Interpharm-Pädiatriesymposium

Nicht Knabberfische bessern die Neurodermitis, sondern die Zeit

Bonn - 03.04.2017, 15:45 Uhr

Kinderarzt Dr. Lars Lange auf dem Pädiatriesymposium auf der INTERPHARM in Bonn. (Foto: L.Preiss / DAZ)

Kinderarzt Dr. Lars Lange auf dem Pädiatriesymposium auf der INTERPHARM in Bonn. (Foto: L.Preiss / DAZ)


Leiden Säuglinge unter Neurodermitis, bessert sich diese in vielen Fällen um den dritten Geburtstag herum. Dieser natürliche Verlauf werde dann häufig dubiosen alternativmedizinischen Verfahren zugeschrieben, denen sich viele Eltern in ihrer Verzweiflung bis dahin zugewandt haben, berichtete Kinderarzt Dr. Lars Lange beim Pädiatriesymposium auf der Interpharm.

Neurodermitis, die häufigste chronisch entzündliche Erkrankung in der Kinderarztpraxis, beginnt meist sehr früh und bessert sich in vielen Fällen mit der Zeit. So leidet um den dritten Geburtstag nur noch ein Drittel der betroffenen Kinder an dauerhaften Beschwerden. Da die Haut ein Leben lang empfindlich bleibt, könne es zwar später später immer wieder zu Ausbrüchen kommen, erklärte Dr. Lars Lange in seinem Vortrag beim Pädiatrie-Symposium im Rahmen der INTERPHARM in Bonn. Doch die permanenten Beschwerden ließen in vielen Fällen nach.

Was sich genau in diesem Alter ändert, wisse man nicht. Doch dieser natürliche Verlauf öffne alternativen Therapien Tür und Tor, kritisiert der Mediziner. Denn leiden Säuglinge und Kleinkinder unter Neurodermitis, leide die ganze Familie mit: „Das Betroffene Kind schläft nicht, die Eltern folglich auch nicht. Das beeinträchtigt das tägliche Leben und auch die Partnerschaft. Und auch die Geschwister werden in Mitleidenschaft gezogen, weil  sich alles um das kranke Geschwister dreht.“ Das führe häufig dazu, dass sich Eltern in ihrer Verzweiflung alternative Therapiemethoden wie Bioresonanztherapie oder Knabberfische zu versuchen. „Irgendwann machen sie das fast alle.“ berichtet Lange. Dann besserten sich die Symptome und die Alternativmedizin soll es gewesen sein. 

Gentest mittels Handschlag

Auch nach Abklingen der akuten Neurodermitis-Beschwerden gelte es aber im Hinterkopf zu behalten, dass diese Kinder ein erhöhtes Risiko für Asthma, allergische Rhinitis oder Ekzeme behalten. Darauf wies Lange explizit hin. So litten Kinder mit einer Neurodermitis-Vorgeschichte mehr als doppelt so oft später an allergischer Rhinitis, wie Kinder ohne diese Anamnese. So sollten Eltern in diesen Fällen dann eher bei  andauerndem Husten an Asthma denken oder bei ständig verstopfter Nase an Heuschnupfen, erklärte der Kinderarzt. „Der ‚atopische Marsch' muss durchbrochen werden."

Auch auf die Ursachen der Neurodermitis  (oder des atopischen Ekzems, wie die Erkrankung medizinisch korrekt bezeichnet wird) kam Lange in seinem Vortrag zu sprechen. Ursache allen Übels sei ein Barrieredefekt, erklärte er. Genauer gesagt ein Defekt beim Fillagrin, einem Protein das strukturbildende Funktionen für die Epidermis hat und unter anderem der Aufrechterhaltung der physikalischen Barriere und der Hydratation der Haut beteiligt ist. Da dieser Defekt genetisch bedingt ist, achtet Lange in seiner Praxis auch immer auf die Haut der Eltern beim Händeschütteln, wie er erzählte. So deuteten tiefe Handlinien auf eine Mutation in diesem Gen hin. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass das jeweilige Kind tatsächlich an Neurodermitis und nicht an einem anderen Ekzem leidet. Jeder könne das auch bei sich selbst testen, so Lange weiter. Indem er mit den Händen über die Oberarme streicht. Fühlten diese sich rau an, liegt vermutliche eine Mutation im Fillagrin-Gen vor.


Julia Borsch (jb), Apothekerin
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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