, mit unserem dazu extrem gegensätzlichen "Immer Weiter Hochschrauben" der gerne auch hochnotpeinlichen Anforderungen an "Uns Selber". Möge es diesbezüglich auch bei "Uns" zu Etwas Gutem führen, einem grundsätzlichen Umdenken nämlich. Und nicht ausschließlich zu dem, was sich DocMorris erhofft .........

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"Nicht unentbehrlich!" Freudscher Versprecher?

von T. La Roche am 27.04.2017 um 14:30 Uhr

Genau das ist das Problem.
Der Bürgermeister hat dann 5-6 Stunden am Tag einen Automaten, der dann die Rosinen pickt.
Rezeptur, BTM, T-Rezepte, Lieferdefekte, Teemischungen, etc, dh alles was Arbeit macht und wo man wenig/gar nichts verdient oder gar Minus macht, das darf dann die Apotheke VorOrt erledigen.
Ich würde meine Rezeptsammelstelle aus so einem Ort entfernen und mir genau anschauen, wer sporadisch mit aus Hüffenhardt mit dem Komplexen zu mir kommt.

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AW: "Nicht unentbehrlich!"

von Hinnerk Feldwisch-Drentrup am 27.04.2017 um 14:40 Uhr

Danke für den Hinweis, Herr Neff meinte natürlich "nicht entbehrlich" - dies war leider ein Fehler auf unserer Seite... ist korrigiert.

Mut und sechsstellige Investition

von H.D.Backes am 27.04.2017 um 14:19 Uhr

Sehr geehrter Herr Neff, was den Mut
von DocMorris betrifft, bin ich und bestimmt
auch andere Kollegen bereit, sich einmal
mit Ihnen zu treffen und deren Vorgehensweise
zu erläutern.
Was die Kosten im sechsstelligen
Bereich angeht, daran wird der Händler
nicht im geringsten in seiner Existenz
gefährdet, für eine öffentliche Apotheke
ohne Haftungsbeschränkung wäre er
ruinös. Es besteht in der Hinsicht jedoch
keine Gefahr für DocMorris, da eine
Apotheke sich an die gesetzlichen
Vorgaben halten muss.

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Nicht rechtens! Egal!

von Gast23 am 27.04.2017 um 14:12 Uhr

"DAZ: Für Sie ist es also kein Problem, dass in ihrem Ort ein Automat steht, der vom Regierungspräsidium als unrechtmäßig angesehen wird?

Neff: Nein, wenn es für uns ein Problem gewesen wäre, hätten wir die Finger davongelassen."

Also ist es dem Politiker egal ob Gesetze eingehalten werden oder nicht? Interessante Rechtsauffassung!
Hätten die umliegenden Apotheker gewusst, welche Rechtsauffassung der Bürgermeister hier hat, hätte sich da bestimmt jemand gefunden, der dort etwas Ähnliches aufgezogen hatte, mit der örtlichen Politik! Wer braucht schon Gesetze, wenn es diesen Bürgermeister gibt!

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